Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf treibt viele Bundesbürger inzwischen offenbar mehr um als Steuersenkungen oder die Reform des Gesundheitssystems. Das hat zumindest das Allensbach-Institut in seinem Familienmonitor 2010 ermittelt. Es ist die mittlerweile dritte Erhebung zur Befindlichkeit deutscher Familien, die das Institut im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt hat. Aus den Ergebnissen der Studie zog Familienministerin Kristina Schröder (CDU) den Schluss, Zeit sei die neue „Leitwährung einer modernen Familienpolitik“.
Wie zufrieden die Familien sind, hänge davon ab, ob sie genügend Zeit miteinander verbringen können, sagte Schröder am Dienstag in Berlin. Der repräsentativen Befragung zufolge sind aber nur die wenigsten mit ihrer Netto-Familienzeit zufrieden. Nur 16 Prozent der Mütter von Kindern unter 18 Jahren geben an, Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren zu können, 72 Prozent gelingt dies nicht. Die Befragung der Väter ergab ein ungefähr gleichlautendes Ergebnis. 68 Prozent sind demnach unzufrieden mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. 60 Prozent der Väter und 41 Prozent der Mütter wünschen sich zudem kürzere Arbeitszeiten.
Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten steigt laut Statistischem Bundesamt seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich; seit 2006 aber stagniert diese Entwicklung. Als Vorteile von Teilzeitarbeit für die Unternehmen gelten motiviertere und effizientere Arbeitnehmer, weniger Fehlzeiten und Fluktuation. Nachteile: mehr fixe Kosten pro Kopf bei Einarbeitung, Verwaltung oder Weiterbildung.
Seit 2001 gibt es einen grundsätzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit. Er gilt für Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis mehr als sechs Monate bestanden hat und deren Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt.
Der Arbeitgeber hat zwar die Möglichkeit, Teilzeit aus betrieblichen Gründen abzulehnen. Für Hans-Dieter Gerner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist dennoch ein Effekt des Rechtsanspruchs „definitiv nachweisbar“, wie er der FR sagte.
„Extrem schwer“ ist es laut Gerner, den Wunsch nach Teilzeitarbeit im Rahmen der gesetzlichen Elternzeit abzulehnen. „Das müssen drängende fachliche Gründe wie kaum zu schulternde organisatorische Schwierigkeiten sein.“ sha
Mehr Ganztagsbetreuung
Auch wie dem Problem abzuhelfen ist, ermittelte das Allensbach-Institut. Würden Kindergärten und Schulen ihre Betreuungszeiten stärker nach den Arbeitszeiten der Eltern ausrichten, wäre dies für 56 Prozent der Befragten eine Erleichterung. 54 Prozent wünschen sich ein größeres Angebot von Ganztagsbetreuung. 41 Prozent verlangen mehr Betreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren. 40 Prozent würden es begrüßen, wenn ihre Betriebe eine Kinderbetreuung anbieten würden. Mehr Betreuungsangebote und flexiblere Betreuungszeiten sind demnach die wichtigsten Anliegen von berufstätigen Müttern und Vätern – ein Wunsch, dem nur mit mehr Personal und mehr Infrastruktur begegnet werden könnte.
Familienministerin Schröder sieht dagegen in dieser Frage keinen Handlungsbedarf mehr. Der Ausbau der Kinderbetreuung laufe ohnehin „auf Hochtouren“. Ab 2013 haben Kinder mit Vollendung des ersten Lebensjahrs einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Auf dem Weg zu diesem Ziel liege man „mehr als im Zeitplan“, erklärte die Ministerin. 60 Prozent der Mittel, die für den Ausbau der Kinderbetreuung bereitstünden, seien bereits abgerufen worden.
Die neuen Einrichtungen sollten sich mit ihren Betreuungszeiten auch an den Bedürfnissen der Eltern orientieren, erklärte Schröder. Wie, ließ sie allerdings offen. Für alle, die dies wünschten, sollte es zudem auch Ganztagsangebote in Kindergärten und Schulen geben, so die Ministerin. Verpflichtend wolle sie dieses Angebot allerdings nicht machen.
Um mehr „vollzeitnahe“ Teilzeitstellen für Mütter und Väter zu schaffen, will das Familienministerium gemeinsam mit dem Industrie- und Handelskammertag im Herbst eine Initiative „Flexiblere Arbeitszeiten“ starten.
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