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06. November 2014

Mauerfall: In dieser Nacht ging Berlin nicht schlafen

 Von 
An der Bornholmerstraße in Berlin gingen am 9. November 1989 zuerst die Schlagbäume hoch.  Foto: Gerd Danigel

Befreit vom Gefühl, in einem Kerker gelebt zu haben: Wie der FR-Korrespondent vor 25 Jahren den Mauerfall erlebte. Eine Dokumentation.

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Die Bretter sind weg, die Bretter sind weg“, schreit der junge Mann auf dem Weg zur Bornholmer Straße im Norden Berlins, dort, wo die Stadtbezirke Wedding (West) und Prenzlauer Berg (Ost) aufeinander stoßen. „Jetzt geht’s zum Kurfürstendamm. Darauf habe ich 28 Jahre lang gewartet“ – „Wie alt bist du?“ – „26!“

Der junge Mann kam zu spät, um den historischen Augenblick an dieser, wie es offiziell heißt, Grenzübergangsstelle mitzuerleben. Seit 21 Uhr hatten sich dort Menschentrauben gebildet. Einige wenige Leute wurden von den Grenzsoldaten auf die andere Seite gelassen, diejenigen, die gültige Papiere besaßen, die freilich erst für einen der nächsten Tage gestempelt waren. Doch die Menschen dort wurden immer mehr und mehr.

Ergänzung des Autors, 25 Jahre danach: Die Staatssicherheit hatte den Grenzkontrollpunkt auch angewiesen, die größten Krakeeler herauszugreifen und in den Westen zu lassen, ihre Ausweise auf dem Passbild zu stempeln und ihnen die Wiedereinreise zu verweigern – eine geheime Ausweisung. Bei den Wartenden entstand der Eindruck, wer am lautesten grölt, darf in den Westen. Als Eltern zurückkamen, die ihre schlafenden Kinder alleingelassen hatten, brach dieses hilflose System zusammen. Der Leiter der Passkontrolleinheit, Harald Jäger, befahl „Schlagbäume auf“. Sein Vertreter Edwin Görlutz meldete ins Stasi-Hauptquartier: „Wir fluten jetzt. Wir machen alles auf.“ Die Menschen hatten noch in der Nacht die Maueröffnung erzwungen.

Um 23.15 Uhr am Donnerstagabend war es dann so weit. Langsam ging der rot-weiße Schlagbaum auf. der so viele Jahre den Menschen in der DDR „das Gefühl verschafft hat, in einem Kerker zu leben“, so hatte es in der vergangenen Woche ein Politbüromitglied zu einem westlichen Diplomaten gesagt.

„Das ist Wahnsinn, das ist Wahnsinn“ – „Unglaublich, unglaublich“, schreien da die Menschen. Wildfremde Menschen fallen einander in die Arme, um sich dann gleich auf den Weg in das unbekannte Land zu machen, das doch nur der andere Teil der Stadt ist. Zunächst versuchen die Grenzsoldaten noch einen Blick auf die Personalausweise zu werfen, sie zu stempeln, doch angesichts der Menschen geben sie es schnell auf.

Es werden immer mehr, die testen wollen, ob wahr ist, was das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski um zwei Minuten vor 19 Uhr auf der Pressekonferenz gesagt hatte, vom DDR-Fernsehen direkt übertragen. Minuten später tickerten die Nachrichtenagenturen in alle Welt die Zeile, die dem 9. November 1989 einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert: „DDR öffnet Grenzen“.

