In Lateinamerika hat sich Brasilien als führende Macht konsolidiert. Der sozialdemokratisch geprägte, wirtschaftlich konservative Politikstil der Regierung Lula hebt sich in seiner Unaufgeregtheit vom schrillen Staatssozialismus eines Hugo Chávez ab. Den umgarnt Lula zwar, weil brasilianische Unternehmer in Venezuela gute Geschäfte machen. Aber dessen Propaganda-Projekte lässt Lula diskret, aber wirkungsvoll ins Leere laufen.
Neben den Erfolgen stehen aber auch krasse Versäumnisse. Die Bildungspolitik, die eigentlich ein Herzstück sozialdemokratischer Reformen sein müsste, hat Lula nie interessiert. Umweltschutz gilt ihm als Wachstumshemmnis. Gegen die haarsträubende Gewalt in den Städten ist seiner Regierung nichts eingefallen. Auf dem Land herrschen oft spätfeudalistische Machtverhältnisse. Der Staat ist durch Verschwendung und Korruption gekennzeichnet, die öffentliche Verwaltung oft überfordert.
Und dennoch: Der "Straßenköter-Komplex", den die Brasilianer sich und ihrem Land jahrzehntelang attestiert haben, ist überwunden. Eine Mehrheit der Brasilianer macht heutzutage die Erfahrung, dass es aufwärts geht - was für ein Unterschied für die kollektive Psyche, wenn man an die frühen Neunziger denkt, als die Mittelschicht schrumpfte, die Inflation 2500 Prozent im Jahr erreichte, die Brasilianer nicht einmal Kreditkarten hatten!
Heute können sie nach Herzenslust ins Ausland reisen - am liebsten nach Argentinien, das für sie noch 2001 völlig unerschwinglich war. Heute sind sie es, die die starke, stabile Währung haben. Selbst Brasiliens Ganoven haben es sich längst abgewöhnt, beim Überfall "Dollar, Dollar!" zu schreien.
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