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05. April 2013

Mauretanien: Das erwachende Land

 Von Anne Lena Mösken
Minarett einer Moschee in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott.  Foto: Berliner Zeitung/Anne Lena Mösken

Nomaden denken nicht an morgen, heißt es. Dennoch gibt es im Wüstenstaat Mauretanien Menschen, die für ihre Zukunft kämpfen. Sie demonstrieren für die Rechte der Frauen, gegen Sklaverei und Islamismus.

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NOUAKCHOTT –  

Vor zwei Tagen ist Saleck Najem wieder auf die Straße gegangen. Eine junge Frau namens Penda Sogué, schwanger und Mutter eines Sohnes, war vor einer Woche von einer Gruppe Männer vergewaltigt und umgebracht worden. Die Polizei verhaftete die Täter nur Stunden später. Aber Saleck Najem traut der Justiz seines Landes nicht. Hunderte Menschen protestierten mit ihm am Mittwoch in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott, sie forderten Gerechtigkeit, und weil Saleck Najem dort viele sagen hörte, die Täter hätten die Todesstrafe verdient, setzte er sich noch am gleichen Abend an sein Laptop und schrieb auf seine Facebookseite: „Der Staat soll strafen, aber er darf keine Rache üben.“

Saleck Najem ist 36 Jahre alt, ein zierlicher Mann mit gestutztem Vollbart, er hat ein Blog, auf dem er Texte veröffentlicht: gegen die Militärs, die Mauretanien mit wechselnden Diktatoren seit 1978 beherrschen, gegen die Islamisten im Land und für die Rechte der Frauen. Wenn es eine Demonstration in Nouakchott gibt, geht Saleck Najem hin. Er war auch dabei, als am 25. Februar 2011 der Arabische Frühling Mauretanien erreichte und ein paar hundert junge Menschen auf die Straße gingen, um gegen den Präsidenten zu protestieren.

Es half nichts. Mohamed Ould Abdel Aziz ist noch immer da, vor fast acht Jahren ist er durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. Er hat sich zwar später nachträglich wählen lassen, doch die erneuten Wahlen, die vor zwei Jahren hätten stattfinden sollen, stehen bis heute aus. Im Herbst vergangenen Jahres wurde Aziz angeschossen. Bis heute ist nicht klar, was da eigentlich passiert ist, es gibt nur eine Menge Gerüchte, die sich die Menschen in Nouakchott erzählen: War es ein Attentat? War es ein unbeabsichtigter Schuss eines Militärs, der sich gelöst hat? Oder war es am Ende gar nur ein Eifersuchtsdrama?

Alles scheint möglich in diesem Land, das zwischen der Arabischen Welt und Schwarzafrika liegt; eingegrenzt von Marokko im Norden und Senegal im Süden. Die Landessprache in Mauretanien ist Arabisch. Französisch, die Sprache der Kolonialherren, die das Land 1960 in die Unabhängigkeit entließen, wird immer seltener gesprochen. Mauretanien ist eine Islamische Republik, es gelten die Gesetze der Scharia. Präsident Aziz orientiert sich immer stärker hin zur Arabischen Welt. Nach dem Krieg in Gaza 2008 brach er alle diplomatischen Verbindungen zu Israel ab, seine Beziehungen nach Saudi-Arabien, heißt es, habe er intensiviert. Der am schnellsten wachsende Teil der Bevölkerung allerdings lebt im afrikanisch geprägten Süden. Mauretanien ist ein zerrissenes Land. Ein Land voller Gegensätze, mit einer Hauptstadt, die in den vergangenen Jahrzehnten von einer Zeltstadt zu einer Metropole mit einer Million Einwohner gewachsen ist; in die von Nordosten her die Dünen hinein wandern, während im Westen das Meer die Straßen überschwemmt.

Mauretanien ist auch ein fast vergessenes Land. Nicht viel dringt bis nach Europa. Doch seit es unruhig geworden ist im Nachbarstaat Mali und islamistische Terroristen sich auch in die Wüste Mauretaniens zurückzogen haben sollen, wird dem Westen die Bedeutung dieser Region immer klarer. Als die Bundesregierung kürzlich die Liste jener Nationen, die deutsche Entwicklungshilfe erhalten, von 59 Ländern auf 50 zusammenstrich, blieb Mauretanien verschont. Früher gab es Geld, um Heuschrecken im Land zu bekämpfen. Heute betreut die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Projekte, die die Korruption eindämmen sollen. Seit Januar beteiligt sich Deutschland zudem an einem Programm zur Reformierung der mauretanischen Polizei. Vor allem geht es um die Verbesserung des Grenzmanagements. Sicherheit ist wichtig geworden.

