kalaydo.de Anzeigen

Menschenrechtskommissar Hammarberg im Interview: Endstation Kosovo

Das Kosovo ist selbständig - und von dort geflüchtete Roma schickt Deutschland in ihr Herkunftsland zurück. Ein schwerer Fehler, sagt Thomas Hammarberg, Menschenrechtskommissar der EU.

Dem Blut der Roma-Kinder sieht man es an: Ein Lager liegt auf verseuchtem Land.
Dem Blut der Roma-Kinder sieht man es an: Ein Lager liegt auf verseuchtem Land.
Foto: Getty Images

Anfang Juli hat das Land Niedersachsen einen Roma ins Kosovo abgeschoben. Der Mann landete dort offenbar in einem Flüchtlingslager. War das denn so in Ordnung?

Den speziellen Fall möchte ich nicht kommentieren. Aber ich bin bei meiner Mission ins Kosovo im März zu der Überzeugung gekommen: Für eine Rückkehr, die diesen Namen verdient und nicht bloß Abschiebung ist, ist die Zeit noch nicht reif. Was unsere Regierungen oft vergessen: Ohne Integration im Ursprungsland sind die Abgeschobenen umgehend wieder da. Manche sprechen schon zugespitzt von "Recycling".

Zur Person
Roma-Abschiebungen

Thomas Hammarberg, Jahrgang 1942, ist seit 2006 Menschenrechtskommissar des Europarates.

Ende März hat der Schwede das Kosovo besucht. Laut seinem kürzlich veröffentlichten Bericht, werden die Roma dort immer noch stark diskriminiert.

Am Dienstag wurde eine sieben-köpfige Familie aus Wolfenbüttel ins Kosovo abgeschoben. Die Roma hatten dagegen geklagt - einer der Söhne ist geistig behindert - doch ohne Erfolg.

Im Januar 2009 haben sich die Bundesrepublik und das Kosovo geeinigt, dass das junge Land von dort geflüchtete Roma wieder aufnimmt.

Bislang wurden neben der Familie ein 40-Jähriger aus Niedersachsen und ein 26-Jähriger aus Hessen abgeschoben. Weitere dürften wohl folgen.

Darf man dorthin überhaupt abschieben?

Ich appelliere an die Regierungen, es nicht zu tun, besonders dann nicht, wenn es um Minderheiten geht. Kosovo hat noch nicht die Kapazität, viele Rückkehrer aufzunehmen. Nach meinem Eindruck handhaben die Regierungen die Frage aber sehr technisch: Kosovo ist jetzt selbstständig, also können wir Rückführungsabkommen schließen.

Was für Bedingungen herrschen in den Roma-Lagern?

Das ist eine humanitäre Katastrophe. Ich war in den beiden bekannten Lagern bei Mitrovica, Cesmin Luk und Osterode. Sie liegen auf den Abraumhalden des Bergwerks von Trepca, kein Stück Land im früheren Jugoslawien ist so verseucht. Besonders Kinder haben alarmierende Blutwerte. Die Nato hat ihre Soldaten deshalb von dort abgezogen. Aber die Roma-Kinder leben dort seit zehn Jahren.

Warum müssen Roma im Kosovo überhaupt in Lagern leben?

Das Wohngebiet der Roma von Mitrovica, die Roma-Mahala mit ihren 8 000 Einwohnern, wurde 1999 komplett zerstört. Die meisten Einwohner sind geflüchtet, etwa 1 000 sind geblieben und in den beiden Lagern gelandet.

Wer ist dafür verantwortlich? Die Regierung des Kosovo? Oder die Europäische Union, die mit ihrer Eulex-Mission noch viel Macht ausübt?

Ich glaube, wir alle: Aus- und Inländer. Mir geht es aber darum, schnell eine Lösung zu finden.

Irgendwann sind Unterlassungen, die zu solchen Zuständen führen, auch strafrechtlich relevant. Aber Mitglieder internationaler Missionen, kommen dafür bestenfalls im Heimatland vor Gericht. Ist das so vertretbar?

Das könnte es sein, aber in der Praxis funktioniert es nicht. In einer normalen Demokratie hilft die Gewaltenteilung gegen Machtmissbrauch. Aber wo internationale Organisationen regieren, ist die Macht oft in einer einzigen Person konzentriert. Die beste Lösung wären unabhängige Gerichtshöfe für Menschenrechtsverletzungen. Interne Beschwerdestellen können funktionieren. Aber die Versuchung, der Öffentlichkeit Informationen vorzuenthalten, ist groß.

Im Kosovo gibt es für solche Fälle inzwischen einen Menschenrechtsbeirat. Ist das eine brauchbare Lösung?

Der Menschenrechtsbeirat im Kosovo ist immerhin die erste unabhängige Beschwerdestelle bei einer Uno-Mission. Durch seine bloße Existenz sendet er die Botschaft aus, dass niemand über dem Recht steht. Der Beirat kann allerdings nicht mit vollem Tempo arbeiten: Die Last der Fälle wächst, das Personal ist knapp, die Finanzen auch.

Entsendestaaten argumentieren gern, sie würden für die Missionen niemanden finden, wenn ihre Staatsbürger sich einer fremden Gerichtsbarkeit ausliefern müssten.

Organe wie der Menschenrechtsbeirat oder der Internationale Strafgerichtshof sind keine fremde Gerichtsbarkeit! Manche Politiker argumentieren populistisch und verdrehen die Fakten. Ein Uno-Gericht ist sozusagen der Heimatgerichtshof aller Menschen.

Interview: Norbert Mappes-Niediek

Datum:  15 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!