Rio de Janeiro. Manchmal redet er gnadenlos dummes Zeug daher. An der Finanzkrise sei das "irrationale Verhalten weißer Menschen mit blauen Augen" schuld, befand er im März, während der britische Premier Gordon Brown danebenstand. Man könnte geradezu vergessen, dass man in Afrika sei, so sauber sei es in Windhoek - damit hat er einmal in Namibia peinliches Schweigen ausgelöst. Wenn Jesus in Brasilien Präsident wäre, müsste auch er mit Judas koalieren, verteidigte er sich kürzlich; die katholische Kirche war nicht amüsiert.
Jetzt sorgt Luiz Inácio Lula da Silva, 64, wieder für Aufregung: Der brasilianische Präsident empfing am Montag hohen Besuch aus dem Iran. Mit Mahmud Ahmadinedschad wollte da Silva über eine verstärkte Kooperation im Energiebereich verhandeln. Gegen den Besuch des Holocaust-Leugners protestierten in Rio am Sonntag mehrere hundert Menschen. Auch in den USA kam der Besuch nicht gerade gut an: Brasilien verschaffe dem Iran im Atomstreit ein Stück Legitimität.
Dennoch ist Lula der beliebteste brasilianische Präsident aller Zeiten. Seit knapp sieben Jahren ist er Staatschef, und dennoch beurteilen rund zwei Drittel der Wähler seine Amtsführung als gut oder sehr gut - in einem Land, in dem noch nie ein Präsident mit mehr als 18 Prozent Zustimmung abgetreten ist. Und auf dem Parkett der Weltpolitik war er bislang ein Sympathieträger. "Das ist mein Mann, ich liebe diesen Kerl", schwärmte US-Präsident Barack Obama im April.
Lulas Leben ist der Inbegriff einer Erfolgsgeschichte. Als kleiner Junge kam er, wie Millionen anderer Brasilianer, aus dem bitterarmen Nordosten nach São Paulo. Wie Millionen andere wuchs er ohne Vater auf, jobbte als Schuhputzer und Office-Boy und machte - sein einziger formaler Abschluss - einen Berufsbildungskurs als Maschinenschlosser.
Als Lech Walesa auf der Lenin-Werft die Streiks gegen die kommunistische Regierung in Warschau anführte, organisierte Lula im Industriegürtel um São Paulo die Streiks gegen die bereits wankende Militärdiktatur in Brasília. Danach war er zwar bekannt, aber dennoch auf zwanzig Jahre erst mal der ewige Verlierer. Kein Brasilianer hat sich öfter als er - fünfmal - um die Präsidentschaft beworben, und keiner ist öfter als er - dreimal - gescheitert. Erst 2002 gelang ihm spektakulär der Sieg - ihm, dem Linken, der freilich längst seinen Frieden mit dem Kapital gemacht hatte. Auch wenn das Kapital das erst mal nicht merkte: Aus Angst vor Lula fiel der Reais kräftig.
Er ist der erste Arbeiter an der Spitze einer Republik, in der bis 1990, mit einer einzigen Ausnahme, immer nur Juristen, Großgrundbesitzer und Militärs Präsident wurden. Er ist der erste Präsident aus dem Volk, und seine ungekünstelte Volkstümlichkeit bringt ihn nicht nur dazu, dass er manchmal in Tränen ausbricht - zum Beispiel in Kopenhagen, als Rio de Janeiro zur Olympia-Stadt 2016 gekürt wurde -, sondern dass er eben manchmal auch Unüberlegtes daherredet.
Im Lebenslauf Lulas spiegelt sich, weit über den persönlichen Triumph hinaus, der spektakuläre Aufstieg eines Landes, das vor kurzem noch von einer Krise in die nächste taumelte und das nun in wenigen Jahren zu den führenden Weltmächten gehören dürfte. Wie ein Mantra ist das Wort vom "Land der Zukunft" wiederholt worden, und immer wieder haben sich die Brasilianer gefragt, wann diese Zukunft denn mal anbreche. "Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig!", jubelte Lula in Kopenhagen mit sicherem Gespür für die Aufstiegssymbolik, die der Olympia-Entscheidung innewohnt.
Natürlich hat das riesige, üppig mit Ressourcen aller Art ausgestattete Land in letzter Zeit von der immensen Nachfrage der Weltmärkte nach Rohstoffen profitiert. Aber dass Brasilien zum Beispiel Zucker seit Jahren zur Hälfte des Weltmarktpreises produzieren kann, liegt nicht allein an Konjunktur und Klima, sondern ist die Folge langfristiger Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Ob Soja oder Orangensaft, ob Rind- oder Hühnchen-Fleisch, ob Zucker oder Zellulose - Brasiliens Agrobusiness ist vor allem hochmodern und deshalb so konkurrenzfähig.
Der Flugzeugbauer Embraer wetteifert mit Bombardier aus Kanada um den Rang als drittgrößter Hersteller der Welt. Brasiliens Autoindustrie hat dieses Jahr schon 2,3 Millionen Fahrzeuge gebaut. Tiefbau-Firmen wie Odebrecht, Stahlwerker wie Gerdau, Elektro-Hersteller wie WEG tummeln sich neben den bekannten Giganten Petrobas und Vale mittlerweile auf den Weltmärkten. Soll man da die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt noch als Schwellenland bezeichnen?
Das Wachstum lindert endlich auch die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit der Wohlstandsverteilung. Seit 2005 sind 23 Millionen in die Mittelschicht aufgestiegen. Die beginnt in Brasilien zwar schon mit einem Monatseinkommen von rund 330 Euro. Aber mittlerweile liegen 120 der 190 Millionen Brasilianer über dieser Grenze.
Hinzu kommen die Armen, deren materielle Mindestversorgung unter Lula immerhin so erhöht wurde, dass sie Jobs zu den schlimmsten Hungerlöhnen nicht mehr annehmen müssen. Dadurch hat sich ein riesiger Binnenmarkt gefestigt, wegen dem Brasilien die Krise deutlich besser überstanden hat als Europa.
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