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Linkspartei: Gysi liest den Genossen die Leviten

Der Linksfraktionschef Gregor Gysi kanzelt "Spalter und Besserwisser" ab: Die Partei braucht endlich mal ein Zentrum. Derweil bleibt Lafontaines Zukunft weiter unklar. Ebenso die von Bartsch. Von Jörg Schindler

Prediger in der Wüste: Gysi wettert wider den Spaltpilz in der Linken.
Prediger in der Wüste: Gysi wettert wider den Spaltpilz in der Linken.
Foto: getty

Den Jahreswechsel hat Gregor Gysi eher wenig besinnlich verbracht. Mehrere Gespräche führte der Fraktionschef der Linken im Bundestag mit seinem erkrankten Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine, um diesen davon zu überzeugen, wie sehr er gebraucht wird. Ob das gefruchtet hat, ist unklar: Noch immer, so Gysi, sei "völlig offen", ob Lafontaine zurückkehre. "Mindestens in der Landespolitik" aber werde der Saarländer bleiben, die Gesundheit gehe eben vor. Gute Nachrichten für die Linke klingen anders.

Restlos verhagelt wurde Gysis Start ins neue Jahrzehnt durch allerhand Briefe, Faxe und Mail. Sie stammten von Genossen und galten wiederum anderen Genossen, aber sonderlich freundlich war der Ton darin nicht. Die Lust an der Selbstzerfleischung hat die Linken mal wieder gepackt und Gysi derart vergrätzt, dass er den Seinen am Montag die Leviten las.

Ort des Geschehens war das Berliner Congresscentrum. Dort wollte die Bundestagsfraktion der Linken ursprünglich in Ruhe in Klausur gehen. Mit der Ruhe aber ist es vorbei, seit Medien eine angebliche Affäre Lafontaines auswalzten, woraufhin Ganz- und Halblinke übereinander herfielen. Die Klausur wurde kurzfristig zu einer Art Vollversammlung aufgejazzt, die Medienwelt ausdrücklich eingeladen.

Alle sollten hören, was Gysi vom Zustand seiner Partei hält: nichts. Ein "Klima der Denunziation" beklagte der 61-Jährige im proppenvollen Saal. Niemand habe das Recht, andere zu demütigen, auch wenn diese Fehler begingen. Gemeint war Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der sich via Spiegel despektierlich über Lafontaines Rolle in der Linken geäußert hatte und seither im Verdacht steht, auch Urheber anderer Indiskretionen zu sein.

Mehr oder weniger unverblümt fordern daher vor allem Lafontainisten aus dem Westen Bartschs Kopf - sehr wohl mit Kalkül: Bartsch gilt als Realpolitiker mit feinem Machtgespür, er ist zudem Manager der Linken-Zentrale in Berlin und damit Herr über erhebliche Geldmittel der Partei. Ihn zu schassen, wäre mehr als ein Prestigeerfolg für die radikaleren, auf konsequente Oppositionspolitik setzenden West-Genossen.

Im Kern gehe es um die Frage, "welche Kultur unsere Partei im Blick hat", sagte Thüringens Fraktionschef Bodo Ramelow der Frankfurter Rundschau. "Wollen wir weiter auf Teamfähigkeit setzen? Oder sollen wir eine Funktionärspartei mit Kaderstruktur werden?" Letzteres sei die "Denkweise langjähriger Sozialdemokraten und IG-Metaller" - gemeint sind die Bartsch-Rivalen Ulrich Maurer und Klaus Ernst. Dieser nannte die Causa Bartsch am Montag ein "Problem", das es zügig zu lösen gelte. Übersetzt: Bartsch solle von sich aus gehen.

"Unerträglich" findet Gregor Gysi derlei Ränkespiele. Noch immer versuche die ehemalige WASG, die frühere PDS über den Tisch zu ziehen - und umgekehrt. "Vereiniger brauchen wir, nicht Spalter und nicht Besserwisser", rief Gysi unter Applaus. Es könne nicht so weitergehen mit einander bekriegenden Strömungen - "wir brauchen endlich mal ein Zentrum in der Partei". Nur: Wer das verkörpern soll, ist ungewiss.

Auf dem Rostocker Parteitag im Mai muss Die Linke eine neue Führung wählen. Parteichef Lothar Bisky hört auf, Lafontaines Zukunft ist ungewiss, ebenso die von Bartsch. Alle anderen Prominenten haben jeweils nur einen Teil der Truppe hinter sich. Er werde, drohte Gysi, sich "vertieft einmischen", damit der Prozess halbwegs fair verlaufe. "Wir sind eine demokratisch-sozialistische Partei - wir sollten lernen, uns auch so zu benehmen."

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  12 | 1 | 2010
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