Was die SED, über deren Sitzung des Zentralkomitees Schabowski berichtete, eigentlich tun wolle, wenn der Strom der Flüchtlinge über die CSSR nicht abreiße, war er gefragt worden. Er zögerte, fingerte in seinen Taschen, griff nach einem hingereichten Blatt Papier und murmelte: „Etwas haben wir ja schon getan. Ich denke, Sie kennen das. Nein? Oh, Entschuldigung. Dann sage ich es Ihnen.“ Dann begann er vorzulesen, was das SED-ZK am Nachmittag beschlossen hatte, und verhaspelte sich mehrmals. Als er zu Ende war, schauten sich die 200 Journalisten aus aller Welt im Pressezentrum fragend an. Sie schienen den Ohren nicht zu trauen, fragten noch einmal zurück, wann das alles in Kraft treten solle, und eher gelangweilt antwortete Schabowski: „Unverzüglich.“

Die Menschen in Ost-Berlin standen offenbar unter dem gleichen Schock der Überraschung wie die Journalisten im Pressezentrum. Nach einer Stunde war an den Grenzübergängen noch kaum ein Mensch zu sehen. Doch nach einer weiteren Stunde ging es dort zu wie beim Karneval in Rio. An der Bornholmer Straße, an der Invalidenstraße, an der Sonnenallee, überall fielen wildfremde Menschen einander in die Arme. Kaum einer, der die Tränen unterdrücken konnte, erwachsene Männer genauso wie Frauen.

Keiner sieht mehr das Schild, dessen Nichtbeachtung bis zu diesen Tagen ins Gefängnis hätte führen können. Oben in Deutsch, darunter kleiner in Englisch, Französisch und Russisch: „Grenzgebiet. Das Betreten und Befahren ist nur mit Sonderausweis gestattet.“ Doch viele haben nicht einmal einen Personalausweis dabei. Als die Fernsehnachrichten die Sensation meldeten, haben sie sich einfach auf den Weg gemacht, wie sie gerade waren: Jacken und Hosen über den Schlafanzug gestreift und los. Manche scheuchten die Kinder aus dem Bett. Die Kleinen sollten dabei sein, auch wenn sie als Zwei- oder Dreijährige später kaum noch eine Erinnerung daran haben. Männer tragen Kinder auf den Schultern, Hunde werden an der Leine mitgeführt.

In dieser Nacht geht Berlin nicht schlafen. Eine halbe Stunde nach Mitternacht kommen die Ersten vom Ausflug in den Westen schon wieder zurück. Sie strecken denen, die noch in der Gegenrichtung sind, die neuesten Zeitungen vom Freitag entgegen, fast alle mit den gleichen Schlagzeilen: „DDR öffnet ihre Grenzen zum Westen. Die Mauer verliert ihre Funktion“ („Tagesspiegel“), oder „DDR öffnet alle Grenzen – auch in Berlin. Der Abriss der Mauer wird bereits diskutiert“ („Berliner Morgenpost“).

Es sind ihre Trophäen, ihre Beweise, dass sie wirklich auf der anderen Seite waren. „Herzflattern, erhöhter Pulsschlag, alles was es gibt, habe ich“, sagt einer um Mitternacht. „So einfach ist das alles. Und so muss es sein und bleiben.“

Auf der Brücke tanzen ein paar, diskutieren die meisten. „Kiek mal“, ruft eine Frau, „im Westen ist ja gar nichts.“ Sie meint die Grenzanlagen. „Und bei uns ist schon einen Kilometer vorher alles abgesperrt.“ Aber das zählt nicht mehr in dieser Nacht. Sektkorken knallen, französischer Sekt, den Westberliner mitgebracht haben, und russischer Sekt, der aus den Ostberliner Kühlschränken stammt. Menschen, die die DDR für immer verlassen, sind kaum dabei; in einer Stunde zähle ich sechs, die ihre Koffer schleppen. Die schon von der Brücke weg sind, in Autos oder Taxen, hupen immer wieder, rufen den Entgegenkommenden zu: „Die Grenze ist auf.“ „Juchhe“, klingt es zurück. Ost-Berlin im Freudentaumel.

