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23. Januar 2013

Methodik: Keine Hexerei, sondern harte Arbeit

 Von Steffen Hebestreit
Mit solchen Urnen warten die Demoskopen in ausgewählten Wahllokalen.  Foto: dpa/Kay Nietfeld

Wenn kurz nach 18 Uhr die Wahllokale schließen und das Fernsehen bereits erste Prognosen veröffentlicht, ist dies keine Hexerei, sondern das Ergebnis aufwendiger Erhebungen.

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Wenn kurz nach 18 Uhr die Wahllokale schließen und das Fernsehen bereits erste Prognosen veröffentlicht, ist dies keine Hexerei, sondern das Ergebnis aufwendiger Erhebungen.

Es ist schon ein bisschen gespenstisch, wenn an einem Wahltag um Punkt 18 Uhr der Gong ertönt und die TV-Sender recht präzise Prognosen veröffentlichen, wie die Wahl ausgegangen ist − obwohl bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eine Wahlurne geöffnet worden ist.

Doch es ist keine Hexerei, was Institute wie Infratest dimap oder die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der Sender betreiben. Es ist das Ergebnis aufwendiger statistischer Erhebungen. Im Vorfeld einer Wahl suchen sie mehr als einhundert Wahllokale aus. Die Bezirke stehen repräsentativ für ein Bundesland in ihrer sozialen Zusammensetzung nach Geschlecht, Alter, Berufsbildung und anderer Faktoren.

Hunderte Helfer strömen am Wahltag aus, um die Wähler dieser Lokale nach ihrer Stimmabgabe noch einmal zur Wahl zu bitten. Diese erhalten einen nahezu identischen Wahlzettel, auf dem sie ankreuzen sollen, wen sie gewählt haben. Auf der Rückseite befinden sich noch eine Reihe von Fragen zur Person (Alter, Geschlecht, vorherige Wahlpräferenz) sowie weitere Angaben, welche Themen beispielsweise ihrer Meinung nach im Wahlkampf eine besondere Rolle gespielt haben. Diese Fragebögen kommen in eine eigene Urne – und werden von den Forschern direkt ausgewertet und in die zentralen Rechenzentren der Institute übermittelt.

Striktes Zufallsprinzip

Wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale lassen sich anhand dieser Befragungen erste Trends ablesen, wie die Bürger gewählt haben. Diese Erkenntnisse bilden gemeinsam mit den früheren Ergebnissen von Umfragen und Erfahrungen die Grundlage für jene ominöse Prognose, die ARD und ZDF pünktlich zur Schließung der Wahllokale um 18 Uhr veröffentlichen. Zehntausende Befragungen liegen ihr zugrunde, was deutlich mehr ist als die gut eintausend Befragten bei einer klassischen Umfrage.

In die Hochrechnungen, die alsbald folgen, fließen die ersten tatsächlich ausgezählten Stimmen eines Wahltags ein. Die Meinungsforscher setzen dabei zu allererst auf jene Wahllokale, deren Ergebnisse sich in der Vergangenheit als besonders repräsentativ erwiesen haben. Im Laufe des Abends, bei jeder Aktualisierung, fließen die Ergebnisse von mehr und mehr Wahlkreisen ein, was die Zahlen schließlich valider macht.

Kaum weniger aufwendig ist es, die regelmäßigen Umfragen zur politischen Stimmung zu erheben − weil man erstmal an die Wahlberechtigten herankommen muss. Die Sozialforschung setzt dabei auf das Prinzip der Repräsentativität: Wenn man etwa eintausend rein zufällig ausgewählte Wahlberechtigte befragt, deren Alterszusammensetzung, Geschlecht und Sozialstruktur dem Land entspricht, lassen sich ihre Aussagen verallgemeinern.

So folgen die Institute einem strikten Zufallsprinzip und rufen mehr als 1 000 Wahlberechtigte im ganzen Land an. Die Telefonnummern werden dabei zufällig ausgewählt. Damit auch jene Anschlüsse erfasst werden, die nicht im Telefonbuch stehen, werden die letzten drei Ziffern jeder Nummer vom Computer per Zufall gewählt.

Die Gewichtung bleibt geheim

Nun befragen die Meinungsforscher die Betroffenen entlang eines Fragebogens nach ihren politischen Einstellungen, aber auch konkreten Positionen zu aktuellen Themen. Die Antworten der Interviewten werden zusammengeführt. Diese Rohdaten wiederum werden gewichtet, und dafür hat jedes Meinungsforschungsinstitut eine eigene Formel, die eifersüchtig vor der Konkurrenz verborgen wird. Darin fließen Erkenntnisse ein über längerfristige Parteibindungen, über möglicherweise bewusste Falschantworten der Befragten und andere Erfahrungswerte der Forscher.

Je weniger die Rohdaten gewichtet werden, so die Faustformel der Demoskopen, umso stärker unterliegen die Ergebnisse auch (Stimmungs-)Schwankungen. Auf diese Weise lassen sich medial rapide Höhenflüge und steile Abstürze darstellen. Die Wahlforscher haben eher längerfristige Trends im Blick, die zeigen, ob eine Partei oder politische Konstellation an Zustimmung gewinnt oder verliert.

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