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17. August 2010

Merkel und die Atomkraft: Die Kanzlerin muss Farbe bekennen

 Von Joachim Wille
1995 besuchte Angela Merkel, damals Umweltministerin, das abgeschaltete AKW aus DDR-Zeiten in Lubmin. 2012 sollen die Reaktoren endgültig abgerissen sein.  Foto: dpa/picture alliance

Die Geschichte der Atomtechnik zeigt: Die Kanzler nutzten das Thema gern für sich – auch wenn sie von der Materie keine Ahnung hatten. Nun kommt auch Angela Merkel nicht mehr drum herum zu sagen, wie sie es mit der Kernkraft hält.

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Der „Conny“ hätte sich wohl nie dienstlich ein Laufwasserkraftwerk oder ein Holzfeuerungsanlage angeschaut, um damit ins Fernsehen zu kommen. Die „Angie“, seine siebte Nachfolgerin im Amt, schon. Heute startet Angela Merkel (CDU) ihre „Energiereise“ in die Republik. Sie wolle lernen, wie es um den Ausbau der erneuerbaren Energien steht, ließ sie wissen. Sie suche Infos für den richtigen „Energiemix“. Das ist knapp. Denn wie die Zukunft der Strombranche aussieht, wird bereits im September feststehen: Dann legt der Bund sein neues Energiekonzept vor.

Auch ein Atomkraftwerk wird sie besuchen, das in Lingen im Emsland. Das ist die Energieform, die auch nach dem Willen von Merkel nach einer befristeten Verlängerung auslaufen soll. Eine „Brückentechnologie“, die vor einen halben Jahrhundert voller Euphorie eingeführt wurde und nun unter Schwarz-Gelb zwar begrenzt reanimiert werden soll, aber doch keine Zukunft hat.

Adenauers Anfänge

Man hätte es ahnen können. Als Nachkriegskanzler Konrad Adenauer (CDU) nach langem Hin und Her 1955 entschied, ein erster deutscher AKW-Prototyp solle bei Karlsruhe gebaut werden, erhob sich Protest. Der Bürgermeister des betroffenen Orts Friedrichstal intervenierte. Bauern, die in der Nähe Tabak anbauten, liefen Sturm gegen das Projekt. Sie hatten Sorge, ihr Produkt nicht mehr los zu werden.

Solche „Technikfeindlichkeit“ war damals freilich die Ausnahme. Atomforscher wie Werner Heisenberg drangen darauf, die Energie der Kernspaltung zivil zu nutzen, Philosoph Ernst Bloch erträumte ein nukleares Paradies („aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling“), und alle Parteien – wirklich: alle – waren vehement dafür. Die Einführung der Atomkraft war nicht Adenauers wichtigstes Thema, aber er unterstützte sie und ließ sich 1953 von Heisenberg persönlich über das „Planungsstadium der atomtechnischen Arbeiten“ informieren.

1955 erweiterte Adenauer sein Kabinett sogar um ein spezielles Atom-Ministerium. Im ersten Jahr wurde es von Franz-Josef Strauß (CSU) geleitet, 1956 stellte der das erste „Atomprogramm“ vor. Am Horizont das phantastische Ziel: Kernkraft solle 80 Prozent des Stroms liefern; selbst im besten deutschen „Atomzeitalter“, in den 1980er Jahren,war es nur ein etwa Drittel. 1959 erließ der Bundestag das erste Atomgesetz.

Der betagte Adenauer ließ sich von der Euphorie forttragen. 1957 berichtete er im CDU-Parteivorstand , dass man auf dem „Gebiete der Erzeugung atomarer Kraft ...noch große Überraschungen“ erleben werde. Der Brennstoff Uran gelte unter Forschern schon wieder als „erledigt“, und er erwähnte in diesem Zusammenhang die Wasserstoffbombe. Militärische und zivile Kerntechnik seien da wohl „ganz durcheinander“ gegangen, urteilte später der Forscher Joachim Radkau.

Erhards Euphorie

Solche Unschärfen taten der Euphorie keinen Abbruch. Adenauers Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, ab 1963 dessen Nachfolger, lehnte in seiner Zeit als Wirtschaftsminister zwar staatliche Subventionen für die Supertechnik ab. Ihr Potential aber jubelte er nach anfänglicher Skepsis in absurde Höhen: Strom werde so billig werden, dass sich Stromzähler nicht mehr lohnten, sagte er voraus. Und rund um jedes AKW sah er eine blühende Industrielandschaft mit hunderttausenden Jobs entstehen.

Doch ausgerechnet die Strombranche zögerte. Verkehrte Welt, vergleicht man das mit heute, wo die Konzerne möglichst viel Atom und fast alle Politiker zumindest weniger haben wollen. Erhard sah sich genötigt, dem Unternehmen RWE die Leviten zu lesen: Da RWE mit einem Reaktor-Großauftrag zögere, werde „auch der größte Teil der sehr bedeutenden Zuliefererindustrie von dem atomtechnischen Fortschritt ausgesperrt“. Das gehe nicht an. Auch Weltmarktchancen würden verpasst.

