Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | USA unter Donald Trump | Türkei | Flucht und Zuwanderung
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

26. August 2015

Merkel in Duisburg: Mutti und Multikulti

 Von Thorsten Keller
Kanzlerin Merkel im "Bürgerdialog" mit Diskussionsteilnehmern aus Duisburg.  Foto: dpa

Beim „Bürgerdialog“ in Duisburg-Marxloh gibt Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal mehr die Kümmerin. Doch ihre Botschaft ist auch hier: Kommen darf nur, "wer wirklich Hilfe braucht".

Drucken per Mail

Ein Heimspiel für Angela Merkel ist dieser „Bürgerdialog“ in Duisburg-Marxloh zunächst nicht. Als die Bundeskanzlerin gegen 13 Uhr vor dem Hotel Montan, einem schmucklosen dreistöckigen Bau mit beige gefliester Fassade, eintrifft, halten sich Buhrufe und Applaus in etwa die Waage, ebenso bei der Abfahrt zwei Stunden später. Im großen Saal der Gaststätte ist der Grundton dann aber durchweg freundlich.

Merkel stellt erst einmal klar, dass die Regierung bei der Zusammensetzung der Runde mit ihren rund 60 Teilnehmern nicht gemogelt hat („Wir haben bei der Auswahl der Personen keine Hand im Spiel gehabt und auch keine weiteren Körperteile“). So sitzen also Vertreter von 28 Organisationen – von A wie Arbeiterwohlfahrt bis Z wie Zukunftsorientierte Förderung e.V. – gut anderthalb Stunden mit Angela Merkel zusammen, um der Frage nachzuspüren: Wie sieht „gutes Leben“ in Deutschland aus?

Bewohner im Duisburger Stadtteil Marxloh.  Foto: REUTERS

Pater Oliver Potschien spricht als Erster jenes Problem an, dass viele Bürger im Stadtteil vorrangig umtreibt: den massenhaften Zuzug von Menschen aus Rumänien und Bulgarien und die Probleme, die dies aufwirft. „Wir haben hier viele Kinder, die nicht beschult werden und nicht zum Arzt gehen können. Wir brauchen Hilfe!“ Merkel betrachtet in ihrer Antwort das große Ganze, lobt die Freizügigkeit als gute Seite der europäischen Integration, gibt aber zu bedenken: „Wenn wir jeden krankenversichern, der aus der EU zu uns kommt und keine Arbeit hat, das ist nicht machbar. Wir können nicht die Botschaft an Rumänien und Bulgarien aussenden: Jeder darf kommen. Wir müssen denen helfen, die wirklich Hilfe brauchen.“

Weil das vielleicht doch ein bisschen technokratisch klingt, schiebt die Kanzlerin noch schnell ein „Danke, dass Sie sich kümmern!“ in Richtung des Paters hinterher. „Das einzelne Kind kann ja nichts dafür.“

„Danke, dass Sie sich kümmern“

Niyazi Sahin, Sprecher der alevitischen Gemeinde und CDU-Kommunalpolitiker, bringt den Merkel-Besuch auf eine griffige Formel („Mutti und Multikulti“) und erwischt seine Parteichefin auf dem falschen Fuß, als er erzählt, dass in der Bezirksvertretung Duisburg-Hamborn „kein einziger Migrant“ sitze. Das missfällt Merkel, denn die Volksparteien müssten natürlich „die Einwohnerstruktur repräsentieren“, auch in Stadtteilen, in denen 30 oder 40 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund hätten. Mit ihrer Schätzung liegt die Kanzlerin allerdings falsch: In Marxloh liegt dieser Anteil bei 64 Prozent. Nachzulesen ist das in der amtlichen Broschüre der Bundesregierung zu diesem „Bürgerdialog“.

Eigentlich soll es bei der Runde um die Themenfelder Sicherheit, Infrastruktur und Bildung gehen, doch die Flüchtlingsfrage lässt sich auch an diesem Mittag im Hotel Montan nicht aussparen. Zu hören sind typische Merkel-Sätze, die eine klare Botschaft (Balkan-Flüchtlinge rasch abschieben!) in Watte packen: „Wer nicht aus einem Bürgerkriegsland kommt, dem dürfen wir nicht vormachen, dass er eine gute Chance hat zu bleiben.“


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Mehr dazu

Merkel, die sich während der Wortmeldungen zumeist lässig am Stehpult des Moderators anlehnt, gibt in Marxloh die Kümmerin, wann immer sie eine Frage nicht direkt beantworten kann. Dann sagt sie Sätze wie „Okay, das gucke ich mir noch mal an“ und spricht mit dem Geschäftsmann Tercan Küccük sogar bereitwillig über fehlende Parkplätze für auswärtige Kunden.

Küccük spricht aber auch aus, was die Lage in Marxloh so explosiv macht: „Wir fühlen uns von den Zuwanderern belästigt“, sagt er mit Blick auf die Rumänen und Bulgaren, die in überbelegten Schrott-Immobilien hausen. Auch dazu fällt der Kanzlerin ein allgemeingültiger Satz ein: „Toleranz ist nicht zu verwechseln mit Regellosigkeit.“ Ein Satz, den jeder im Hotel Montan unterschreiben kann und der niemandem weiterhilft.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

USA und Europa

Trumps USA braucht ein Gegengewicht

Von  |
US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania Trump repräsentieren eine neue USA,

Die USA bekennen sich zur Nato – wenn Europa zahlt. Aber wo bleibt die Wertegemeinschaft? Und was sind Angela Merkels Antworten wert? Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

"Komplett verrückt"

US-Präsident Donald Trump.

Ja, es ist verrückt, was wir mit US-Präsident Donald Trump erleben. Und nicht nur es, sondern auch er. Aber ist der neue US-Präsident der Erste seiner Art? Erinnert sich jemand an den Krieg im Irak? FR-Leitartikel. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung