Herr Weigeldt, der Bundesgesundheitsminister will den Numerus clausus für das Medizinstudium abschaffen. Kann dadurch der Mangel an Hausärzten abgewendet werden?
Ich bin skeptisch, ob deshalb mehr Absolventen eigene Praxen eröffnen. Das Problem ist, dass derzeit vier von zehn Medizinstudenten nach ihrem Examen nicht als Arzt arbeiten. Sie bekommen jede Menge Jobs bei Behörden, Krankenkassen und der Industrie angeboten.
Ulrich Weigeldt, 60, ist Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes. Davor war er 25 Jahre Hausarzt.
Mehr als die Hälfte der Hausärzte ist über 55 Jahre alt. Eine Verjüngungskur ist dringend geboten. Was muss passieren, damit wieder mehr Mediziner als Hausärzte arbeiten?
In Deutschland befasst sich nur ein geringer Anteil der Ausbildung mit Allgemeinmedizin. Darauf müsste im Studium ein größeres Gewicht gelegt werden, wenn es mehr Hausärzte geben soll. Allerdings müsste dann die Approbationsordnung geändert werden. Das ist aber ein langer und schwieriger Prozess, an dem Länder und Universitäten beteiligt sind.
Viele Medizinstudenten wollen später lieber Facharzt werden, statt eine Hausarztpraxis auf dem Land zu eröffnen. Warum?
Eine große Rolle spielt das Honorar. Hausärzte arbeiten derzeit mehr und verdienen weniger als Fachärzte. Wenn sich ein junger Arzt entscheiden soll, auf das Land zu ziehen, muss er vor allem Sicherheit haben, wie hoch sein Honorar sein wird.
Lohnt es sich noch, eine Praxis auf dem Land zu eröffnen?
Das Problem ist, dass das System ausgerechnet Landärzte benachteiligt, die viele Menschen versorgen. Fallen pro Quartal mehr als 1500 Behandlungsscheine an, werden alle weiteren Honorare gemindert.
Birgt das ein großes Risiko?
Wenn sich ein Arzt in einer Gegend mit vielen Patienten niederlassen will, muss er kalkulieren können, wie viel Geld er dafür bekommt. Er muss wissen, ob das Honorar reicht, mit weiteren Ärzten eine Gemeinschaftspraxis eröffnen zu können, um gegebenenfalls auch tausend Patienten oder mehr versorgen zu können. Es geht nicht nur um die Höhe der Honorare, sondern vor allem um finanzielle Sicherheit, wenn ein Arzt das Wagnis einer Praxisgründung auf dem Land eingeht.
Der Hausärzteverband fordert deswegen, dass die Krankenkassen Landärzten höhere Honoraren zahlen. Wie akzeptiert ist das Vertragsmodell?
Rund 10.000 Hausärzte mit knapp drei Millionen Patienten bekommen derzeit schon vergleichbare Honorare wie Fachärzte. Die kalkulierbare Vergütung für Hausbesuche oder die Behandlung chronisch Kranker schafft für die Ärzte Anreize.
Wo gibt es aktuell Probleme bei der flächendeckenden ärztlichen Versorgung?
Hausärztemangel gibt es in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, aber auch in Grenzgebieten wie dem Bayerischen Wald. Bislang bereisen gerade ältere Hausärzte oft noch große Landstriche, um Hausbesuche zu machen. Das ist eine enorme Arbeitsbelastung. Viele Ärzte sorgen sich aber, ob ein Nachfolger überhaupt ihre Patienten übernehmen will. Hausarzt ist schließlich kein Job, bei dem man einfach den Schlüssel umdreht und aufhört.
Interview: Franziska Schubert
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