Die Skepsis der Konzerne verflog, auch, weil der Staat begann, die Technologie mit Milliarden zu fördern. 1968, unter der selbstredend atomfrommen großen Koalition von Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU), gingen die ersten großen Reaktoren ans Netz. Den richtigen Push für die Atomkraft aber brachte die Ölkrise 1973. „Weg vom Öl“, so das Ziel.

Brandt baut

SPD-Kanzler Willy Brandt, der 1969 ins Amt kam, war bereits vorher ein bekennender Freund der Atomkraft. Er hatte sich als „Regierender“ in Berlin bereits 1960 einen Reaktor gewünscht, nun befürwortete er als Kanzler zum Beispiel das − später aufgegebene −AKW-Projekt des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. Das unter Brandt 1973 veröffentlichte Energieprogramm des Bundes empfahl, bis 1985 bis zu 50000 Megawatt Atomstrom ans Netz zu bringen. Das hätte 40 bis 50 Reaktoren entsprochen. Heute gibt es (noch) 17.

Schmidt schummelt

Doch besonders Helmut Schmidt (SPD), der 1974 Kanzler wurde, rührte die AKW-Werbetrommel. Stichworte: Atom statt Öl, aber auch: Die Lichter gehen aus. In der hitzigen Debatte um das norddeutsche AKW-Projekt Brokdorf, wo später ein niedersächsischer Juso namens Gerhard Schröder demonstrierte, bemühte Schmidt sogar die Mär vom Strommangel. „In meinem Sommerhaus am Brahmsee“ werde die Stromlieferung für die Nachtspeicherheizung „für das Winterhalbjahr gesperrt“, warnte er 1976. Das stimmte zwar nicht. Es ging um die Erhöhung der Grundgebühr. Aber Schmidt folgerte: „Brokdorf muss gebaut werden.“

Kohls Endlager kosten

1979 passierte die Harrisburg-Kernschmelze, 1986 der Super-GAU von Tschernobyl. Die Anti-AKW-Bewegung erstarkte. Die SPD schwenkte von der Atom- zur Anti-Atompartei, nur: Sie hatte im Bund nichts mehr zu sagen. CDU-Kanzler Helmut Kohl gründete nach der Reaktorkatastrophe zwar ein (Umwelt-) und Reaktorsicherheitsministerium, leistete sich auch einen mild skeptischen Fachminister namens Klaus Töpfer (CDU), der längerfristig eine „Zukunft ohne Atomkraft erfinden“ lassen wollte. Doch eigentlich interessierte den Oggersheimer Marathonkanzler das Thema wenig.

Was nicht heißt, dass nuklearer Stillstand herrschte. Die von den Stromkonzernen noch bestellten AKW wurden − das letzte 1989 − fertiggebaut, und Kohl sah zu, wie das umstrittene Endlagerprojekt Gorleben durchgepowert wurde. Der Wunsch der vom Bund betrauten Wissenschaftler, auch andere Standorte zu untersuchen, fiel unter den Tisch. Weitere wichtige Wegmarke: Töpfer und seine Nachfolgerin Angela Merkel, ließen das marode Ex-DDR-Atomlager Morsleben weiter betreiben. Die inzwischen angelaufene Sanierung kostet mehrere Milliarden Euro.

Schröder schaltet ab

Die Zäsur in der bundesdeutschen Atompolitik kam 1998. Rot-Grün brachte den Immer-Noch-AKW-Gegner Gerhard Schröder ins Kanzleramt. Er, der gerne „Kanzler der Bosse“ Genannte, erzielte einen Atomausstiegsvertrag − im „Konsens“ mit der Industrie und gegen weitergehende Forderungen seines „kellnernden“ Umweltministers Jürgen Trittin (Grüne). Zwei der AKW, Stade und Obrigheim, gingen in der Ära Schröder planmäßig vom Netz. Auch in der Rückschau, als schon Merkel Kanzlerin war, sah Schröder den Atomkonsens als einen der Meilensteine seiner Kanzlerschaft: „Die Atomkraft ist eine gefährliche, auf lange Sicht teure und umweltschädliche Energieerzeugung, aus der wir schleunigst aussteigen müssen“, schrieb er im Magazin Cicero. Und weiter: „Wo zur Auseinandersetzung über eine moderne Energiepolitik der Wille oder die Kraft fehlt, sucht man Zuflucht in der Atomkraft.“

Und Merkel?

Ein Wort wie geschrieben fürs Stammbuch von Nachfolgerin Merkel. Die studierte Physikerin hat sich immer wieder zur Verlängerung der AKW-Laufzeiten bekannt. Grundsätzlich. Im Prinzip. „Ich halt es für falsch, dass wir Kernkraftwerke abschalten, nur weil es vereinbart ist“, so tönt sie seit Jahren. Im Konkreten aber − wie viele Jahre plus, wie viel Sicherheit plus?− blieb sie notorisch unscharf. Jetzt ist sie angeblich sauer auf die frechen Stromkonzerne, die sie mit Forderungen in die Ecke drängen. Eine gute Zeit, um sich auf Reisen zu bilden. Aber, wie gesagt, reichlich spät.

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