Teheran. Plötzlich verlieren die Bassidschj-Milizionäre die Nerven. Vom Dach ihrer Unterkunft schießen sie in die Menge. Ein Demonstrant stirbt, andere gehen schwer verletzt zu Boden. In Panik suchen die Menschen hinter Bäumen und Autos Deckung - die Unruhen im Iran forderten am Montagabend ihr erstes Todesopfer.
Das iranische Staatsfernsehen berichtet von den schwersten Unruhen im Iran seit der Revolution vor 30 Jahren und meldet sieben Tote. Nach einem Radiobericht sollen die Menschen in der Nähe der verbotenen Kundgebung der Opposition ums Leben gekommen sein. Eine iranische Exil-Organisation, der Nationale Widerstandsrat, sprach von mehreren Toten und Verletzten. Bei den Protesten in Teheran und anderen Städten seien mindestens zehn Demonstranten getötet worden. Anhänger von Opposition und Regierung haben jeweils für heute erneut zu Demonstrationen aufgerufen.
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Fotografen berichteten, sie hätten Bilder der Verletzten machen können. Die Demonstranten seien in Krankenhäuser gebracht worden. Weitere Angaben konnten die Fotografen nicht machen. Sie hätten jedoch auch Bilder von Blutspuren, die zwei andere verletzte Demonstranten hinterlassen hätten. Unklar war, ob das Blut von Schusswunden stammt. Auch der staatliche iranische Sender Press-TV berichtete von Schüssen während der Großdemonstration. "Es gab vereinzelt Schüsse da draußen, ich kann sehen, wie Menschen davonlaufen", sagte ein Reporter von Press-TV.
Dabei hatte alles so friedlich angefangen, auf dem Freiheitsboulevard im Zentrum Teherans, der den Revolutionsplatz nahe der Universität mit dem Freiheitsplatz verbindet. Regungslos ließen die schwarzen Hundertschaften der Polizei die Menschen mit ihren grünen Schals passieren. Aus allen Himmelsrichtungen strömten sie zusammen - Frauen und Männer, Junge und Alte, sogar Schwangere.
"Lang lebe Mussawi"
Auf mindestens eine Million schätzte die Polizei am Ende die Zahl der Teilnehmer, die sich rund um das gigantische "Tor zum Iran" versammelt hatten - von Schah Reza Pahlevi 1971 anlässlich der 2500-Jahrfeier von Persien gebaut. Sie alle fühlen sich von dem Regime betrogen, sie alle wollen sich ihre Präsenz im Stadtbild nicht nehmen lassen.
"Lang lebe Mussawi" skandierten sie und "Mussawi, wir unterstützen dich", als der grauhaarige Politiker und seine Frau Zahra Rahnavard schließlich in einem Allrad-Fahrzeug am Rande des Platzes auftauchten. "Wenn es eine Neuwahl gibt, ich werde wieder kandidieren", rief der Umjubelte vom Dach des Wagens in die Menge herab. "Und so Gott will, werden wir uns unser Recht zurückholen".
An diesem Tag erlebte der Iran die erste Montagsdemonstration seiner Geschichte - die persische Variante von "Wir sind das Volk." Was als perfekt inszenierter Wahlcoup für Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad geplant war, entwickelt sich inzwischen zur tiefsten Legitimationskrise der Islamischen Republik seit ihrer Gründung.
Demonstrieren wie mit Ajatollah Khomeiny
Nicht nur Politiker und Künstler, auch immer mehr Geistliche scharen sich hinter Mir Hossein Mussawi. "Nur eine Neuwahl kann die Menschen beruhigen, das wird auch Ahmadinedschad bald einsehen müssen", meinte ein Universitätsprofessor am Rande der Kundgebung.
Und sobald die Sonne untergeht, verlagert sich das Geschehen von der Straße auf die Dächer und Balkone. "Tod dem Diktator" und "Allah ist groß" tönt es hinunter in die Häuserschluchten. Abend für Abend schreien zehntausende Menschen ihren Frust in die Nacht hinaus. Genau um 21 Uhr beginne dieser ungewöhnliche Protestgesang, berichtet ein Blogger aus seinem Viertel - "gelegentlich unterbrochen durch das Krachen von Schüssen oder Tränengasgranaten."
Auch wenn viele Anhänger von Mussawi so jung sind, dass sie Revolutionsführer Ajatollah Khomeiny nur von Fotos kennen. Ausgerechnet sie lassen jetzt seine Formen des zivilen Widerstands wiederaufleben. Khomeiny war es, der vor dreißig Jahren die Iraner aufrief, von den Dächern herunter mit "Allah ist groß" Schah Reza Pahlevi von der Macht zu vertreiben. Und was damals ging, zeigt auch heute Wirkung.
