Sisters hieß bis vor kurzem ein kleines Café mit integrierter Töpferwerkstatt in der Nähe des Berliner Kollwitzplatzes im legendären Künstlerbezirk Prenzlauer Berg. Nach einer langen Anfangsphase liefen die Geschäfte gut, doch dann kam unverhofft die Kündigung. Der Vermieter beharrte auf Auszug, ein Gespräch über möglichst moderate Mieterhöhung kam gar nicht erst zustande. Das Sisters musste raus.
Dieses Beispiel kann man als typischen Fall von Gentrifizierung beschreiben. Kreative und unternehmerische Existenzen werten zerfallene innenstadtnahe Wohngebiete auf und geraten dann bisweilen selbst in die Mühlen eines rücksichtslosen Verdrängungsprozesses.
Im Alltag sind es vor allem Vorstadtjugendliche, die Autos anzünden, um ihrem Frust auf diese Weise Luft zu machen. Als die in Mietskasernenghettos abgedrängten Nachfahren arabischer und schwarzafrikanischer Immigranten im Herbst 2005 auf die Barrikaden gingen, qualmten des Morgens Hunderte von ausgebrannten Autowracks am Straßenrand.
Feiertage kommen hinzu: Zweimal im Jahr, an Silvester sowie am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, gilt das Autoabfackeln auch als Ausdruck der Festtagsfreude. Routinemäßig gibt die Polizei tags drauf Zahlen und Trends bekannt.
Mit 1147 in der Neujahrsnacht 2009 ausgebrannten Fahrzeugen vermeldeten die Ordnungshüter zuletzt ein Plus von 30,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Am 14. Juli standen 317 Autos in Flammen, was einer Zunahme von sieben Prozent entspricht. Über Täter und Beweggründe geben solche Ziffern keinen Aufschluss.
Die Polizei vermutet, dass an Silvester und am 14. Juli auch so mancher Versicherungsbetrüger oder in die Enge getriebene Autodieb vergnügt zum Molotow-Cocktail greift. axv
Die Gentrifizierung (oder: Gentrification) ist ein hinreichend bearbeitetes Thema der Stadtsoziologie. Immer wieder locken preiswerte, oft auch vernachlässigte Stadtteile Studenten, Künstler und andere an, denen bald Finanzinvestoren folgen, die Immobilien- und andere Entwicklungsgeschäfte wittern.
Die attraktive Mischung aus Ateliers, Clubs und Cafés verspricht enorme Wachstumsraten, während die ursprüngliche Bevölkerung in der Folge steigender Mieten ihr Quartier verlassen muss.
Gentrifizierung (vom englischen gentry, niederer Adel) ist so gesehen längst zu einem Schimpfwort geworden im Vokabular all derer, die sich solchen Verdrängungsprozessen ausgesetzt sehen.
Die brennenden Autos von Berlin sind zuletzt immer wieder vor dem Hintergrund von derlei städtebaulichen Entwicklungen gesehen worden. Eine anonyme Guerilla, so die Vermutung, wehrt sich gegen den Zuzug von Leuten in ihrem Kiez, die sich größere Wohnungen, teure Autos und die dazugehörige Infrastruktur aus Bars und Restaurants leisten können.
Gegen die elegant auftrumpfende Yuppifizierung der sozialen Umgebung nisten sich jene, die das nicht einfach hinnehmen wollen, in einer pseudopolitischen Wagenburgmentalität ein.
Tatsächlich verlaufen die Vorgänge der urbanen Gentrifizierung oft ambivalent. Durch Zuzug der Junger und Kreativer entsteht eine eigentümliche Dynamik. Problembezirke werden von Grund auf saniert, was die kommunale Politik oft in Jahrzehnten zuvor nicht schaffte. Wer jedoch nicht mitkann, bleibt auf der Strecke.
Städteplaner und Soziologen schlagen deshalb vor, diese Prozesse schon früh politisch zu begleiten. Nicht vertreiben, sondern beteiligen und gemeinsam planen, lautet die Devise.
Wie so etwas aussehen könnte, wurde zuletzt im Streit um das Hamburger Gängeviertel deutlich, wo ein holländischer Investor zum Teil wertvolle Bausubstanz abreißen und neu entwickeln lassen will. Auch in Hamburg brannten des Nachts immer wieder Autos.
Politische Bewegung kam unlängst in den Kampf um das Gängeviertel, als eine Initiative um den Künstler Daniel Richter Ende August Häuser besetzte und Raum für Kunst und Ateliers sowie den Erhalt der historischen Bausubstanz forderte. Seither diskutiert auch die Hamburger Bürgerschaft wieder neu. Der Impuls, ihr Anliegen über die herkömmlichen politischen Kanäle vorzutragen, scheint den Berliner Zündlern zu fehlen.
Die Berliner Schriftstellerin und "Gespensterforscherin" Sarah Khan hat eine ganz andere Spur verfolgt. Für sie sind die brennenden Autos das Werk von Berliner Untoten, für die der Anblick lodernder Fahrzeuge einen kleinen Moment von Gegenwart bedeutet. Mehr Lebensgefühl, schreibt Sarah Khan in ihrem Buch "Die Gespenster von Berlin" (Suhrkamp Verlag"), dürfe man als Gespenst nicht erwarten.
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