Herr Javedanfar, erneut wurden am Mittwochmorgen Katjuscha-Raketen aus dem Libanon in den israelischen Norden geschossen. Ist dem Iran daran gelegen, eine zweite Front zum Gaza-Krieg aufzumachen?
Mag sein, dass der Abschuss so wie letzte Woche auf das Konto palästinensischer Militanter im Libanon geht. Nur, niemand kann dort ohne Einverständnis der pro-iranischen Hisbollah irgendetwas unternehmen. Die neue Runde mit Katjuscha-Angriffen erhöht auf jeden Fall das Risiko einer zweiten Front im Norden.
Meir Javedanfar leitet das Forschungsinstitut Meepas und gilt als einer der führenden Iran-Experten Israels.
Ist der Iran an einer Eskalation interessiert?
Wie sich die Dinge in Gaza entwickeln, das passt den Iranern überhaupt nicht ins Konzept ihrer Machtpolitik. Seit 19 Tagen wird dort gekämpft und der Westen tut wenig, um Israels Militäroperation zu stoppen. Iranische Offizielle sind herumgereist, um Syrien aber auch die Türkei dazu zu bewegen, die ägyptisch-französische Friedensinitiative nicht zu akzeptieren. Parlamentssprecher Ali Larijani hat sie sogar als "Honig, angereichert mit Gift" bezeichnet.
Was sind Teherans Motive?
Zum einen fürchten die Iraner, übergangen zu werden. Die Katjuschas aus Libanon sind insofern eine Botschaft an Israel, dass Teheran immer noch die mächtige Hisbollah-Karte besitzt und sich vorbehält, sie zu benutzen, sollten iranische Interessen ignoriert oder bedroht werden. Zum anderen signalisiert der Iran so, dass er tut, was er kann, um die Israelis in Gaza zurückzuhalten.
Inwieweit ist Gaza Schauplatz eines Stellvertreter-Krieges? Der Iran hat Hamas aufgerüstet und drängt zum Weiterkämpfen. Die USA wiederum lassen Israel Zeit, um die Hamas militärisch mit der Operation "Gegossenes Blei" so weit wie möglich zu schwächen.
Die Amerikaner wissen, dass sie sich mit den Iranern an einen Tisch setzen müssen. Verhandlungen bedeuten immer Geben und Nehmen. Sollte Israel bei einem Waffenstillstand als Gewinner dastehen, ist die Hamas für Teheran als Verhandlungskarte verloren. Ebenso unterstützt der Iran die Hamas, um seinen Stand gegenüber den Ägyptern und anderen moderaten arabischen Staaten zu verbessern. Teheran ist sehr besorgt, dass die Ägypter und Saudis mit den Europäern an einem Strang ziehen könnten. Die Iraner trauen diesen arabischen Staaten nicht und sehen sie als Konkurrenten. Es gehört mit zu den politischen Prioritäten in Teheran, sie aus dem Spiel zu lassen. Auf keinen Fall sollen sie Einfluss auf ihr Nuklearprogramm gewinnen.
Sehen Sie eine Chance, dass der Krieg in Gaza am Ende zu einer besseren Ausgangslage im Nahost-Friedensprozess führt?
Solange Israel und die USA nicht wirklich etwas für die PLO und den palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas tun, wird sich gar nichts ändern. In diesem Fall wird man in drei Jahren einen neuen Krieg haben. Im Nahen Osten funktioniert es doch so: Wenn man nicht die Moderaten unterstützt, kommen die Extremisten an die Macht. Nicht nur in Palästina hat sich das erwiesen, auch im Iran. Ex-Präsident Mohammed Chatami hat versucht, mit dem Westen zu kooperieren, selbst als Ajatollah Chamenei seine Leute umbringen ließ. Aber man ihn damals ignoriert und jetzt haben wir dafür Mahmud Ahmadinedschad.
Interview: Inge Günther
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