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03. April 2011

Machtkampf: Massaker in der Elfenbeinküste

 Von Johannes Dieterich
Ouattara-Kämpfer auf dem Weg nach Abidjan.  Foto: REUTERS

In der Elfenbeinküste kämpft der von der internationalen Gemeinschaft als Präsident anerkannten Alassane Ouattara um die Macht. Beim Vormarsch sollen seine Rebellentruppen hunderte Menschen getötet haben - das Rote Kreuz meldet 800 Opfer.

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Die Rebellentruppen des von der internationalen Gemeinschaft als Präsident der Elfenbeinküste anerkannten Alassane Ouattara sollen bei ihrem blitzartigen Vorstoß auf die Metropole Abidjan ein Blutbad mit hunderten Toten angerichtet haben. Nach Angaben der katholischen Hilfsorganisation Caritas kamen in der westivorischen Stadt Duékoué Anfang vergangener Woche bis zu eintausend Menschen ums Leben.

Die von Flüchtlingen überfüllte Stadt sei „voller Leichen“ gewesen, teilte Caritas-Sprecher Patrick Nicholson am Wochenende mit. Die meisten von ihnen seien von Gewehrkugeln, viele aber auch mit Macheten getötet worden. „Ich glaube nicht, dass sie im Verlauf von Gefechten umgekommen sind“, fügte der Sprecher hinzu. Caritas-Teams hätten auch mehrere Massengräber gefunden.

Das Blutbad wurde auch vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) bestätigt. Allein am Dienstag seien bis zu 800 Personen getötet worden, teilte eine ICRC-Sprecherin in Genf mit. „Es besteht kein Zweifel daran, dass sich in dieser Stadt etwas Schlimmes zugetragen hat“, sagte Dorothea Krimitsas. ICRC-Mitarbeiter hätten mit eigenen Augen eine „sehr große Zahl von Leichen“ gesehen. Die UN-Mission in der Elfenbeinküste, die auch in Duékoué mit einer Blauhelm-Kompanie vertreten ist, bestätigte indessen nur 330 Tote. Davon sollen 230 von Ouattara nahestehenden Milizionären umgebracht worden sein, hundert von der Gegenseite. Ouattaras Regierung beschuldigte die UN-Mission, die Zivilbevölkerung in Duékoué nicht adäquat beschützt zu haben.

Die Region um Duékoué gilt als der „wilde Westen“ der Elfenbeinküste: Hier stehen sich Angehörige des Guere-Volks, die sich Ex-Präsident Laurent Gbagbo verbunden fühlen, und in den Kakaoplantagen beschäftigte Gastarbeiter aus den Nachbarstaaten gegenüber. Die jahrelangen Spannungen forderten bereits zahllose Todesopfer, beim Vormarsch der Ouattara-treuen „Republikanischen Kräfte“ haben sie sich offenbar neu entladen.

Ein Sprecher der „Republikanischen Kräfte“ bestritt die Vorkomnisse in Duékoué nicht, legte aber Wert darauf, dass es sich bei den Opfern größtenteils um bewaffnete Milizionäre gehandelt habe. „Wir dürfen da nichts durcheinander bringen“, so Seydou Ouattara gegenüber AFP. Für die Gewalttaten seien teilweise aber auch sogenannte „Dozos“, traditionelle Jäger, verantwortlich, die zwar mit den Republikanischen Kräften verbündet aber nicht identisch mit ihnen seien.

Ouattara soll Truppen besser kontrollieren

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch forderte Ouattara auf, seine Truppen besser unter Kontrolle zu bringen. „Er sollte seine Kommandeure und die ihm nahestehenden Truppen wissen lassen, dass Übergriffe jeder Art bestraft werden“, sagte Afrika-Direktor Daniel Bekele. Auch Washington verurteilte die Massaker: „Ouattaras Truppen müssen die von ihrem Präsidenten hochgehaltenen Ideale und Visionen beherzigen“, sagte Außenministerin Hillary Clinton.


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Am Wochenende hielt die Entscheidungsschlacht um die Metropole Abidjan an. In ihrem Kampf um die Rundfunkanstalt, den Präsidentenpalast und mehrere Kasernen setzten beide Seiten schweres Kiegsgerät wie Mörser und Raketenwerfer ein. Beim Bazooka-Beschuss eines UN-Konvois durch Gbagbo-treue Truppen wurden am Sonntag vier Blauhelme schwer verletzt. Der 2500 Mann starken Republikanischen Garde gelang es, die Rundfunkanstalt RTI wieder von den Rebellen zurückzuerobern. Ein Armeesprecher forderte junge Ivorer übers Fernsehen auf, sich dem Kampf gegen die „französische Okkupation“ und „ausländische Söldner“ anzuschließen.

Legionäre kontrollieren Airport

Paris stockte seine bislang elfhundertköpfige Friedenstruppe „Licorne“ um rund 300 Mann auf. Die Fremdenlegionäre übernahmen am Sonntag auch die Kontrolle über den Flughafen von Abidjan. Eine Evakuierung der rund 12000 noch in der Elfenbeinküste lebenden Franzosen sei derzeit aber nicht vorgesehen, hieß es in Paris. Zahlreiche Regierungen und internationale Organisationen riefen den bei den Wahlen im November unterlegenen Ex-Präsidenten Gbagbo erneut zum Rücktritt auf. Doch der 65-jährige Geschichtsprofessor hält sich im Präsidentenpalast verschanzt.

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