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Nahostkonflikt: Mauern in den Köpfen

Ab Sonntag wollen Israels Siedler wieder bauen, von Friedensgesprächen halten sie nichts. Ein Besuch in der 18.000-Einwohner-Siedlung Ariel mitten in der Westbank.

Ein Siedler schleppt Dachziegel in der im Westjordanland gelegenen jüdischen Siedlung Ariel.
Ein Siedler schleppt Dachziegel in der im Westjordanland gelegenen jüdischen Siedlung Ariel.
Foto: REUTERS
Ariel –  

Vor rund 15 Jahren ist Tami Silberstein (41) aus dem beschaulichen US-Bundesstaat New Jersey nach Israel ausgewandert. Das „gelobte Land“ zu besiedeln, ist ihr eine Art Mission. „Gott hat uns Eretz Israel versprochen“, sagt sie, eine nationalreligiös beseelte Jüdin, und lächelt sanft. „Uns hier niederzulassen, ist nicht nur unser Recht sondern unsere Pflicht.“ Deshalb ist Tami Silberstein gleich nach ihrer Aliya, der Einwanderung, nach Gaza gezogen, in den damaligen jüdischen Siedlungsblock Gusch Katif.

Neun Jahre hat sie dort mit ihrer Familie gelebt und zwar in Netzarim, einer besonders ideologischen Siedlerbastion. Bis Premier Ariel Scharon im Sommer 2005 die Siedlungen in Gaza räumen ließ. Die Leute aus Netzarim wollten trotzdem zusammen bleiben. Aber als sie sich mehrheitlich entschieden, ins israelische Kernland zu ziehen und im Negev ein Dorf zu gründen, mochten die Silbersteins und 19 andere Familien nicht mitmachen. Ariel mit seinen 18.000 Einwohnern, eine tief in der Westbank gelegene Siedlung, entsprach Tami Silberstein und ihrem Kampfgeist schon mehr.

Der Nahostkonflikt

Der Streit um die Region Kanaan ist fast so alt wie Israel selbst. Der jüdische Krieg endete im Jahr 70 nach Christus mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels.


Schon die Staatsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von kriegerischen Auseinandersetzungen begleitet, die sich zum Palästina-Krieg steigerten. Die Arabische Liga drohte damals mit der Ausrottung der israelischen Juden.

Um Frieden wird seitdem gerungen. 1978 unterzeichneten etwa Israel und Ägypten in Camp David (USA) ein Friedensabkommen. Die beiden damaligen Staatschefs bekamen dafür den Friedensnobelpreis. Der Konflikt aber blieb. So wurde 1994 erneut der Preis für Friedensbemühungen in Nahost verliehen. Diesmal unter den Preisträgern: Palästinenserführer Jassir Arafat.

US-Präsident Barack Obama bemüht sich seit seinem Amtsantritt um eine Lösung des Konflikts. Er sieht darin, wie viele Experten, einen entscheidenden Schritt zur Stabilisierung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens. Immerhin hat er erreicht, dass Israelis und Palästinenser überhaupt verhandeln.

Der Iran hingegen will die Existenz Israels nicht akzeptieren. Die islamische Republik heizt den Konflikt immer wieder an, um die eigene Stellung in der Region zu festigen. FR

Erst hausten die Silbersteins mit ihren sechs Kindern acht Monate lang im Studentenwohnheim des Ariel-Kollegs. Dann zogen sie in einen Wohncontainer. Dort leben sie noch heute. Kaum hatten sie mit den anderen Familien im vorigen Herbst eine Baugenehmigung für neue Eigenheime erhalten, fuhr ihnen das Siedlungsmoratorium dazwischen: HaHakpaa, der Frost, wie die Israelis den Entschluss ihres Regierungschefs Benjamin Netanjahu nennen, zehn Monate lang Siedlerprojekte in der Westbank auf Eis zu legen.

An diesem Sonntag läuft die Frist aus. Was dann passiert, weiß keiner genau. US-Außenministerin Hillary Clinton wie auch Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak sowie europäische Regierungschefs haben Israel gebeten, den Baustopp um zwei, drei Monate zu verlängern, um den Verhandlungen mit den Palästinensern eine Chance zu geben. Auch der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak ist dafür, aber Netanjahu nicht. Mag die palästinensische Seite auch drohen, dass weitere Siedlungsexpansion die Gespräche gefährde. Israels Premier hat den Nationalrechten versprochen, nach dem 26. September würde der Siedlungsausbau fortgesetzt. „An unserer Position“, ließ er seine konservativ-rechten Parteifreunde vom Likud wissen, „hat sich nichts geändert.“

Die Siedlerschaft verlässt sich da lieber auf die Likud-Basis als auf das Wort Netanjahus. Der „World Likud“ plant für Sonntagabend einen Riesenaufmarsch in der Siedlung Revava, um aller Welt zu demonstrieren, dass der jüdische Ausbau der Westbank nicht aufzuhalten sei. Zuvor sollen sympathisierende Massen busweise durch „Judäa und Samaria“ gekarrt werden, um sich anzuschauen, wo Bagger und Betonmischer benötigt werden.

Kulturpalast als Manifest

„Hier in Ariel“, brüstet sich Bürgermeister Ron Nachman, „kann ich gleich mit 3000 neuen Wohneinheiten loslegen.“ Nachman, selber Likud-Mitglied, ist einer, der schnell in Fahrt gerät. Soll ihm ja keiner mit dem Begriff Besatzung kommen, „Ariel ist meine Heimat“. Als die Siedlung 1978 gegründet wurde, habe noch Yitzhak Rabin von der Arbeitspartei seinen Segen dazu erteilt. „Es ist ein Fehler zu glauben“, so Nachman, die Siedlerstadt Ariel gehöre „nicht zum israelischen Konsens“.

Nicht nur linke Israelis aus dem Friedenslager sehen das ganz anders. In Entwürfen für eine Zwei-Staaten-Lösung gehört Ariel nicht zu den Siedlungsblöcken, die Israel bekommt. Wie ein 15 Kilometer langer Finger ragt Ariel ins Westjordanland – kaum kompatibel mit dem Konzept eines palästinensischen Staates, der territoriale Kontinuität besitzen soll.

Eine Kontroverse löste auch gleich der zehn Millionen Dollar teure Kulturpalast aus, den Ariel trotz Baustopp hochgezogen hat. Neben vielen israelischen Theaterleuten riefen 200 internationale Künstler, darunter Stararchitekt Frank Gehry und Dirigent Daniel Barenboim, zum Boykott auf. Mindestens genauso viele allerdings solidarisierten sich mit Ariel und boten kostenlose Auftritte an.

Bürgermeister Nachman jedenfalls setzt darauf, dass Ariel und nicht ein Staat Palästina eine Zukunft hat. An die 3000 Palästinenser könne seine Siedler-Stadt auf Baustellen und im Gewerbegebiet beschäftigen. Er hält das für ein Modell „wahrer Koexistenz“. Dass selbst Netanjahu heute für eine Zwei-Staaten-Lösung plädiert, kann Nachman nicht nachvollziehen. Alternativ schlägt er vor, Gaza den Ägyptern zu geben und die Westbank zwischen Israel und Jordanien aufzuteilen. Dass weder Kairo noch Amman mitspielen würden, lässt er aus. Eines weiß er sicher. „Wer die Leute hier ignoriert, wird niemals Frieden bekommen.“

Autor:  Inge Günther
Datum:  23 | 9 | 2010
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