Drei Tage nach dem gewaltsamen Tod des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar Gaddafi hat das Land die Befreiung von dessen Herrschaft gefeiert. Zehntausende versammelten sich am Sonntag zu einem Festakt im Zentrum der Stadt Benghasi, wo der Aufstand gegen Gaddafi vor acht Monaten seinen Anfang genommen hatte. „Hiermit erklären wir der ganzen Welt, dass wir unser geliebtes Land mit seinen Städten, Dörfern, Hügeln, Bergen, Wüsten und dem Himmel befreit haben“, sagte ein Vertreter des Übergangsrates unter dem Jubel der fahnenschwenkenden Menge. Die genauen Umstände von Gaddafis Tod blieben weiter ungeklärt.
Der Festakt sollte den Übergang zu einer friedlichen Demokratie in Libyen einläuten. Viele Beobachter fürchten jedoch, dass es dem Chef des Übergangsrates, Abdel Dschalil, schwer fallen wird, seinen Willen in der schwer bewaffneten, aber fragmentierten Rebellen-Allianz durchzusetzen. Das ölreiche Land mit einer relativ kleinen Bevölkerung von sechs Millionen Einwohnern hat zwar das Potenzial zu einem hohen Wohlstand. Gaddafi befeuerte jedoch während seiner 42-jährigen Herrschaft Rivalitäten zwischen verschiedenen Regionen, so dass nun eine Fortsetzung der Gewalt droht.
Islamische Scharia soll Grundlage des Rechtssystems werden
Dschalil kündigte in seiner Ansprache an, dass die islamische Scharia Grundlage eines neuen Rechtssystem werden soll. Jedes Gesetz, das gegen die Scharia verstoße, sei nicht mehr rechtskräftig, sagte Dschalil. Zudem solle ein Bankensystem nach islamischem Recht eingeführt werden. Gleichzeitig versprach der Übergangsrat, das Land werde alle internationalen Verträge und Abkommen honorieren.
Der scheidende Regierungschef Mahmud Dschibril sagte, die Verhandlungen zur Bildung einer neuen Übergangsregierung hätten begonnen und sollten innerhalb eines Monats abgeschlossen werden. Sobald wie möglich sollten danach erstmals seit mehr als 40 Jahren Parlamentswahlen stattfinden, um den Übergangsrat zu ersetzen, sagte Dschibril weiter. Er versicherte, die Rebellen seien nun zur Rückkehr in ihre Heimatstädte bereit, um dort „Hand in Hand das Land wieder aufzubauen“.
Rätselraten um Gaddafis Tod geht weiter
Auch die chaotischen Umstände von Gaddafis Tod haben die Furcht vor einer Fortsetzung der Gewalt befeuert. Es bestand weiter der Verdacht, dass Gaddafi von den Rebellen gelyncht wurde. Viele Beobachter halten den Umgang der neuen Führung mit dem Tod Gaddafis für eine wichtige Bewährungsprobe. Sie bemängeln, dass der Übergangsrat noch keine Pläne für dessen Beisetzung verkündet hat und das sein Leichnam auch drei Tage nach seinem Tod zur Schau gestellt wurde. Dies seien Indizien dafür, dass das Land in einem führungslosen Chaos versinken könnte, hieß es.
Nach Angaben eines Gerichtsmediziners erlag der Machthaber einer Schussverletzung. Ein weiterer Mediziner sagte, eine Kugel habe Gaddafi im Kopf und eine weitere in den Bauch getroffen. Die neue Führung bedauerte den Tod Gaddafis und erklärte sich zu einer vom UN-Menschenrechtskommissariat und den USA geforderten Untersuchung der Todesumstände bereit. Er hätte Gaddafi lieber vor Gericht gesehen, sagte Dschibril. Er äußerte den Verdacht, dass Gaddafi auch von einem Querschläger seiner eigenen Leibwächter getroffen worden sein könnte.
Gaddafi war am Donnerstag in der Nähe seiner Heimatstadt Sirte zunächst in einem Wasserrohr unter einer Straße entdeckt und lebend gefangengenommen worden. Nach Darstellung des Übergangsrates starb Gaddafi danach in einem Krankenwagen. Der Fahrer des Wagens sagte allerdings der Nachrichtenagentur Reuters, Gaddafi sei bereits tot gewesen, als er den Körper in Empfang genommen habe. Dem Übergangsrat zufolge geriet Gaddafi ins Kreuzfeuer seiner Anhänger und der Regierungstruppen und wurde dabei tödlich verletzt.
Der Bundesnachrichtendienst (BND) dementierte unterdessen einen Magazinbericht, wonach er das Versteck des gestürzten libyschen Machthabers Muammar Gaddafi gekannt und bei seinem Aufspüren geholfen haben soll. Die Behörde erklärte am Wochenende, keine Kenntnis von Gaddafis Aufenthaltsort gehabt zu haben. Der „Spiegel“ hatte berichtet, Gaddafi sei offenbar mit deutscher Hilfe aufgespürt worden. (Reuters)
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