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01. Juli 2010

Medikamentenversuche: Tod nach Arzneitest

 Von Marie-Sophie Adeoso
Wurde mit Trovan behandelt und verlor ihr Gehör: Umma Hassan (l.) mit ihrer Mutter. Foto: afp

Der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer muss wegen Medikamententests mit Kindern in Nigeria vor ein US-Gericht. Pfizer soll die Versuche ohne Zustimmung der Eltern durchgeführt haben. Von Marie-Sophie Adeoso

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Rechtslage

Ein Gesetz aus dem Jahr 1789 ermöglicht es ausländischen Klägern, vor ein US-Gericht zu ziehen. Voraussetzung für die Anwendung des Alien Tort Statutes sind zivilrechtliche Ansprüche, die Völkerrecht oder Staatsverträge tangieren, bei denen die USA Vertragspartner sind.

Breitere Aufmerksamkeit erlangte das Gesetz in den 1990er Jahren, als Nachfahren von Holocaust-Opfern und Zwangsarbeitern Deutschland, Österreich und mehrere Konzerne auf Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagten. Auch südafrikanische Apartheidsopfer reichten unlängst Klage gegen deutsche Konzerne vor US-Gerichten ein. (msa)

Nigerianische Familien, die den weltgrößten Pharmakonzern Pfizer wegen illegaler Medikamententests an ihren Kindern vor Gericht bringen wollen, haben einen Erfolg errungen. Der Oberste Gerichtshof der USA lehnte am Dienstag (Ortszeit) einen Einspruch des US-Pharmariesen ab, der einen Prozess verhindern sollte. Damit bleibt das Urteil eines New Yorker Berufungsgerichts in Kraft, das den Nigerianern eine Klage unter dem sogenannten Alien Tort Statute ermöglicht. Das Gesetz erlaubt Ausländern, Verstöße gegen das Völkerrecht vor US-Gerichten zu verhandeln.

Die Vorwürfe gegen Pfizer wiegen schwer. Wie die Washington Post im Jahr 2000 erstmals berichtete, soll der Pharmakonzern 1996 während einer Meningitis-Epidemie illegale Medikamententests an nigerianischen Kindern durchgeführt haben. 200 Kinder im nordnigerianischen Bundesstaat Kano bekamen das umstrittene Pfizer-Antibiotikum Trovan oder ein Vergleichsmedikament verabreicht. Laut der Anklageschrift starben elf Kinder in der Folge des Medikamententests, zahlreiche weitere trugen bleibende Behinderungen wie Hirnschäden oder Lähmungen davon, erblindeten oder verloren ihr Gehör.

Die Kläger werfen Pfizer vor, das Medikament ohne ihr Einverständnis an den Mädchen und Jungen getestet zu haben. Auch seien sie nicht darüber informiert gewesen, dass Trovan nicht für Kinder zugelassen war. Der Zugang zu einem erwiesenermaßen wirksamen Meningitis-Medikament sei ihnen vorenthalten worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hatte zur gleichen Zeit vor Ort Meningitis-Patienten behandelt.

Pfizer indes beteuert, die Tests im Einklang mit nigerianischen Gesetzen und unter Zustimmung der betroffenen Eltern sowie der Regierung Nigerias durchgeführt zu haben. Einheimische Krankenschwestern hätten die Eltern der Patienten in ihrer Muttersprache Hausa über alle Schritte des Verfahrens informiert. Die Ergebnisse des Tests hätten gezeigt, dass "Trovan half, Leben zu retten", so das Unternehmen in einer schriftlichen Erklärung.

Klinische Tests an rund 5000 Versuchspersonen in den USA hätten die Wirksamkeit des Antibiotikums bewiesen, so Pfizer. Im Falle der nigerianischen Kinder sei die Überlebensrate "mindestens so effektiv wie die beste erhältliche Behandlung im Infectious Disease Hospital von Kano" gewesen. Die Todesfälle seien allein auf das teils fortgeschrittene Stadium der Hirnhautentzündung zurückzuführen. Insgesamt habe die Epidemie rund 12.000 Patienten das Leben gekostet.

Freiwillige Versuchspersonen schwer zu finden

Laut Jörg Schaaber, Geschäftsführer der Buko-Pharmakampagne, ist die Erklärung Pfizers nichts als eine "Schutzbehauptung". "Zum Zeitpunkt des Tests in Nigeria war schon relativ klar, dass Trovan nicht besonders gut verträglich ist." Alleine die Tatsache, dass das Medikament nie für Kinder zugelassen wurde, setze ein sehr großes Fragezeichen hinter das Vorgehen in Nigeria. Trovan, seit 1998 auf dem Markt und einst ein Verkaufsschlager von Pfizer, ist in Europa seit 1999 verboten. In den USA ist das Antibiotikum nur noch in Notfällen für die Behandlung Erwachsener zugelassen, seit die Gesundheitsbehörde FDA die Gefahr schwerer Leberschäden festgestellt hat.

Dass die Klage gegen Pfizer nun in den USA zugelassen wurde, könnte laut Schaaber eine erhebliche "erzieherische Wirkung auf die Pharma-Industrie" haben. Es sei zu hoffen, dass die Firmen künftig mehr Verantwortung zeigten und "weniger, besser angelegte und unabhängige Studien" durchführten. Ein Großteil aller Pharmastudien werde heute in Entwicklungs- und Schwellenländern organisiert, da es in den Industriestaaten schwerer werde, freiwillige Versuchspersonen zu finden.

Pfizer zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung des US-Gerichts. Dies sei jedoch "nur eine Verfahrensentscheidung", die nichts über den Fortgang des Rechtsstreits aussage. Pfizer sei "bereit seine Verteidigung vor Gericht zu präsentieren" und zuversichtlich, am Ende recht zu bekommen.

Im vergangenen Jahr hatten Pfizer und der Bundesstaat Kano sich nach zweijährigem Rechtsstreit bereits außergerichtlich auf eine Zahlung von 75 Millionen US-Dollar geeinigt, wovon 35 Millionen an die Hinterbliebenen der Opfer fließen sollten. Das nigerianische Verfahren sollte im Gegenzug eingestellt werden. Die amerikanische Anwaltskanzlei, die die Familien von 192 Testopfern vertritt, lehnte die Entschädigungsregelung jedoch kürzlich ab, weil Pfizer mittels Gentests feststellen wollte, welche Familien tatsächlich Zahlungsansprüche haben. Wie nigerianische Medien am Mittwoch berichteten, sprangen die Richter des Obersten Gerichtshofs in der Hauptstadt Abuja den Opferfamilien nun zur Seite. Sie fordern Pfizer auf, die Zahlungen vorerst einzustellen und die umstrittenen Gentests auszusetzen.

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