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24. Oktober 2012

Lutherpreis-Kandidat Pussy Riot: "Triumph einer perversen Theologie"

 Von Bernhard Honnigfort
"Ein verheerendes Zeichen": Nicht jedem Theologen passt der freizügige Protest der Pussy Riots.  Foto: dapd

Den Lutherpreis für Pussy Riot - im Rathaus von Wittenberg kommt die Idee zunächst gut an. Doch nach Protesten bekommen mehrere CDU-Stadträte kalte Füße, am Ende mischt sich sogar Heiner Geißler ein. Gelingt es den Blockierern, die Verleihung zu verhindern?

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An normalen Tagen befasst sich der Stadtrat von Wittenberg mit Schlaglöchern, Radwegen oder dem Töpfermarkt. Heute Abend nicht, da mischt der 40-köpfige Rat Stadt in Sachsen-Anhalt die deutsch-russischen Beziehungen auf: Die Stadt hat die russische Punk-Band Pussy Riot vor einigen Wochen vorgeschlagen für den Lutherpreis“ Das unerschrockene Wort“ – seitdem kocht es in und um Wittenberg.

Gegner und Unterstützer der Nominierung liefern sich seit Wochen heftige Debatten: Die einen halten den Auftritt der Frauenband in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau für einen mutigen Schritt und berechtigte Kritik an Staatspräsident Wladimir Putin, die anderen schlicht für Gotteslästerung.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Friedenspreisträger, nennt die Nominierung „empörend“ und ein „verheerendes Zeichen“.  Der Auftritt der drei Frauen sei „anstößig“ gewesen.

"Jesus wäre auf ihrer Seite"

Ganz anders sieht das der Katholik und frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Gott fühle sich durch das, was die Mädchen getan hätten, nicht gelästert. „Diese Mädchen waren sehr mutig“, urteilte er auf Spiegel Online über den Auftritt am 21. Februar in der Moskauer Kirche. „Jesus wäre ganz sicher an der Seite der Mädchen gewesen.“

Jene Theologen, die den Vorfall als Gotteslästerung sehen, hätten „eine ganz perverse Sicht von Gott“. Sollte „Pussy Riot“ von der Nominierungsliste gestrichen werden, wäre es der „Triumph einer perversen Theologie“, sagt Geißler.

Das sehen andere auch so. Es gibt einen Protestbrief von Theologen aus Deutschland, Frankreich und Polen, die in der Band eine „Ikone der globalen Freiheitsbewegung“ sehen. Reinhard Höppner, der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, argumentiert, zu DDR-Zeiten hätten oppositionelle Gruppen auch unter dem Dach der Kirche ihren Protest formulieren dürfen.

So heftig der Streit jetzt geführt wird, so seltsam schläfrig hat er begonnen. Schon im April hatte die Stadtverwaltung die Wittenberger aufgerufen, Namen für die Preisverleihung 2012 vorzuschlagen. Nichts passierte. Auch der zweite Aufruf im Sommer verhallte ungehört.

Schließlich hatte jemand in der Stadtverwaltung einen Einfall: Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch – die „Pussy Riot“-Band. In der Stadtverwaltung kam die Idee gut an: fünf Ja-Stimmen, einmal Nein, zwei Enthaltungen.

CDU -Fraktion zieht Unterstützung zurück

Danach bekamen einige Stadträte kalte Füße. Die zwölfköpfige CDU-Fraktion zog ihre Unterstützung zurück, ebenso die beiden Abgeordneten der Allianz der Bürger. Die Bürgerallianz will die Nominierung verhindern und hat das Thema deshalb auf die Tagesordnung des Stadtrates gesetzt, wo sie als Punkt 16 am heutigen Abend diskutiert werden dürfte. Neben theologischen Gründen könnte dabei auch eine Rolle spielen, dass eine Preisverleihung an die Band die deutschen Beziehungen zu Russland gefährdet. Der Grund: In ihrer Heimat wurden die Sängerinnen wegen "religiösem Hass" zur Haft in Arbeitslagern verurteilt.

Der Preis ist mit 10000 Euro dotiert. Er wird alle zwei Jahre vom Bund der Lutherstädte vergeben, jenen Orten, an in denen der Kirchenreformator vor 500 Jahren lebte und arbeitete. Der Preis ehrt Menschen und Organisationen, die bereit sind, für „unerschrockenes Auftreten“ Ärger und Unbill in Kauf zu nehmen.

Eine Jury entscheidet dann am 10. November in Eisleben, wer dieses Jahr geehrt wird. Bislang gibt es neben „Pussy Riot“ drei  Mitbewerber: Michael Beleites, den Mitbegründer der DDR-Umweltbewegung, die frühere Superintendentin Waltraut Zachhuber sowie die Regensburger Gasthaus-Initiative „Keine Bedienung für Nazis“.

 

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