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Mars 500: 520 Tage Einsamkeit

Anderthalb Jahre lang haben sechs Test-Raumfahrer einen Flug zum Roten Planeten simuliert. An diesem Freitag verlassen sie ihre Station. Die Wissenschaft ist um viele Erkenntnisse reicher. Und: Ja, eine Reise zum Mars wäre möglich.

        

Holztäfelung und weicher Teppich: In der Versuchsanlage in Moskau ging es fast, aber eben nur fast zu wie im wirklichen Kosmonautenleben.
Holztäfelung und weicher Teppich: In der Versuchsanlage in Moskau ging es fast, aber eben nur fast zu wie im wirklichen Kosmonautenleben.
Foto: ESA
Moskau –  

Die ersten Menschen sind von ihrer Mars-Mission zurück. Wenn sich an diesem Freitag zur Mittagszeit die Luken des „Raumschiffes“ öffnen, liegen 520 Tage der Isolation hinter der sechsköpfigen Besatzung. Drei Russen, ein Chinese, ein Italiener und ein Franzose haben während Hin- und Rückflug zahllose wissenschaftliche Experimente absolviert, und sie verbrachten einen Monat auf dem Mars.

Zwar war alles nur Fiktion, natürlich. Die Raumkapsel und der Mars wurden in Containern des Moskauer Instituts für Biomedizinische Probleme auf wenigen Quadratmetern nachempfunden. Das Flugleitzentrum befand sich nur wenige Meter entfernt. Vieles konnte auf diese Weise simuliert werden, nicht aber Schwerelosigkeit und kosmische Strahlung. Die Hauptfrage jedoch sei jetzt beantwortet, ist Patrik Sundblad von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa überzeugt. „Die Antwort lautet: Ja“, sagt er. Ja, der Mensch ist fähig, die psychologischen Belastungen eines Marsfluges auszuhalten.

2. Juni 2010: Die sechs Raumfahrer betreten ihre etwas andere Wohngemeinschaft. Wände und Decken sind holzgetäfelt – ein wirkliches Raumschiff würde man sicher nicht so ausrüsten. Mit 550 Quadratmetern in unterschiedlichen Modulen ist auch der Platz reichlich bemessen. Der Tagesablauf für die nächsten anderthalb Jahre ist streng reglementiert. Immerhin achteinhalb Stunden Schlaf sind vorgesehen, danach für Körperhygiene und Frühstück anderthalb Stunden. Die acht Stunden Arbeit werden von einer Stunde Mittagessen unterbrochen. Bevor sie vier Stunden zur freien Verfügung haben, müssen die Raumfahrer sich eine Stunde lang sportlich betätigen. Für anderthalb Jahre schließen sich jetzt die Luken. Mit der Erde wird über Video kommuniziert. Wenn die Crew „auf dem Mars“ ist, wird das Signal 20 Minuten brauchen. Wie in der Realität.

1. Dezember 2010: Der Flug ist bislang ruhig verlaufen. Die Psychologen haben Experimente vorbereitet, wie sich auch mit Wissenschaftlern durchgeführt werden, die in der Arktis oder Antarktis tätig sind. Inzwischen ist es Routine. Doch jetzt wird Alarm ausgelöst. Die Kapsel habe sich „enthermetisiert“, wird der Crew mitgeteilt. Auf Deutsch: Lebenswichtiger Sauerstoff entweicht ins All. Fast 23 Stunden lang kämpfen die Raumfahrer, um das Problem in den Griff zu bekommen. „Alle Schwierigkeiten wurden kollektiv gemeistert. Kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren spielten keine Rolle“, heißt es nüchtern im Bericht der beobachtenden Psychologen. Bei einem wirklichen Raumflug wäre die Stressbelastung jedoch sehr viel höher, räumt Esa-Spezialist Sundblad ein. Wenn da etwas schiefläuft, kann man nicht einfach das Experiment abbrechen und die Luken öffnen.1. Februar 2011: Der Hinflug hat 240 Tage gedauert. Jetzt kann die Arbeit auf dem Mars endlich beginnen. Der Italiener Diego Urbina und der Russe Alexander Smoljewski sind die ersten, die ihre Spuren im – irdischen – Marsstaub hinterlassen. Sie tragen schwere Raumanzüge, wie sie auch auf dem Roten Planeten lebensnotwendig wären. Auf den Bildschirmen im Flugleitzentrum erscheinen zwei Gestalten in diffusem Licht. Eine Stunde und zwölf Minuten dauert der erste Außeneinsatz, zwei weitere folgen. Zahlreiche Parameter werden gemessen, Bodenproben eingesammelt. Ein Roboter bohrte ein Loch in den überdimensionierten Sandkasten, der der Umgebung eines Mars-Kraters nachempfunden war. Nach einem Monat auf dem Mars startet die Kapsel dann zum Rückflug.

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18. April 2011: Schon wieder sind Hunderttausende Kilometer zurückgelegt, da reißt die Nachrichtenverbindung zur Erde ab. Die Besatzung muss alle Entscheidungen völlig selbstständig treffen. Was sie nicht weiß: Die Beobachtungskameras bleiben angeschaltet. Es gibt böse Erfahrungen, bei einem früheren Isolationstest 1999 haben sich zwei der Probanden geprügelt. Diesmal geht alles gut. Nach einer Woche völliger Funkstille meldet sich die Erde wieder.

14. August 2011: Es ist der 438. Tag der Mission. Der bisher längste Flug eines Menschen ins All hat 437 Tage, 17 Stunden, 59 Minuten gedauert. Die Mars-500-Besatzung ist nun länger in der Isolation als der russische Arzt und Kosmonaut Waleri Poljakow, der 1994/95 so lange ununterbrochen an Bord der Station Mir arbeitete. Der August ist ein mentaler Tiefpunkt für die Mars-500-Mannschaft. Die Experimente wirken inzwischen monoton. Freunde und Verwandte, die regelmäßig Botschaften gesendet hatten, sind in den Urlaub gefahren. Um das Maß voll zu machen, hat das Flugleitzentrum angeordnet, dass es kaum Abwechslung auf dem Speiseplan gibt.

22. Oktober 2011: Noch ein Schock für die Crew. Die Ärzte haben angeordnet, dass die Besatzung auch nach der Landung isoliert bleibt. Psychisch und physisch geht es allen gut. Aber ihr Immunsystem ist so geschwächt, dass sie jedem Keim hilflos ausgeliefert wären. Eine öffentliche Pressekonferenz wird es erst nach einer Quarantäne am 8. November geben.

Autor:  Frank Herold
Datum:  4 | 11 | 2011
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