Aus den Autoradios tönt es, der Kurfürstendamm sei verstopft mit Trabbis, den DDR-Kleinwagen, die nach Mitternacht ihre Runde durch die Westberliner Innenstadt drehen. Die Doppeldeckerbusse, die auf der Westseite der Brücke stehen, fahren im Drei-Minuten-Abstand, bringen die Menschen zum „Zoologischen Garten“ nahe dem Ku’damm. Die Frage eines Ostberliners, ob denn tatsächlich der Zoologische Garten in der Nacht geöffnet sei, verneint ein Polizist: „Erst morgen früh wieder.“ Aber wer will in dieser Nacht schon in den Zoo?

Die Polizei ruft durch Lautsprecher höflich zu, die Bürgersteige zu benutzen, damit die Busse fahren können. Genauso diszipliniert wie bei den vorangegangenen Demonstrationen in Ost-Berlin folgen die Menschen der Bitte. Am Grenzkontrollpunkt bilden sich immer wieder Trauben. Die Menschen diskutieren mit den Grenzsoldaten, die scheinbar unbeteiligt herumstehen. „Haben Sie nicht 28 Jahre hier ohne Sinn Ihren Dienst getan?“ – „Nein“, sagt der Hauptmann, „1961 war das unbedingt nötig.“ Als Kamerateams ihn fotografieren wollen, winkt er ab: „Bitte nicht.“ Die Lampen werden wieder ausgeschaltet. Einer fordert ihn auf: „Jetzt kommen Sie mit uns, einen Schritt über die Linie tun“, sagt er zu dem „Grenzorgan“ (DDR-Deutsch). Die Antwort überrascht: „Habe ich schon getan.“

Einer erinnert an den 77-jährigen Erich Honecker, den vor drei Wochen gestürzten SED-Generalsekretär: 50 oder 100 Jahre, habe jener erst im Frühjahr gesagt, solle die Mauer noch stehen. „Nach seinem Sturz hat es nicht einmal 50 Tage gedauert, bis sie sich öffnete.“ Auch darüber wird mit den Grenzern diskutiert.

Zur Person

Karl-Heinz Baum berichtete am 9. November 1989 für die Frankfurter Rundschau von der Pressekonferenz, die den Fall der Berliner Mauer zur Folge hatte. Dieses Ereignis bezeichnet er als das wichtigste Erlebnis seiner dreizehnjährigen Korrespondentenkarriere in der DDR.

Der langjährige Journalist verließ als Vierjähriger nach Kriegsende mit seiner Familie das heutige Polen und kam über einige Umwege nach Hamburg. Aufgewachsen in der Hansestadt, studierte Baum nach dem Abitur an der Freien Universität zu Berlin, besuchte Ost-Berlin und erlebte die deutsch-deutsche Geschichte unmittelbar mit. Kurz vor Ende des Studiums wechselte er nach Mainz. Es folgten 1965 und 1966 Reisen nach Leipzig und Magdeburg als Mitglied des Hansischen Geschichtsvereins.

Ab 1967 arbeitete er als freier Journalist bei verschiedenen Tageszeitungen, bis er 1977 das Angebot erhielt, als DDR-Korrespondent der FR das Redaktionsbüro in Berlin-Mitte zu übernehmen. Bis 1996 war er dort Redakteur. Wie er den Mauerfall erlebte, schilderte Baum am Samstag, dem 11. November 1989, in der FR. Wir drucken seinen Text als Dokument dieser Zeit. (FR)

Ob es denn stimmen könne, dass am 9. Oktober Schusswaffengebrauch einkalkuliert war, werden sie gefragt. Es kommt ein eindeutiges „Ja“ zurück. Der 9. Oktober, das war der Tag, an dem in Leipzig 300 000 Menschen auf die Straße gingen. Egon Krenz habe das alles verhindert. Und nun sei er auch für die Öffnung der Grenzen verantwortlich. Er habe Anerkennung verdient, sagt der Grenzer.

