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19. Januar 2016

Militärgeschichte: Der Geist von Andernach

 Von Harald Biskup

Vor 60 Jahren begrüßte Kanzler Adenauer die ersten Rekruten in der Krahnenburg-Kaserne. Heute kümmert sich ein Verein um die „Wiege der Bundeswehr“.

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Kanonier Lietz“, herrscht Gruppenführer Kutulla den 21-Jährigen im Kasernenhofton von vor ’45 an. „Sie sind eine Pfeife, aber Sie haben wenigstens eine kräftige Stimme. Sie machen dem Bundeskanzler Meldung.“ Damit ist Wolfgang Lietz, kaum zwei Wochen im Dienst fürs Vaterland, dazu auserkoren, Konrad Adenauer bei dessen Besuch in der heutigen Andernacher Krahnenburg-Kaserne am 20. Januar 1956 auf Stube 108 willkommen zu heißen. „Der erste Höhepunkt meiner Laufbahn“, witzelt Lietz, als er im gediegen möblierten Wohnzimmer in Bielefeld von den ersten Tagen im spartanisch ausgestatteten Barackenlager berichtet. Ein Kaltstart, nicht nur weil ’56 ein sibirisch eisiger Winter war.

Lietz wird die Ehre der Kanzler-Begrüßung vor allem als Stubenältester zuteil. Und als solcher muss er regelrecht an sich halten, bei dem hohen Gast nicht über die unsäglichen Mängel der Ausrüstung zu meckern. Das wird er alsbald nachholen: als Generalleutnant Adolf Heusinger, der spätere erste Generalinspekteur, sich in Andernach umschaut. Weil es weder vernünftige Gürtel noch anständige Pullover für die Soldaten gibt, präsentiert Kanonier Lietz sich dem General nabelfrei und lässt Schnee auf seinen entblößten Bauch rieseln.

Den Vorgesetzten, besonders dem schneidigen Unteroffizier Kutulla, gefiel solch Eigenmächtigkeit gar nicht. Aber Lietz’ Vorstoß freute die Truppe: Es wurden warme Pullover geordert, „bei der Firma Bleyle“, grinst sich Oberstleutnant a.D. Dieter U. Schmidt eins: Der damals größte westdeutsche Hersteller von Strick- und Wirkwaren ließ ausgerechnet in Leipzig produzieren.

Schmidt kennt solche absurden Details der Geburtsstunde der Bundeswehr en masse: Mit Unterstützung des Verteidigungsministeriums und seines Fördervereins hat er in der letzten noch erhaltenen Andernacher Holzbaracke eine ebenso kuriose wie kundige militärgeschichtliche Sammlung zusammengetragen. Stube 108 ist dort so echt wie möglich nachempfunden – wobei die Realität des Januars 1956 noch karger war als das museale Provisorium. „Alles Originalteile“, schwärmt Schmidt. Die Doppelstockbetten, Stahlhelme, Essbestecke, die ABC-Schutzmaskentasche und vor allem die verhassten Schnürstiefel. Sie waren amerikanischen Stiefeln aus dem Zweiten Weltkrieg nachgebildet, „aber die Biester drückten und scheuerten wie verrückt“, erinnert sich Gerhard Klatt (83), Stabsfeldwebel a.D., als hätte er sie eben erst ausgezogen. „Das Schuhwerk war erbärmlich. Wir haben uns Zeitungspapier um die Socken gewickelt, um der Kälte ein bisschen besser zu widerstehen.“

„Uniform statt Staublunge“

Der Unteroffizier-Anwärter Klatt war auch einer der ersten Stunde. „Eigentlich mehr der letzten Minute“, schmunzelt Klatt, der in seinen höchst unterschiedlichen „Verwendungen“ vom Fahrlehrer bis zum Kompaniefeldwebel auch wegen seines Humors beliebt war. „Ich hatte nur vier Tage Zeit, mich auf den großen Tag, den Adenauer-Besuch, vorzubereiten.“ Eiligst wurden ihm Grüßen, Marschieren, Strammstehen antrainiert. Klatt war erst volle zwei Wochen nach seinen Kameraden eingerückt, die am 2. Januar das Andernacher Kasernentor durchschritten.
Mit Militär hatte der gelernte Bergmann eigentlich überhaupt nichts im Sinn. Nach vier Jahren unter Tage im Aachener Kohlerevier Hückelhoven aber sagte sich der 23-Jährige: „Lieber Uniform als Staublunge.“ Klatt bewarb sich bei der Bereitschaftspolizei, doch die wollte ihn nicht wegen einer vorübergehenden Armverletzung. Wie seine Bewerbung dann zur „Dienststelle Blank“ gelangte, Vorläuferin des Verteidigungsministeriums, ist ihm bis heute rätselhaft. Klatt blieb fast 30 Jahre beim „Bund“. Stolz nimmt der Pensionär einen kleinen Rahmen von der Wohnzimmerwand in Niederlahnstein. Eine Urkunde zum „1. Helmtaucher-Lehrgang“ in Kiel. Früher gab er beim Lahnsteiner Volksfest den Neptun und „rettete“ die „Lahn-Nixe“ aus den Fluten.

