Politik
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30. Juni 2009

Lettland: Auf alte russische Weise

 Von HANNES GAMILLSCHEG
Nils Usakovs, 33, lettischer Russe, wird auch mit Hilfe der Christdemokraten Bürgermeister von Riga. 

Nils Usakovs wird Bürgermeister in Riga - und damit der erste Russe, der einen so hohen Posten in Lettland erreicht, seit sich das baltische Land von Russland löste. Von Hannes Gamillscheg

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Bisher empfing Nils Usakovs Besucher in seiner winzigen Abgeordnetenkammer in Riga, die er mit zwei Kollegen teilte. Künftig wird er sie in repräsentative Gemächer leiten können; denn am 1.Juli wird der 33 Jahre alte Kommunalpolitiker zum Bürgermeister der lettischen Hauptstadt gewählt. Usakovs wird damit der erste Russe, der in Lettland einen derart hohen Posten erreicht, seit das baltische Land sich vor 19 Jahren von Russland löste.

Bei den Kommunalwahlen erhielt das von Usakovs geführte Harmonie-Zentrum 26 der 60 Sitze im Stadtrat, was nicht überraschte, da die russischsprachige Bevölkerung in Riga in der Mehrheit ist. Bisher aber hatten sich die lettischen Parteien zusammengetan und die "Russen-Partei" ausgegrenzt. Diesmal jedoch bildet das Harmonie-Zentrum, das nach Usakovs eigener Einschätzung 80 Prozent russischsprachige Wähler hat, eine Koalition mit den Christdemokraten, deren Spitzenkandidat Ainars Slesers ebenfalls unverhohlene Ansprüche auf das Bürgermeisteramt erhob.

Usakovs bekommt in der Dezernatsverteilung den Sozialbereich, während Vizebürgermeister Slesers die Wirtschaftsabteilung übernimmt, was Spekulationen auslöste, wer im Spitzenduo denn nun wirklich das Sagen hat. Doch für die russische Minderheit Lettlands ist Usakovs Wahl ein wichtiger Meilenstein. Er ist das Idol der Jugend und der Schwarm der Alten, ein Beispiel dafür, dass man mehr erreicht, wenn man den "Marsch durch die Institutionen" geht, statt sich beleidigt über angebliche Diskriminierung abseits zu halten. Der in Riga als Sohn russischer Eltern aufgewachsene Usakovs lernte lettisch, erhielt 1999 die Staatsbürgerschaft, studierte Sozialwissenschaft und Ökonomie in Lettland und Dänemark und war Journalist in russischen und lettischen Medien, ehe er im Alter von 29 Jahren die Führung des Harmonie-Zentrums übernahm.

Kritiker werfen ihm "zu große Nähe zur russischen Botschaft" vor. Jetzt kann er als Bürgermeister beweisen, dass er es ernst meint mit seiner Aussage, er wolle eine Partei für Russen und Letten führen. Lettland müsse lernen, mit den Sprach- und Bevölkerungsfragen gelassener umzugehen: "60 Prozent können nicht 40 Prozent assimilieren." Wer sage, dass Russisch in Riga Fremdsprache sei, "ignoriert die Wirklichkeit". Man solle nicht auf Lettisch als einziger Amtssprache beharren.

Auch bei der Transkribierung der Namen legt Usakovs Wert auf die alte Form. "Ich will meinen Namen so schreiben dürfen, wie es seit Generationen getan wurde", sagt er. Offiziell heißt der neue Bürgermeister zwar Nils Usakovs. Auf seiner Visitenkarte und seiner Facebook-Seite aber verwendet er die von ihm bevorzugte Schreibweise: Nil Ushakov.

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