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Linke-Politiker Bodo Ramelow: "Wir haben Klamauk geliefert"

Bodo Ramelow 2009 in Erfurt.
Bodo Ramelow 2009 in Erfurt.
Foto: dpa

Der Linkspartei-Politiker Bodo Ramelow zieht eine kritische Bilanz seiner Partei für das Jahr 2011. Im Interview erklärt er, mit welcher Führungsspitze ein neuer Aufbruch der Linken gelingen kann und welche Rolle Oskar Lafontaine dabei spielen sollte.

Schluss mit Ost und West, Schluss mit der Macht der Strömungen. Der Thüringer Fraktionsvorsitzende Bodo Ramelow, gerade genesen von einer Bandscheibenoperation, wünscht sich für 2012 einen neuen Aufbruch in der Linkspartei.

Herr Ramelow, wie geht es Ihnen? Ist der Kopf wieder dran?

Der Kopf war nie ab. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall und bin jetzt einigermaßen schmerzfrei. Man hat es repariert und mich mit einem Stückchen Titan aufgewertet und ein bisschen wertvoller gemacht. Meine Stimmbänder sind aber noch angegriffen. Ich kann ihnen sagen: So ein kaputter Nacken tut höllisch weh.

Schmerzt der operierte Nacken mehr als das zu Ende gehende Jahr 2011 in der Linkspartei?

Aber ganz sicher. 2011 war nicht schön für die Linke, wir haben uns einiges an Klamauk geliefert und den Medien die Bälle nur so zugespielt. Das sollte 2012 dringend anders werden. Aber wir haben auch einiges abgearbeitet. Wir haben immer gewusst, dass wir an einem bestimmten Punkt als gesamtdeutsche Partei offensiv über den Kurs streiten müssen. Das hat alles zu lange gedauert, ist aber vorbei. Wir haben jetzt unser gemeinsames Programm erarbeitet, jetzt beginnt Phase zwei.

Phase zwei?

Ja. Jetzt brauchen wir eine von der gesamten Partei getragene neue Führungsarchitektur.

Bodo Ramelow ist Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag (Archivbild vom 19.10.2010).
Bodo Ramelow ist Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag (Archivbild vom 19.10.2010).
Foto: dpa

Die grobe Architektur ist doch klar: Ost/West, Mann/Frau.

Der jetzige Parteivorstand basiert auf einer Konstruktion, die gewählt wurde, als klar war, dass Oskar Lafontaine wegen seiner Krebserkrankung nicht antreten konnte. Sie ist ein Kompromiss, der uns zu lange gelähmt hat. Wir müssen raus aus der Strömungslogik. Strömungen machen nur zehn Prozent der Linken aus. Deren Vertreter sind in der Führung nun völlig überrepräsentiert. Schluss damit. Schluss mit Ost und West. Wir sind eine gesamtdeutsche Partei. Wir brauchen jetzt einen Aufbruch, getragen von der Mitgliedschaft der Partei. Deshalb bin ich strikt für einen Mitgliederentscheid über die neue Parteispitze.

Es gibt Widerstand gegen einen Mitgliederentscheid. Angeblich bildet sich in Berlin eine informelle Findungskommission, die die neue Spitze vorschlagen soll.

Genau das muss verhindert werden. Das Personal für die Parteiführung darf nicht noch einmal ausgeklüngelt werden. Damals, nach Lafontaines Erkrankung, war es etwas anderes, eine Notsituation. Aber noch eine Nacht der langen Messer brauchen wir nicht.

Ein Hesse

Bodo Ramelow war vor der Vereinigung der Linken mit der WASG einer der wenigen West-Importe der PDS. Als Landesvorsitzender der Gewerkschaft HBV kam er 1990 aus Hessen nach Thüringen und wurde 1999 in den Landtag gewählt.

Seit 2009 ist Ramelow Fraktionsvorsitzender der Linken im Thüringer Landtag. Diesen Posten hatte er bereits von 2001 bis 2005 für die PDS inne. Von 2005 bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter und Vize-Fraktionschef.

Wer soll denn zukünftig die Partei führen?

Wir brauchen erst einmal einen Mitgliederentscheid und dafür Kandidaten, ich denke, sechs Kandidaten, damit man eine Auswahl hat. Was wir nicht brauchen, ist eine pompöse Krönungsmesse oder eine Abnick-Aktion. Meine Wunschvorstellung wäre: drei Frauen, drei Männer. Ich hoffe, es finden sich genügend geeignete Kandidaten.

Und was ist, wenn am Ende eine Doppelspitze herauskommt mit zwei Ostdeutschen? Dann sind die Wessis beleidigt.

Na meinetwegen, das kann so kommen. Aber was ist denn noch Osten, was Westen? Sahra Wagenknecht aus Jena hat ihren Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen und ist doch längst völlig verwestlicht. Und ich habe mittlerweile dicke Wurzeln in Thüringen geschlagen. Mit einer geografischen Quotierung tun wir uns heute keinen Gefallen mehr, also: weg damit.

Mann und Frau reicht?

Genau, und sie sollten die Kraft haben die ganze Partei vertreten zu können und auch zu wollen. Ich will nicht mehr mit Strömungen darüber verhandeln, wer unsere Parteiführung stellt.

Aber eine Politikerin wie Sahra Wagenknecht kommt doch vom linken Rand der Linken.

Das meine ich nicht. Ich meine, jemand muss das Gewicht der Partei haben, von vielen getragen und akzeptiert werden. Nötig ist ein klares Votum, nicht nur das eines einzigen Landesverbandes oder einer Strömung – und das würde ich Sahra Wagenknecht auch zutrauen.

Sollen die amtierenden Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst noch einmal antreten?

Sie sollen kandidieren. Fände ich gut.

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht, ein Dreamteam?

Die gehören beide auf den Stimmzettel. Außerdem würde ich es gut finden, wenn Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die Linke im Bundestagswahlkampf 2013 anführen würden.

Wird 2012 ein etwas friedlicheres Jahr für die Linke?

Ich hoffe und glaube, dass der Klamauk aufhört, der mehr Schlachtenlärm im Vorfeld der Programmdebatte war. Wir hatten viele Stellvertreterkriege, viele wollten sich größer machen, als sie überhaupt waren. Bei uns, das muss man mal sagen, wird in der Bundestagsfraktion sehr viel bei Empfängen oder Buffets oder in Hinterzimmern getratscht. Die Bundestagsfraktion hat sich innerhalb der Partei leider einen viel zu großen Status freigeräumt. Die Führung der Partei, die Richtlinienkompetenz muss wieder ins politische Zentrum zurück, unter kraftvoller Beteiligung der Landesverbände. Wir sind doch nicht eine Partei, die an der Bundestagsfraktion hängt. Die Partei ist nicht der Schwanz und die Bundestagsfraktion nicht der Hund.

Das Interview führte Bernhard Honnigfort.

Datum:  23 | 12 | 2011
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