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Massaker auf dem Tiananmen-Platz: Der Fluch der bösen Tat

Am 4. Juni 1989 lässt die Kommunistische Partei die Studentendemos blutig niederschlagen. 3000 Menschen sterben auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Das Massaker wird offiziell verschwiegen - und gilt doch als Wendepunkt in der Geschichte Chinas. Von Bernhard Bartsch


Foto: afp

Am 30. Mai 2007 betrat ein Mann die Anzeigenabteilung der westchinesischen Provinzzeitung "Chengdu Abendnachrichten", um eine Annonce aufzugeben: "Gegrüßt seien die unnachgiebigen Mütter der Opfer des 4. Juni".

Die 23-jährige Verlagsangestellte machte sich darüber keine Gedanken, doch weil der Inhalt ihrem Vorgesetzten seltsam vorkam, rief sie den Kunden zwei Tage später an, um nachzufragen, was es mit dem 4. Juni auf sich habe. "Ein Minenunglück", lautete die Antwort. Die Zeitungsangestellten waren beruhigt, die Anzeige wurde am 4. Juni gedruckt.

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Peking, im Frühjahr 1989: Nach wochenlangen Protesten geht Chinas Staatsmacht auf dem Platz des Himmlischen Friedens (chinesisch: Tiananmen Guangchang) mit militärischer Gewalt gegen das Volk vor. Das Bild vom Mann der sich den Panzern entgegenstellt geht um die Welt.
Peking, im Frühjahr 1989: Nach wochenlangen Protesten geht Chinas Staatsmacht auf dem Platz des Himmlischen Friedens (chinesisch: Tiananmen Guangchang) mit militärischer Gewalt gegen das Volk vor. Das Bild vom Mann der sich den Panzern entgegenstellt geht um die Welt.
Foto: rtr

Erst als am Tag darauf die Polizei die Zeitungsräume durchsuchte, erfuhren die Angestellten, wem der Gruß tatsächlich galt: den Tiananmen-Müttern, einem Verbund von Leidensgenossinnen, die am 4. Juni 1989 ihre Kinder verloren, als die Kommunistische Partei die Studentendemonstrationen auf Pekings Tiananmen-Platz, auf dem Platz des Himmlischen Friedens, blutig niederschlagen ließ.

Rigide Zensur löscht die öffentliche Erinnerung

Der Vorfall mit der Annonce zeigt, was aus diesem dunklen Kapitel der chinesischen Geschichte geworden ist: Mit rigider Zensur ist es dem staatlichen Medienapparat gelungen, die Erinnerung an den 4. Juni aus dem öffentlichen Bewusstsein zu löschen - oder gar nicht erst dorthin vordringen zu lassen. Viele junge Chinesen haben noch nie von dem Massaker gehört, und ältere Chinesen behalten ihre Erinnerungen meist für sich. Die Betroffenen, für die der 4. Juni auch nach 20 Jahren noch nicht Vergangenheit ist, sind mit ihrer Geschichte isoliert.

Im westlichen Ausland hingegen hat kein Ereignis die Einstellung zu China stärker geprägt als das Blutbad an jenem 4. Juni. Wer heute an China denkt, denkt automatisch auch an die Aufnahme des jungen Mannes, der sich allein einer Reihe von Panzern in den Weg stellt. Das Bild ist Teil der politischen Ikonographie des 20. Jahrhunderts geworden und passt zu vielen anderen Meldungen, die vor und nach Tiananmen aus China an die internationale Öffentlichkeit gedrungen sind.

Berichte über die Unterdrückung von Tibetern und anderen Minderheiten; über Verhaftungen von Aktivisten, Anwälten, Autoren, die sich für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Umweltschutz einsetzen; über Gesundheitsskandale wie der um das vergiftete Babymilchpulver, das Tausende von Opfern forderte, weil die Regierung die Probleme verschwieg, statt Fehler einzugestehen.