Der Sohn des des letzten persischen Schahs, Resa Pahlewi, verwies angesichts der Massenproteste auf Parallelen zur Islamischen Revolution 1979, die zum Sturz seines Vaters geführt hatte. Das heutige Klima im Iran rufe Erinnerungen an die Ereignisse vor mehr als 30 Jahren wach, die zur Machtübernahme des heutigen Regimes geführt hätten, sagte Pahlewi dem US-Fernsehsender CNN. Der frühere Thronfolger, der heute in den USA lebt, forderte insbesondere US-Präsident Obama auf, "Solidarität" mit den Iranern zu zeigen.
Campus verwüstet
Von Teheran aus greifen die Unruhen inzwischen auf andere Städte über. Im Internet sammeln sich die Videos grüner Mussawi-Anhänger, die aus allen Winkeln des Landes kommen. Ob in Schiras im Süden, in Isfahan im Zentrum, in Tabriz im Norden oder in Rasht am Kaspischen Meer - überall gehen die Menschen auf die Straße und fordern eine Annullierung der Präsidentenwahl.
Doch so leicht gibt das Regime nicht klein bei: In Teheran verwüsteten Polizei und Milizionäre in der Nacht zu Montag den Campus der größten Universität. Fotos auf Facebook und Twitter zeigen blutüberströmte Opfer auf ihren Betten, eingetretene Türen, zertrümmerte Computer und brennende Autos.
Sogar mit Äxten seien die Schläger auf sie losgegangen, berichteten schockierte Studenten am nächsten Morgen. Viele wollen zu ihren Familien flüchten, aber andere werden bleiben. Polizei und die Milizen zeigen immer größere Nervosität.
Behindert wird auch die Kommunikation: Nach Angaben von Reportern ohne Grenzen zensiert der Iran unter anderem unliebsame Internetseiten - darunter die des britischen Nachrichtensenders BBC - und erschwert den Zugang zu sozialen Netzwerken wie Facebook. Die Übertragung von Fernsehsendern ist gestört. Das Handynetz funktioniert wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt. Mindestens vier Journalisten sind nach Angaben der Organisation in Haft, über den Verbleib von zehn weiteren habe man keinen Hinweis.
Dagegen versuchen Jugendliche Aufnahmen aus Teheran über Internetplattformen wie youtube zu verbreiten.
Wächterrat kündigt Prüfung der Wahl an
Mussawi hat beim iranischen Wächterrat beantragt, die Wahl vom Freitag wegen Unregelmäßigkeiten für nichtig zu erklären. Vielfach ist von "Wahlbetrug" die Rede.
Revolutionsführer Ali Chamenei, der den Sieg seines politischen Zöglings am Samstag noch als "göttliche Fügung" gepriesen hatte, sah sich davon genötigt, eine "genaue Überprüfung" der Betrugsvorwürfe des angeblich unterlegenen Gegenkandidaten Mussawi anzuordnen. Dieser hatte am Sonntag zusammen mit dem Hardliner Mohsen Rezai offiziell Einspruch beim Wächterrat eingelegt. Für Mussawi ist der Ahmadinedschad-Sieg "Lug und Trug", für den früheren Chef der Revolutionären Garden eine "Erniedrigung des Volkes."
Ajatollah Ali Chamanei rief Mussawi gleichzeitig im Staatsfernsehen auf, seine Einwände gegen das Wahlergebnis ruhig und im Rahmen der Gesetze zu verfolgen. Da Chamanei Ahmadinedschad bereits zum Sieg gratuliert hat, ist es unwahrscheinlich, dass der Wächterrat das Ergebnis revidiert.
Politische Berater des anderen Kandidaten Mohsen Rezai geben ihm recht: Mussawi sei in den Städten klarer Sieger - nur bei der Landbevölkerung habe es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Ahmadinedschad gegeben. Die Landbevölkerung macht 30 Prozent der Wählerschaft aus. Die Berater Rezais nennen das offizielle Ergebnis "Volkserniedrigung". Einflussreiche Theologen in Qom fordern eine Neuauszählung der Stimmen durch neutrale Beobachter oder Neuwahlen.
Keine 24 Stunden nach dem "großen Siegesfest" mit seinen Anhängern sagte Mahmud Ahmadinedschad zunächst überraschend seine Reise nach Moskau ab - am Dienstag reiste er dann doch zu einer internationalen Konferenz nach Jekaterinenburg.
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