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Ausbildung auf See: Meuterei auf der Gorch Fock

Nach dem tödlichen Unfall einer Offiziersanwärterin wehren sich die Soldaten auf dem berühmten Schulschiff der Marine gegen die Einsatzbedingungen. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, deckt Missstände auf der Gorch Fock auf.

„Stellen Sie sich nicht so an“: Vor der Takelage der Gorch Fock.
„Stellen Sie sich nicht so an“: Vor der Takelage der Gorch Fock.
Foto: dpa
Berlin –  

Am 7. November 2010 stürzte Sarah Lena Seele von einem der bis zu 45 Meter hohen Masten auf die Planken des Segelschulschiffes Gorch Fock. Die 25-jährige Offiziersanwärterin starb kurze Zeit später im Krankenhaus der brasilianischen Stadt Salvador de Bahía.

Kurz darauf entschied die Bundeswehr, die traditionsreiche Ausbildung der Offiziersanwärter auf dem Schiff vorerst zu beenden und frühestens im September 2011 wieder aufzunehmen. Obermaat Seele war nicht die erste Tote auf der Gorch Fock. In den vergangenen zwölf Jahren kamen dort sechs Soldaten und Soldatinnen ums Leben. Erst 2008 war die Kadettin Jenny Böken nachts über Bord gegangen und in der Nordsee ertrunken.

Das Schiff

Großroyal-, Besanstag- und Vorbramsegel: Die Gorch Fock soll als Segelschulschiff der Deutschen Marine dem Führungsnachwuchs das nautische Handwerkszeug vermitteln.

Mit einer Masthöhe von 45 Metern, einer Länge von 89 Metern und 2000 Quadratmetern Segelfläche bietet es maximal 223 Soldaten und Gästen Platz.

Wenig Schlaf und viel körperliche Anstrengung dominieren den täglichen Dienst. Selbst bei schwerer See müssen die Besatzungsmitglieder ohne Sicherung auf die Masten steigen.

Auch diplomatische Empfänge in Auslandshäfen stehen auf dem Tagesprogramm. Die Soldaten der Gorch Fock sind nicht nur für die Deutsche Marine im Einsatz, sondern auch als „Botschafter in Blau“ für das Auswärtige Amt.

Jetzt, zwei Monate nach dem letzten Unfall, wird bekannt, dass der Tod Sarah Lena Seeles vielleicht kein Zufall war, sondern mit den Zuständen auf der Gorch Fock zu erklären ist. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, hatte nämlich drei seiner Mitarbeiter beauftragt, den Geschehnissen nachzugehen. Diese haben mit 45 Soldaten gesprochen. Das Bild, das Königshaus nun in einem Brief an den Verteidigungsausschuss des Bundestages entwirft, hat es in sich.

Aufentern verweigert

So brach kurz nach dem Unfall auf der Gorch Fock ein kleiner Aufstand aus – man könnte auch sagen: eine Meuterei. Dem Brief zufolge „wollten unmittelbar nach dem schmerzhaften Verlust der Kameradin viele nicht mehr aufentern, andere wollten nicht mit der Gorch Fock weiterfahren“. Aufentern bedeutet, in die Takelage zu klettern. Zudem sei eine Diskussion mit den Vorgesetzten entbrannt, inwiefern der Unfalltod auf dem Ausbildungsschiff mit dem Tod eines im Einsatz gefallenen Soldaten vergleichbar sei. Den meuternden Offiziersanwärtern sei „seitens des Kommandanten und des Ersten Offiziers mangelhafte Zusammenarbeit mit der Schiffsführung unterstellt worden“. Sie sollten „wegen Meuterei zurück nach Deutschland geflogen werden“. Wenig später wurden die etwa 70 Offiziersanwärter nach heimgeflogen.

In dem Brief steht auch, die Ausbilder hätten die Offiziersanwärterinnen und -anwärter beim Aufentern unter Druck gesetzt. Ihnen sei gedroht worden, sie könnten nicht mehr Offiziere werden, wenn sie sich weigerten. Es seien Sätze gefallen wie: „Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause“ oder „geben Sie Gas, stellen Sie sich nicht so an“. Ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst sei dazu gebracht worden, auf den höchsten Mast aufzuentern, obwohl er nicht wollte. Zuvor hatte es immer geheißen, das Aufentern geschehe freiwillig.

Selbst nach dem Tod der jungen Frau im November sei der Druck auf die Offiziersanwärter teils aufrecht erhalten worden, schreibt Königshaus. Auch einen Fall sexueller Belästigung auf der Gorch Fock erwähnt Königshaus.

Segelschulschiff Gorch Fock

Bildergalerie ( 14 Bilder )

Das Dossier des Wehrbeauftragten war nach Informationen der FR am Mittwoch Thema im geheim tagenden Verteidigungsausschuss des Bundestages. Dabei kamen weitere Details ans Licht. So hätte Sarah Lena Seele gar nicht aufentern dürfen: Sie unterschritt mit 1,59 Metern die erforderliche Mindestgröße, um sich in der Takelage sicher bewegen zu können. Befremdlich ist auch, dass zwei Tage nach ihrem Tod Teile der Besatzung an Bord eine Karnevalsfeier abhielten. Man befand sich ja vor Brasilien.

Ausschuss will Auskunft

Der Inspekteur der Marine, Axel Schimpf, soll erst von Königshaus von den Vorgängen erfahren haben. Der Wehrbeauftragte hat Schimpf aufgefordert, die Vorgänge zu prüfen. In drei Wochen will sich der Verteidigungsausschuss ihnen abermals widmen.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, sieht dazu allen Anlass. „Das alles deckt sich in keiner Weise mehr mit den Prinzipien der Inneren Führung“, sagt er. Überdies gerate erneut die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums ins Zwielicht. Arnold hatte sich dort vor sechs Wochen über die Vorgänge auf der Gorch Fock erkundigt: „Da wurde abgewiegelt. Es hieß, die Soldaten seien nur aus Fürsorge zurückgeholt worden.“

Vor allem stellt sich für den Sozialdemokraten „die Frage, ob dieses tragische Unglück vermeidbar gewesen wäre – wenn man sieht, welcher Druck auf die jungen Leute ausgeübt wurde, auf die hohen Masten zu steigen. Hier wird es sehr, sehr ernst.“ Und womöglich strafrechtlich relevant.
Dass auf der Gorch Fock besondere Sitten herrschen, scheint der Bundeswehr keineswegs unbekannt zu sein. In einem Werbefilm der Truppe heißt es ganz freimütig, an die Zustände dort „muss man sich gewöhnen“.

Autor:  Markus Decker
Datum:  19 | 1 | 2011
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