Am Brandenburger Tor, über das der heutige Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal sagte, solange es geschlossen sei, sei die deutsche Frage offen, versammeln sich in der Nacht Tausende von Menschen auf beiden Seiten. Schließlich klettern sie über die Absperrungen, lassen sich von Westberlinern über die Mauerkrone hochziehen und springen auf der anderen Seite wieder hinunter. Erst hatten Grenzsoldaten Wasserschläuche eingesetzt, um die Menschen von hier zu vertreiben. Schließlich befindet sich am Brandenburger Tor kein Grenzübergang, doch angesichts der Menschenmassen stellen die Grenzer das Wasserspritzen ein.

Die Menschen benutzen sogleich die herumliegenden Schläuche als Taue, um über die Mauer zu klettern. Zu Tausenden kommen sie hin und zurück. Immer wieder lehnen sich Männer oder Frauen an die Säulen des Tores, lassen sich von Fotografen, meist Journalisten aus Ost- oder West-Berlin, ablichten, tauschen mit ihnen Anschriften aus, damit sie die Bilder einmal erhalten.

Inzwischen hat ein Mann auf dem östlichen Teil der „Befestigten Staatsgrenze“, so hatte Schabowski Stunden zuvor noch das unüberwindlich scheinende und die Stadt Berlin teilende Bollwerk genannt, die Worte gepinselt: „Die Mauer ist weg.“

Um 3.30 Uhr riegelt Bereitschaftspolizei den Zugang zum Brandenburger Tor ab. Ein Polizist sagt: „Wir stehen hier, weil dort drüben die Polizei mit Blaulicht aufgefahren ist.“ Über Lautsprecher heißt es: „Hier sind die Grenztruppen der DDR, Bürger, wir bitten Sie höflichst, den Platz sofort zu verlassen. Dies gilt Ihrer eigenen Sicherheit.“

Inzwischen tanzen Paare nach der Melodie: „So ein Tag“. Sie schauen ungläubig auf, als sie die Durchsage hören. Dann erschallen Pfiffe und Rufe: „Die Mauer muss weg.“ Die Menschen, die inzwischen auf die Mauerkrone geklettert sind, zünden Wunderkerzen an, Sektflaschen kreisen. Ostberliner, die aus dem Westen zurückkommen, klettern immer noch über die Mauer und werden durchgelassen. Eine Frau bettelt kurz vor dem Schreikrampf: „Lasst mich durch, lasst mich durch. Ich will einmal im Leben aufrecht durch dieses Tor gehen.“ Schließlich kommt ein Offizier und führt sie persönlich hin und wieder zurück.

Am frühen Morgen löst sich die Menge auf, das Brandenburger Tor war gut vier Stunden lang sozusagen halboffen. Am Morgen, als diejenigen erwachten, die schon zu Bett gegangen waren, immer noch das gleiche Bild: Tausende pilgern an die Grenzübergänge. Am Mittag reicht am Grenzkontrollpunkt Heinestraße die Schlange der Wartenden bis zur Jannowitzbrücke, gut zwei Kilometer.

Überall fröhliche Gesichter. Menschen, die zur Arbeit wollen, machen einen Abstecher nach West-Berlin. Sie kommen von Baustellen, aus den Betrieben, aus Kaufhallen. Lehrer und Professoren verzichten auf den Unterricht, schicken Schüler und Studenten „einmal Ku’damm und zurück“ und machen sich wohl auch selbst auf den Weg. Zu diesem Zeitpunkt ist das Durchwinken an der Grenze freilich vorbei. Einen Personalausweis muss man schon haben.

Die Kaufhallen dagegen sind am Freitagmorgen in Ost-Berlin alle leer. „Die stehen alle anderswo Schlange“, sagt eine Verkäuferin und erzählt, dass die Hälfte ihrer Kollegen sich gerade in West-Berlin aufhält. Am Nachmittag, wenn sie geht, werden die Kollegen zurück sein.

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