Berlin. Aufklärung sieht anders aus: Nach der Befragung von Oberst Georg Klein am Mittwoch vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin erscheint der verheerende Luftschlag vom 4. September 2009 im nordafganischen Kundus noch mysteriöser. Bundestagsabgeordnete äußerten den Verdacht, dass der Angriff maßgeblich vom Kommando Spezialkräfte (KSK) geführt wurde.
Klein soll in der geheimen Sitzung ausgesagt haben, dass er vor seiner Entscheidung im Gefechtsstand "beraten" worden sei. Dabei hätten sich auch Personen in dem Gefechtsstand gefunden, deren Identität ihm ebenso unbekannt gewesen sei wie ihre genaue Aufgabe. Es soll sich um insgesamt sechs Männer handeln, deren Präsenz im Gefechtsstand in der besagten Nacht bislang nicht bekannt war. Offenbar gehörten sie der Task Force 47 an, einer geheimen Einheit von KSK-Soldaten und Aufklärern.
Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.
Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan
Oberst Klein übernahm in seiner knapp fünfstündigen Befragung aber die volle Verantwortung für seinen Einsatzbefehl. Auf Grundlage der ihm damals vorliegenden Informationen und des allgemeinen Lagebildes sei der Luftangriff angemessen gewesen. "Hätte ich gewusst, dass Kinder vor Ort sind, hätte ich den Angriff nicht befohlen", gestand Klein nach Angaben von Sitzungsteilnehmern in seiner Befragung ein: "Ich trauere um die Menschen."
Der Oberst verwahrte sich gegen die Unterstellung, er habe vor allen Dingen töten wollen. "Ich wollte das nicht", sagte Klein. Ihm sei es darum gegangen, eine akute Gefährdung zu entschärfen. Auf die Frage, weshalb er sich nicht bei seinen Vorgesetzten vor dem Befehl rückversichert habe, antwortete er: "Ich war der taktische Führer vor Ort. Niemand hatte ein besseres Lagebild als ich."
Klein nicht immer Herr der Lage
In der Befragung, bei der Klein einen selbstbewussten und gefestigten Eindruck machte, wurde deutlich, dass der Oberst nicht jeden Schritt auf dem Weg zum Angriffsbefehl verfolgen konnte. So habe er etwa den Funkverkehr zwischen seinem Fliegerleitoffizier Markus W., Codename "Red Baron 20", und den F15-Kampfflugzeugen nicht hören können.
Die Piloten der US-Kampfjets hatten fünf Mal angeboten, durch einen Tiefflug über die Sandbank, auf der die entführten Tanklaster feststeckten, die Anwesenden zu warnen. "Red Baron 20" lehnte dieses Angebot jedes Mal ab und ordnete an, dass sich die Kampfjets außerhalb der Hörweite der Sandbank halten sollten.
Die Task Force 47 soll, so wurde in der Sitzung ebenso bekannt, bereits sechs Stunden vor der Entführung der Tanklaster über die Pläne der Aufständischen informiert gewesen sein. Ein Informant habe nicht nur das Ziel, sondern auch die drei Orte genannt, an denen je ein Hinterhalt aufgebaut worden sei. Tatsächlich wurden am Nachmittag an einem der Orte, dem Dorf Angor Boch, die beiden Treibstofflaster entführt. Die Task Force will davon aber erst am Abend gegen 19.30 Uhr erfahren haben.
Abgeordnete aller Parteien zollten Oberst Klein Respekt dafür, dass er vor dem Untersuchungsgremium erschienen sei und umfassend ausgesagt habe, obwohl er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht hätte Gebrauch machen können. Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold sagte, er bleibe aber bei seinem Urteil, dass der Einsatz "nicht verhältnismäßig" gewesen sei. Nun gelte es, die "mysteriösen Dinge" aufzuklären, die diesen Angriff begleiteten. Paul Schäfer (Linke) äußerte sich schockiert über die "völlige Verwischung" der Zuständigkeiten des normalen Bundeswehrkontingents in Kundus und der Task Force 47.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.