Rindviecher und Rechtsextremisten haben einiges gemeinsam. Und so verwundert es kaum, dass Marine Le Pen, Rechtsextremistin und Kandidatin für die französischen Präsidentschaftswahlen, jetzt für die Rindviecher energisch Partei ergriffen hat. Natürlich geht es ihr dabei weniger um den Tierschutz, sondern darum, im Wahlkampf mit Islamfeindlichkeit zu punkten. „Die Gesamtheit des Fleisches, das im Großraum Paris vertrieben wird, ist ohne das Wissen der Verbraucher Halal-Fleisch“, hat sie zuletzt gepestet. Am Mittwoch kam Unterstützung von einer prominenten Tierschützerin: Die alternde Filmdiva Brigitte Bardot sagte Le Pen ihre Unterstützung im Wahlkampf zu.
Sie liegt in Lauerstellung. Laut Umfragen darf die Rechtspopulistin Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen mit 18 Prozent der Stimmen rechnen. Platz drei wäre das – zu wenig, um es dem Vater nachzutun, der 2002 in die Stichwahl gelangt war. Gut möglich ist indes, dass so mancher mit der Chefin des Front National sympathisierende Franzose dies den Meinungsforschern verschweigt und am Wahltag ein paar Prozentpunkte hinzukommen.
Die 43-jährige Juristin greift auf alle Fälle entschlossen nach dem höchsten Staatsamt. Um die Gunst der Krisenverlierer wirbt sie, der „Franzosen, die von den Mächtigen missachtet, ja nicht einmal wahrgenommen werden“, wie sie sagt. Sie verspricht einfache Lösungen. Das Böse komme von draußen, suggeriert sie. Die Immigranten, die EU, die Globalisierung brächten es über Frankreich. Mit einem „patriotischen Schutzschild“, Zollschranken, einem Ausstieg aus dem Euro, will die Europaabgeordnete dagegenhalten. Dass dies die Wirtschaft in den Ruin treiben würde, sagt sie nicht. Der zum Übel erklärten Einwanderung will die Kandidatin beikommen, indem sie die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen von jährlich 200 000 auf 10 000 reduziert und das Recht auf Familiennachzug abschafft.
Fürs erste muss Marine Le Pen freilich Sorge tragen, dass sie die für eine Kandidatur notwendige Rückendeckung bekommt. Bisher haben sich rund 350 Bürgermeister und Abgeordnete der Regionalparlamente zur FN-Chefin bekannt. 500 Patenschaften braucht sie. Auf den fehlenden Beistand angesprochen, hat sie bei einer ihrer letzten großen Wahlveranstaltungen geklagt: „Wie so viele Franzosen werde ich von den Politikern missachtet; die herrschende Kaste macht ihr Casting, und ich gehöre nicht dazu.“
Das Publikum nimmt der im Pariser Nobelvorort Neuilly geborenen Rechtsanwältin und Europaabgeordneten solche Klagen gerne ab. Mit der rauen Stimme und den derben Händen, könnte die resolute Frau als Wirtin eines Landgasthofs oder Verwalterin eines Campinglatzes durchgehen. Der Lebenslauf Marine Le Pens deutet ebenfalls darauf hin, dass sie es nicht leicht gehabt hat. Als zweifach geschiedene Mutter dreier Kinder weist er die Kandidatin aus.
Axel Veiel
Halal bezeichnet die Lebensweise, die nach dem islamischen Recht erlaubt oder zulässig sind. Und Halal ist Fleisch nur dann, wenn es nicht vom Schwein stammt und nach islamischem Ritus geschlachtet ist. Der schreibt vor, dass dem Tier in lebendem Zustand die Kehle durchgeschnitten wird, so dass es ausblutet. Ob eine vorherige Betäubung des Tieres zulässig ist, ist umstritten – viele Muslime lehnen sie ab. So weit, so blutig. Le Pen bemängelt eine Irreführung der Verbraucher, sieht eine „Verachtung der Franzosen im eigenen Land“ und hat rechtliche Schritte angekündigt.
Ihrem Erfolgsgeheimnis bleibt sie mit der Halal-Debatte treu: Wahrheiten und Halbwahrheiten miteinander zu vermischen. Denn tatsächlich schlachten drei der vier Schlachthöfe im Großraum Paris Tiere nach islamischem Ritus und ohne Betäubung. Den Großteil ihres Fleisches kaufen die Pariser Händler aber auf dem Großmarkt Rungis im Süden der Stadt – den der Präsident und Kandidat Nicolas Sarkozy am Dienstag eilig und überraschend besuchte, um dort zu verkünden: „Die Menschen im Großraum Paris verbrauchen jährlich 200000 Tonnen Fleisch und 2,5 Prozent davon sind halal oder koscher“. Die Halbwahrheit aber dürfte nicht das größte Problem sein, das Marine Le Pen auf dem Rechtsweg begegnen wird – es droht dazu noch Ärger im Freundeskreis. Denn Paul Lamoitier ist rechtsextremer Mandatsträger in Nordfrankreich, angeblich eng mit Le Pen befreundet – und größter Lieferant von Halal-Fleisch. Ein Journalist hatte das bereits vor einiger Zeit öffentlich gemacht. Damit konfrontiert entgegnete Lamoitier: „Diejenigen, die gegen Halal-Fleisch kämpfen, kennen es nicht“. Und: „Das ist sehr gutes Fleisch nach allen hygienerechtlichen Regeln. Halal-Fleisch hat nichts mit dem Aufstieg des Islam zu tun, man darf nicht alles vermischen.“
Womit Le Pen widerlegt wäre – aber zugleich bestätigt, dass Rindviecher und Rechtsextremisten ganz gut miteinander können.
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