Mexiko-Stadt. Der Tod von Arturo Beltrán Leyva, einem der größten Drogenbosse Mexikos, bringt die Sicherheitsbehörden des Landes in große Bedrängnis. Eine Woche nach der überraschenden Erschießung des Kartell-Bosses kommen immer mehr Details über seine Verbündeten bei Polizei, Justiz und Militär ans Licht. Am Tag seiner Erschießung wollte der Mafia-Boss mit General Leopoldo Díaz Pérez, Militärchef im Bundesstaat Morelos, zu Mittag essen, wie das kritische Magazin "Proceso" schrieb.
Das Protektions-System für Beltrán Leyva bestand nach weiteren Medienberichten aus Informanten in allen Sicherheitskräften sowie aus Berufsmördern in Reihen der Armee, die ständig in Taxis oder Autos die gesamte Stadt Cuernavaca patrouillierten. Die Informanten sollen 2000 Dollar pro Monat bekommen haben, in Mexiko ein fürstliches Einkommen.
In Cuernavaca, zwei Stunden von Mexico City entfernt, wurde Beltrán Leyva am Mittwoch von 400 Elitesoldaten der Marine gestellt und getötet. Die Marine gilt als relativ wenig unterwandert von den Drogenkartellen. Den entscheidenden Tipp haben aber die Agenten der US-Antidrogenbehörde DEA gegeben, die Beltrán Leyva am 11. Dezember auf einer Party gesichtet und ihn seitdem nicht aus den Augen gelassen hatten.
Der 48-jährige Beltrán Leyva war einer der brutalsten Drogenchefs Mexikos, auf den ein Millionen-Kopfgeld ausgesetzt war. Mit seinen Brüdern hatte er sich 2008 vom mächtigen Sinaloa-Kartell des Chapo Guzmán abgespalten. Er machte sich Politiker und Drogenfahnder bis in die höchsten Ebenen durch Korruption gefügig. Wer sich nicht bestechen ließ, wurde ermordet: Richter. Politiker und oberste Fahnder stehen auf seiner Todesliste.
Die Umstände der Tötung von Beltrán Leyva und seiner Unterstützung durch staatliche Helfer wirft auch einen langen Schatten auf die Politik von Mexikos Präsident Felipe Calderón. Er versucht seit Jahren, die Korruption in den obersten Anti-Drogen-Behörden einzudämmen.
Zudem geht 2009 als das bisher blutigste Jahr im mexikanischen Krieg der Kartelle in die Statistik ein. Bis Ende November starben nach Zählungen der Tageszeitung "El Universal" 7026 Menschen im Kampf der Drogenkartelle untereinander oder in der Auseinandersetzung mit dem Staat. Damit steht schon jetzt fest: 2009 wird ein neues trauriges Rekordjahr. 2007 waren im entfesselten Drogenkrieg rund 3700 und 2008 rund 6300 Menschen ums Leben gekommen.
Amnesty wirft Streitkräften Menschenrechtsverbrechen vor
Vor allem die Staaten an der Grenze zu den USA sind täglich Schauplatz des Horrors. In der Millionenstadt Ciudad Juárez, gegenüber dem texanischen El Paso gelegen, sterben mehr Menschen als anderswo auf der Welt. Im Schnitt zehn pro Tag. Auf 100.000 Einwohner kommen hier 130 Morde pro Jahr. In der venezolanischen Hauptstadt Caracas sind es 96 pro 100.000 Einwohner und im südafrikanischen Kapstadt 62.
Die mexikanischen Behörden machen den blutigen Kampf um lukrative Märkte und Routen zwischen dem Kartell von Sinaloa und dem von Juárez für die vielen Opfer in Ciudad Juárez verantwortlich. Mittlerweile sind Teile der 8500 Soldaten in der Stadt vor den Krankenhäusern postiert, um so zu vermeiden, dass die Mafiakiller ihre Auseinandersetzungen auch noch bis in die OP-Säle tragen.
Vier große Mafiaorganisationen haben in Mexiko ihre Heimat. Neben dem Sinaloa- und dem Juárez-Kartell kämpfen noch das Kartell von Tijuana und das Golf-Kartell um die profitablen Transitrouten vor allem für Kokain in die USA. Das Kartell der Beltrán-Leyva beteiligt sich erst seit kurzem an diesen Revierkämpfen.
Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko das bedeutendste Drehkreuz für Rauschgift mit dem Ziel Vereinigte Staaten. 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains kommt über Mexiko ins Land. Die mexikanischen Kartelle haben nach Erkenntnissen des Experten für Organisierte Kriminalität, Edgardo Buscaglia aber ihre Tentakel inzwischen in 27 Länder ausgestreckt. Elf davon liegen in Lateinamerika.
Die eskalierende Gewalt straft Calderón Lügen. Kurz nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren erklärte er den "Kartellen den Krieg" und entsandte bis heute 45.000 Soldaten und Bundespolizisten in die besonders umkämpften Regionen Mexikos. Doch die Strategie ist gescheitert. Mehr Polizisten und mehr Soldaten bedeuten nicht mehr Sicherheit und weniger Drogen, sondern mehr Tote und mehr Gewalt. 14.000 Menschen verloren seit Calderóns Amtsantritt im Kugelhagel ihr Leben.
Und mittlerweile geraten die Streitkräfte selber ins Fadenkreuz der Kritiker. Amnesty international wirft der Armee massive Menschenrechtsverletzungen vor. Seit Calderón Kampf gegen die Mafias begann, stiegen laut der Menschenrechtsorganisation die Klagen über Verbrechen von Soldaten bei der Nationalen Menschenrechtskommission um das Sechsfache. Nach den Worten des Amnesty-Direktors in Mexiko, Alberto Herrera, werden den Soldaten Folter, Hinrichtungen und das Verschwindenlassen von Verdächtigen vorgeworfen.
Mexikanische Menschenrechtler kritisieren seit langem den Einsatz der Armee für Aufgaben der inneren Sicherheit, für die den Soldaten jegliche Ausbildung fehlt. Zudem gehen die Armeeangehörigen zumeist straflos aus für ihre Taten. Denn die Delikte werden nicht vor der ordentlichen, sondern der Militärgerichtsbarkeit verhandelt. Dort werden die Soldaten im Zweifelsfall freigesprochen.
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