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31. März 2011

Mexiko: Hunderttausende fliehen vor Mafia-Gewalt

 Von Klaus Ehringfeld
Ein Polizist bewacht den Tatort einer Schießerei in Chihuahua, Mexiko. Foto: dpa

Der Krieg der Drogenkartelle in Mexiko führt zu massiven Vertreibungen. Eine Viertelmillion Menschen seien aus ihren Dörfern geflohen, zum Teil in die USA, zum Teil in andere Regionen Mexikos.

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Mexiko-Stadt –  

Der Krieg der Kartelle in Mexiko führt nach einer Studie zu massiven Vertreibungen der Bevölkerung. 230.000 Menschen seien in den vergangenen Jahren vor der zunehmenden Gewalt aus ihrer Heimat geflohen, schreibt die Organisation Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC). Laut der in der Schweiz ansässigen Organisation ist die Hälfte der Menschen in die USA geflüchtet, die andere Hälfte hat in weniger gewalttätigen Regionen Mexikos Schutz gefunden.

Vor allem in den Staaten Tamaulipas und Chihuahua an der Grenze zu den USA haben die Menschen zum Teil ganze Dörfer aufgegeben, weil sie entweder von den Drogenkartellen mit dem Tode bedroht werden oder Angst vor dem Übergreifen der Gewalt auf ihre Gemeinden haben. Seit der konservative mexikanische Präsident Felipe Calderón 2007 den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu seiner Hauptaufgabe erklärt hat, ist die Gewalt völlig außer Kontrolle geraten. Die Kartelle bekämpfen einander, aber auch die staatlichen Sicherheitsorgane mit außergewöhnlicher Brutalität. Längst gerät dabei auch die Zivilbevölkerung ins Fadenkreuz. Speziell in Tamaulipas und Chihuahua ist der Staat nicht mehr in der Lage, den Menschen Sicherheit zu garantieren.

2010 geht als das blutigste Jahr in die jüngere Geschichte Mexikos ein. 15273 Menschen sind nach Regierungsangaben der Gewalt der Drogenkartelle zum Opfer gefallen – das sind 42 Tote pro Tag. Allerdings konzentriere sich das Morden nach Angaben der Regierung auf den Norden Mexikos. Demnach starb allein die Hälfte der Opfer in drei der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Allein ein Drittel kam im Bundesstaat Chihuahua ums Leben, zu dem auch die Stadt Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA gehört. Zwölf Prozent wurden in Sinaloa registriert, dem Sitz des gleichnamigen Kartells. Acht Prozent starben in Tamaulipas, dem Staat am Golf von Mexiko, wo sich das „Golf-Kartell“ mit der „Zeta“-Bande besonders brutal um Märkte und Korridore für Drogen, Menschen und Waffen stritt.

Laut IDMC sind jedoch inzwischen auch Staaten wie Michoacán oder Guerrero mit dem Badeort Acapulco Brennpunkte der Gewalt im mexikanischen Drogenkrieg. Staaten, die weit weg von der US-Grenze liegen.

Ganze Stadt entvölkert

Traurige Berühmtheit erlangte Ende vergangenen Jahres das Grenzstädtchen Ciudad Mier in Tamaulipas, das in der Nähe des texanischen Ortes McAllen liegt. Die „Zetas“ drohten dort, die gesamte Bevölkerung zu töten. Daraufhin flohen fast alle Bewohner aus dem Ort, in dem gewöhnlich mehrere tausend Menschen leben. Geschäfte, Banken und Tankstellen schlossen. Ciudad Mier war die erste „Gespenster-Stadt“ Mexikos. Aber sie wird nicht die letzte sein.

Vor allem die Gegend um die Millionenstadt Ciudad Juárez ist nach einer Untersuchung der Universität Colegio de la Frontera Norte in den vergangenen Jahren verwaist. Aus den Gemeinden entlang der Grenze sei seit 2005 rund die Hälfte der Menschen geflohen. Das trifft auch auf Praxédis Guerrero zu, das weltweit bekannt wurde, nachdem dort im Oktober mit Marisol Valles eine 20-Jährige Polizeichefin wurde. Doch auch Valles hat inzwischen das Weite gesucht und lebt seit einem Monat in den USA. Die Kartelle hatten sie mit dem Tode bedroht. „Es gibt zahllose aufgegebene Häuser in der Gegend, und die landwirtschaftliche und sonstige ökonomische Aktivität ist in dem Grenzstreifen fast völlig zum Erliegen gekommen“, sagt Rodolfo Rubio vom Colegio de la Frontera Norte.

Der Großteil der Vertriebenen kann nach Erhebungen des IDMC nicht auf staatliche Hilfe zählen und flieht zu Verwandten. Die Organisation fordert daher vom mexikanischen Staat, die Vertriebenen zu schützen und ihnen humanitäre Hilfe zu leisten. Erste Beispiele für solche Unterstützung gibt es bereits: In Ciudad Juárez betreuen die Behörden mit 20 Psychologen, 18 Sozialarbeitern, acht Anwälten und einem Arzt die rund 70000 Menschen, die direkt oder indirekt von der Drogengewalt betroffen sind.

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