Briefe ins Gefängnis

Ein paar Wochen vor der Demonstration für die ermordete Frau sitzt Saleck Najem in einem Restaurant in Nouakchott. Der Innenhof mitten in der staubigen Wüstenstadt gleicht einer Oase. Umrahmt von üppigem Grün essen Westler Doraden mit Reis und Salat, das Restaurant gehört einem Franzosen. Saleck Najem klappt sein Laptop auf und ruft eine Mail aus seinem Postfach auf, Biram hat sie ihm geschickt, der bekannteste Menschenrechtler des Landes. Seine Aktionen sind spektakulär, im vergangenen Jahr riss er vor laufenden Fernsehkameras Seiten aus den Büchern islamischer Gelehrter, die Sklaverei rechtfertigen, und zündete sie an. Man steckte ihn dafür ins Gefängnis, doch nur für kurze Zeit. Biram ist zu berühmt, um ihn länger festzuhalten, zu gut vernetzt mit internationalen Menschenrechtsorganisationen.

Saleck Najem hat eine kleine Organisation gegründet, die sich um Gefängnisinsassen in Nouakchott kümmert. Er sorgte dafür, dass Biram im Gefängnis Post bekam. „Du bist ein Gleichgesinnter“, schrieb ihm Biram nun, er hatte von den Artikeln gehört, die Saleck Najem veröffentlicht. Darin geht es immer wieder auch gegen die Diskriminierung der Haratin, der ethnischen Gruppe der ehemaligen Sklaven in Mauretanien. Biram ist Haratin, Saleck Najem ist Maure. In einem ethnisch ein gespaltenen Land wie Mauretanien ist die Unterstützung des einen und der Dank des anderen keine Selbstverständlichkeit.

Tausend Besucher hat Saleck Najem im Monat auf seinem Blog, das ist viel, die mauretanischen Nachrichtenseiten im Internet kommen auf fünf- oder sechstausend. Seit Kurzem spricht er auf verschiedenen freien Radiosendern über politische Themen. Pressefreiheit habe es in Mauretanien immer gegeben, sagt Saleck Najem. Nomaden lassen sich nicht so leicht unterdrücken. „Es lohnt sich immer zu kämpfen“, sagt er, „wer nicht kämpft, hat schon verloren, heißt es nicht so?“

Auch Fatimetou Mint Abdel Malick kämpft. „Das politische Feld“, sagt sie, „ist nun mal ein Feld der Kämpfe.“ Die kleine, runde Frau thront am Kopfende eines langen Konferenztisches auf einem hochgeschraubten Schreibtischstuhl und fuchtelt mit einem Laserpointer in der Luft herum. Auf dem Tisch stehen sahnige Schnittchen neben Gläsern mit zuckrigem Hibiskussaft. Seit 2001 hat Malick ihr eigenes kleines politisches Feld fest im Griff. Sie ist Bürgermeisterin von Tavragh-Zeina, einem Viertel im Nordwesten von Nouakchott

Die Straßen hier sehen aus wie überall in der Stadt: sandige Pisten, auf denen Eselskarren fahren, alte Mercedes oder neue Hyundais. Dass Tavragh-Zeina ein wohlhabendes Viertel ist, dass hier viele Weiße wohnen, auch viele reiche Mauretanier, sieht man erst auf den zweiten Blick: an den mit Stacheldraht bewehrten Mauern, hinter denen die Botschaften liegen. Auch zum Präsidentschaftspalast und zur mauretanischen Zentralbank ist es von Malicks Rathaus aus nicht weit.

Die Bürgermeisterin kümmert sich nicht nur um ihre eigens Viertel, ihr großes Thema sind die Frauenrechte in Mauretanien. Das ist ihr Kampfgebiet. Sie hat dazu eine Power-Point-Präsentation vorbereitet, ihr roter Laserpunkt wandert über Tortendiagramme und lange Reihen mit Prozentzahlen. 71,5 Prozent der mauretanischen Frauen leben in Armut, Frauen haben keinen Zugang zu Krediten und sind in allen Bereichen der Gesellschaft unterrepräsentiert. Seit 2006 gibt es in Mauretanien eine Quote, die vorschreibt, dass 20 Prozent der Stellen in der Verwaltung von Frauen besetzt werden sollen. „Viel zu wenig“, sagt Malick, die über die Zahlen in Schwung geraten ist. „Die Kommunen müssten eigentlich alle von Frauen geführt werden.“

Sie lässt Bilder aus ihrem Viertel auf der Leinwand aufleuchten: da, Frauen, die den Müll von den Straßen schaufeln, da, Dattelpalmen, die sie am Straßenrand hat pflanzen lassen, Spielplätze, eine Solaranlage, mit der Strom für die Straßenbeleuchtung erzeugt wird, ach, und die Ergebnisse eines Fußballwettbewerbs für Jugendliche, den sie „Bürgermeister-Cup“ genannt hat.