Doch auch wenn Chinas Entwicklung aus der Ferne gerne auf die Formel "Wirtschaftsreformen ohne Politikreformen" gebracht wird, ist die Realität komplexer. Zwar ist die Volksrepublik noch immer eine Ein-Partei-Diktatur, von freien Wahlen so weit entfernt wie 1989. Aber das Verhältnis zwischen Volk und Regierung hat sich grundlegend gewandelt. Diese für alle Menschen spürbare Entwicklung hat mit den Demonstrationen von 1989 begonnen.

Der wirtschaftliche Fortschritt macht die Chinesen anspruchsvoller, nicht zuletzt gegenüber ihrer Regierung. Solange China vorrangig ein Land bettelarmer Bauern war, hatte die Partei es leicht, ihr Volk mit Versprechungen abzuspeisen. Doch mit zunehmendem Wohlstand und Wissen wachsen auch die Erwartungen, wächst die Kritikfähigkeit. Das politische Erwachen setzt weit vor der Systemfrage ein.

Wer als Dorfbewohner vom Aufschwung in den Städten profitieren will, möchte die Möglichkeit haben, sich dort einen Job suchen zu dürfen. Wer in einer Fabrik arbeitet, will vor Ausbeutung und Misshandlung geschützt werden. Wer Geld verdient, möchte seine Ersparnisse vor Verschwendung und Korruption geschützt wissen. Weil dies vielerorts mehr schlecht als recht funktioniert, ist China ein Land geworden, in dem Proteste alltäglich geworden sind.

Die chinesische Definition von Demokratie

Nach offiziellen Statistiken kommt es jährlich zu Zehntausenden von Demonstrationen. Dabei treiben die Chinesen nicht hehre Ideen von einer neuen politischen Ordnung an, sondern eigene, konkrete Lebenserfahrungen - eine Entwicklung, die hoffen lässt, dass sich die Demokratie als zivilisatorische Schwerkraft erweisen wird und sich alle Debatten, ob ihre westlichen Wurzeln auch auf dem Boden der chinesischen Kultur gedeihen können, eines Tages in der Praxis auflösen werden.

Der Weg bis dahin ist noch lang. Und die Kommunistische Partei hat kein Interesse, nach Abkürzungen zu suchen. Sie ist im Gegenteil bemüht, eine andere Route einzuschlagen und ein Konstrukt zu erfinden, das sie langfristig davor schützt, vom Volkswillen hinweggefegt zu werden wie die einstigen Bruderregime in Osteuropa. Aus deren Zusammenbruch hat die chinesische Einheitspartei ebenso ihre Lehren gezogen wie aus der Tragödie des 4. Juni. Etwa die, dass ein Platz voller Demonstranten sich mit militärischer Gewalt zurückerobern lässt, ein ganzes Land jedoch nicht.

Deshalb versucht die Partei, das einstige Angstwort "Demokratie" mit einer neuen Bedeutung aufzuladen, die nicht im Widerspruch zum Ein-Partei-System steht: ein System, das auf die Wünsche der Menschen reagiert und den Wählerwillen ohne Wahlen abfragt, in dem das Volk spricht, ohne über ein formelles Mitspracherecht zu verfügen. "Innerparteiliche Demokratie" heißt der Slogan zur halbherzigen Reformpolitik. Denn wo Macht konzentriert ist, kungeln die Eliten, ist Korruption unvermeidlich, bleiben die Interessen der Mehrheit zwangsläufig auf der Strecke.

Und schließlich stellt sich noch eine Frage: Ein demokratisches China wäre das mächtigste China, das die Welt jemals erlebt hat. Will der Westen das wirklich? Er sollte es wollen. Denn wer verhindern will, dass die Chinesen in der Welt ein Mitspracherecht erhalten, das der Größe ihres Landes angemessen ist, der steht moralisch nicht allzu weit über der Kommunistischen Partei, die vor 20 Jahren ihre Privilegien dadurch absicherte, dass sie die Volksbefreiungsarmee auf das eigene Volk schießen ließ.

Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  3 | 6 | 2009
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