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Politik
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16. November 2012

Mahnwache: Rechte planen Gedenken zum Volkstrauertag

 Von Danijel Majic
Vor dem Reichstag wollen Rechtsextreme am Volkstrauertag vermeintlichen deutschen Mordopfern gedenken. Foto: AFP

Vor dem Berliner Reichstag organisiert die rechte Partei Die Freiheit eine Mahnwache für angeblich 7500 deutsche Opfer, die seit 1990 von ausländischen Tätern ermordet worden seien. Die Zahl der angeblichen Opfer jedoch ist völlig falsch berechnet.

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Der Volkstrauertag zählt zu den sogenannten stillen Tagen. Er dient der Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Vor dem Berliner Reichstag aber soll es am Volkstrauertag gar nicht still zugehen. Während im Innern der Bundestag zum offiziellen Gedenken lädt, organisiert vor dem Gebäude die rechtspopulistische Partei Die Freiheit ihre eigene Gedenkfeier. Seit einigen Wochen bereits mobilisiert die Partei ihre Anhänger zu einer Mahnwache, mit der 7500 Deutscher gedacht werden soll, die angeblich seit 1990 von ausländischen Tätern ermordet worden seien.

Die Zahl von 7500 deutschen Opfern wird bereits seit etwas mehr als einem Jahr in rechten Foren und auf Internetseiten genannt. Immer wieder wird ihr die vermeintlich geringe Zahl von 149 Opfern rechtsextremer Gewalt im selben Zeitraum entgegengehalten. Bei genauerer Betrachtung allerdings, entpuppt sich die Opferzahl schlicht als falsche Rechnung.

Zahlen über Mord- und Totschlag

Ursprünglich berechnet wurde die Zahl deutscher Opfer vom rechten Internetblog „Eulenfurz“. Als Grundlage diente eine Statistik des Internetanbieters Statista, in der die Zahl der Opfer von Mord- und Totschlag seit 1990 auf 21.467 beziffert wird. Die Zusammenfassung der unterschiedlichen Straftatbestände begründete der anonyme Autor mit der Tatsache, dass für die Opfer das Ergebnis das gleiche sei.

Auffällig ist hier schon, dass Statista auf eine Statistik des BKA verweist, in der sowohl vollendete Taten als auch Versuche zusammengefasst werden und die somit gar keine Aussage über die Zahl der Toten gibt. Mit dieser falschen Datenbasis nun rechnet der anonyme Autor weiter. Da bei Mord und Totschlag der Anteil der Ausländer an verurteilten Tätern durchschnittlich 29,35 Prozent betrage, müssten 6300 Tote auf ihr Konto gehen. Dazu käme ein Aufschlag für eingebürgerte Migranten, von denen vermutet wird, dass „sie genauso morden und verletzen wie ihre Volksgeschwister ohne BRD-Pässe“. So kommt der Autor auf die Zahl 7500.

Keine verlässlichen Daten

Die Zahl ist wie gemacht für Die Freiheit. Im Mobilisierungsvideo für die Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag wähnt Parteivize Marc Doll Deutschland in einem Krieg, in dem muslimische Einwanderer die Aggressoren und Deutsche die Opfer sind. Natürlich spricht auch er von 7500 Toten seit 1990 – wie es inzwischen fast alle rechten Nachrichtenportale tun.

In der gesamten Rechnung unbeachtet bleibt, dass Mord- und Totschlag typische Beziehungs- und sogenannte Nahfeldtaten sind, folglich ein Großteil der Opfer selbst Ausländer sein dürfte. Laut BKA gibt es keine verlässliche Datengrundlage, die eine solche Zahl stützen würde. Die Nationalität von Verbrechensopfern soll nach Auskunft des Bundesinnenministeriums erst ab 2013 erfasst werden.

Michael Stürzenberger, Pressesprecher der Freiheit, kann im Gespräch mit der Berliner Zeitung nicht ausschließen, dass die Zahl zu hoch gegriffen sei. An dem eigentlichen Problem der Ausländergewalt ändere diese jedoch nichts. Für ihn selbst sei auch egal, ob die Täter deutsche Staatsbürger seien oder nicht. Wichtig sei die Unterscheidung in Moslems und Nicht-Moslems: „Der Islam ist eine Ideologie, die das Töten nicht nur fördert, sondern fordert“, behauptet er. Mit neueren Statistiken will Die Freiheit das am Volkstrauertag belegen. Marc Doll werde diese vortragen – weil er sich mit Zahlen besser auskenne.

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