2005 hat Malick das erste Mal mit 400 anderen Frauen aus dem ganzen Land eine Konferenz abgehalten, Gewerkschafterinnen, Journalistinnen, Professorinnen und Politikerinnen, alle Ethnien waren vertreten, alle politischen Richtungen, auch Frauen aus der islamistischen Tawassul Partei. Als sich die Gruppe 2011 noch einmal traf, erarbeitete sie eine Petition, in der sie eine Frauenquote von 50 Prozent in den Kommunen forderte. Die Frauen waren mit ihrem Programm der Gesellschaft weit voraus. Von den sechs Ministerinnen, mit denen die Regierung 2009 antrat, sind heute nur noch drei geblieben. Immer öfter sieht man in den Straßen Nouakchotts Frauen die von Kopf bis Fuß verschleiert sind. Und doch sagt Fatimetou Mint Abdel Malick: „Der Wandel in Mauretanien wird von uns kommen.“

Der Fluch des Goldes

Noch sind es Männer, die einflussreiche Positionen besetzen, Männer wie Sidi Ould Zein, Berater des Präsidenten und Vorsitzender der Initiative für Transparenz in der Rohstoffwirtschaft. In Mauretanien gibt es eine Mine, in der jährlich Eisenerz im Wert von über 1,25 Milliarden Dollar gefördert wird. Vor einigen Jahren wurde zudem ein großes Goldvorkommen entdeckt, das von einer kanadischen Firma ausgebeutet wird. Mauretanien erhält drei Prozent des Ertrages. 2003 wurde die internationale Initiative auf dem Weltwirtschaftsgipfel ins Leben gerufen, um die Korruption in den Entwicklungsländern zu bekämpfen. Länder wie Mauretanien verpflichteten sich damals, Abgaben Rohstoffe fördernder Unternehmen an den Staat offen zu legen.

Zein trägt ein traditionelles mauretanisches Gewand über seinem Anzug, in der Brusttasche klingelt ständig ein Handy. „Jaja“, sagt er, „Der Fluch der Rohstoffe …“ Dieser Begriff geht zurück auf den Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs, der Mitte der Neunzigerjahre den Zusammenhang von reichen Rohstoffvorkommen und geringem Wirtschaftswachstum beschrieb. Rohstoffe wecken Begehrlichkeiten, internationale Konzerne, die diese Rohstoffe fördern, haben mit diktatorischen Regimes leichteres Spiel als mit Demokratien. Am Ende verdienen einige wenige.

Zein hat große Hände, die er beim Sprechen mal dahin, mal dorthin bewegt, einerseits, andererseits. „Qu’il ce veut, qu’il ce peut“, sagt er. Man tut, was man kann. „Und natürlich ist das noch lange nicht genug.“ Er lächelt. Er weiß, was der Westen hören will. Er ist 53 Jahre alt, er hat in Frankreich studiert und für die Mauretanische Zentralbank gearbeitet. Seit 2011 erfüllt Mauretanien zwar die Auflagen der Transparenzinitiative für die Rohstoffindustrie. In der Rangliste von Transparency International steht das Land allerdings noch immer auf Platz 143, zusammen mit Weißrussland und Osttimor.

„Mauretanien wurde von Militärs entführt, die nun das Land plündern“, sagt Saleck Najem, der Blogger. „Die Mauretanier haben die Mentalität der Nomaden noch nicht abgelegt, sie denken nicht an Morgen.“ Saleck Najem hat sieben Jahre lang in Deutschland gelebt, er hat in Hamburg Informatik studiert. „Ich hätte in Deutschland ein gutes Leben haben können, klar“, entgegnet er, „ich hätte einen Job und abends würde ich zum Schachclub gehen. Und dann? Ich wollte immer zurück nach Mauretanien“, sagt er.

Vielleicht hat es mit diesem Land zu tun, dass ihm das Leben im Westen nicht gereicht hat, nicht reich genug gewesen ist, so dass er nach Nouakchott zurückkehrte, wo es kein Kino gibt und kein Theater und wo es nicht gut angesehen ist, wenn man ins Ausland geht und wie er mit leeren Händen wiederkommt.

Ihm fehlte die Wüste, diese unendliche Weite. Der Dichter Antoine de Saint-Exupéry hat einmal in Mauretanien festgesessen, nach einer Notlandung in der Sahara. Er soll sich hier den Kleinen Prinzen ausgedacht haben. Mauretanien ist auch ein märchenhaftes Land. In Hamburg sah Saleck Najem zwar zum ersten Mal eine U-Bahn. „Aber wenn man in der Wüste aufgewachsen ist“, sagt er, „beeindruckt einen nichts mehr.“ Die Mauretanier sind stolze Menschen.

Also kehrte Saleck Najem zurück. „Hier kann ich etwas verändern“, sagt er. Sein Profilbild bei Facebook hat er gegen das Porträt der jungen, ermordeten Frau ausgetauscht.

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