Im April wollte sich Michael Hastings zwei Tage lang mit US-General Stanley McChrystal in Paris treffen. Für das Musikmagazin Rolling Stone sollte er ein Porträt über den Kommandeur des Afghanistankrieges schreiben. Weil ein Vulkanausbruch auf Island den kompletten Flugverkehr über Europa lahmlegte, begleitete der Kriegsreporter den General und seinen Stab schließlich zehn Tage lang: Gemeinsam fuhren sie mit dem Bus nach Berlin. Die Militärs hätten die ganze Zeit getrunken, sagte Hastings dem US-Sender NBC. "Sie haben losgelassen. Dafür verurteile ich sie nicht. Sie haben einen harten Job."
Sein Artikel, der heute in der US-Ausgabe des Magazins erscheint, zeichnet das Bild eines elitären Männerbundes, der von der Politik enttäuscht ist. An der Spitze steht McChrystal, der schon auf der Militärhochschule Westpoint durch seine Aufmüpfigkeit auffiel. Er musste ständig Strafrunden drehen. Hastings zitiert McChrystals Frau: "Wenn ich ihn besuchte, saß ich letztlich in der Bibliothek, während Stan draußen im Gelände war."
Obwohl er sich nicht unterordnen wollte, machte der Sohn eines Generals dennoch Karriere. Er hatte offenbar immer ein Gespür dafür, wie weit er gehen konnte, ohne entlassen zu werden. Im Irak leitete er die geheimen Kommandoaktionen, um gezielt Al-Kaida-Führer zu töten. Mehr als einmal griff er dabei selbst zur Waffe.
Vom Weißen Haus enttäuscht
Zuvor war er auch Sprecher des Pentagon. Medienerfahrung hat er also. Manche Kommentatoren in Washington fragen sich daher, warum der General den Rolling Stone so nah an sich heran ließ. Schließlich ist das Magazin für seine Kritik am Krieg bekannt.
Eric Bates, der zuständige Redakteur, sagte im US-Frühstücksfernsehen, er glaube, McChrystal habe mit dem Artikel vor allem junge Leser erreichen wollen - quasi als Werbung für das Militär. Dazu passt, dass der General gute Presse gewohnt ist. In fast jedem Porträt erscheint er als Superheld, der nur vier Stunden schläft, jeden Tag sieben Meilen läuft und nur eine Mahlzeit am Tag isst.
Doch der Artikel kritisiert auch einen anderen Helden: US-Präsident Barack Obama, der nun in Afghanistan genau die Politik verfolge, die er vor der Wahl abgelehnt habe. Der Präsident, so sieht es Autor Hastings, hat nicht nur die Kontrolle verloren, auch geht die Strategie nicht auf. Die Lage ist derart verfahren, dass nicht mal McChrystals Vertraute noch an einen Sieg glauben. Sie fühlen sich vom Weißen Haus alleingelassen. Zentraler Teil der Strategie ist schließlich der zivile Aufbau. Doch der kommt kaum voran.
So wie McChrystal und sein Team über die Zuständigen sprechen, wird klar, wo sie die Schuldigen für die Misere sehen: Es sind die unfähigen Zivilisten. Diesem Ärger machten sie auch gegenüber Hastings Luft. McChrystal kostete das nun den Job.
Aber vielleicht wollte er den auch gar nicht mehr. Hastings beschreibt nämlich, wie einfache Soldaten den General kritisierten. Um den längsten Krieg der US-Geschichte zu beenden, hat der strikte Einsatzregeln erlassen, um die Zivilisten zu schützen. Für die Soldaten wurde die Lage damit aber gefährlicher. Seit Kriegsbeginn starben in keinem Monat so viele Nato-Soldaten wie im Juni 2010.
In einer Szene des Artikels versucht McChrystal seine Truppe in Kandahar von der Strategie zu überzeugen. Es gelingt ihm nicht. Den General sind die Soldaten jetzt los. Seine Strategie nicht. An der will Obama festhalten.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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