Aber 1956 ist bei Gerhard Klatt von Stolz keine Spur. „Wenn ich mich nicht geschämt hätte, hätte ich am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht. Es war zum Davonlaufen.“ Sie seien „wirklich Pioniere“ gewesen, sagt Klatt, „genügsam und anspruchslos“. Ein vergilbtes Foto zeigt ihn mit Kameraden bei einer „kleinen Gefechtsübung“, sie tragen Regencapes, die es als „Zeltbahn“ schon bei der Reichswehr gab. Zum Arbeitsanzug trug man Schlips, zum „Ausgehanzug“ gehörte eine kurze Weste, als „Affenjäckchen“ verhöhnt. Ihren Schlechtwettermantel nannten sie „Stalin 3“; auf alten Fotos wirkt der auch so stählern steif wie der sowjetische Panzertyp jener Jahre.


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Keiner der Freiwilligen, die das erste Rückgrat der neuen Armee bildeten, hatte geahnt, worauf sie sich einließen. Kanonier Lietz, der es aller vernichtenden Prognosen seines Gruppenführers Kotulla zum Trotz bis zum Oberstleutnant und Bataillonskommandeur brachte, bewarb sich aus Abenteuerlust und „fürchterlicher Angst vor dem Kommunismus im Allgemeinen und vor den Russen im Besonderen“. Der Koreakrieg weckte die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Lietz meldete sich schon 1953, als es die Bundeswehr noch gar nicht gab. Er hat ein Schreiben, in dem ihm für seine Bereitschaft gedankt wird, als Offizier in einem „zukünftigen deutschen Verteidigungskontingent“ zu dienen. Und in dem er um etwas Geduld gebeten wird.

„Vielleicht ein bisschen lässig“

Im Januar 1956 trifft er dann auf Stube 108 auf den Kanonier Anton Steer. Der schafft es bis zum Generalmajor. Aber in seinem Haus in der Nähe des Zentrums Innere Führung hoch über Koblenz, gibt er sich ganz und gar unmilitärisch. Da ist nichts mehr von dem „zackigen, knappen, zielgerichteten“ Ton, den er an dem „rauen, aber gerechten“ Führungsstil seiner Vorgesetzten in Andernach schätzte. Und den er später gelegentlich auch selbst an den Tag legte, beispielsweise als Chef des III. Korps in Koblenz mit mehreren Zehntausend Mann.

Der blutjunge Kanonier Steer musste jedoch erst die Erfahrung machen, dass „Anmerkungen oder gar Widerspruch eines liberal erzogenen bayerischen Offiziersanwärters“ bei den in der Wehrmacht geprägten Gruppenführern nicht erwünscht waren. „Ich war nicht aufmüpfig, aber verhielt mich nach ihrem Geschmack vielleicht ein bisschen lässig.“ Eigentlich hatte Steer Vermessungsingenieur werden wollen – wenn es nicht diese Vision von einer Führungsaufgabe in einer Armee gegeben hätte, die ganz anders sein sollte und wollte als alle ihre Vorgängerinnen.
Steer ist ein nachdenklicher Mann, der sich bis heute intensiv mit der ethischen Dimension des Soldatseins beschäftigt. Das habe ihn schon damals umgetrieben, als er nach vielen Debatten mit seinem keineswegs begeisterten Vater in den Nachtzug von München nach Bonn stieg, erzählt er. Der junge Mann, der Soldaten bis dahin bloß als Spielzeug kannte, aber intensiv die Diskussion um die umstrittene Wiederbewaffnung verfolgt hatte, war von seiner Mission überzeugt. „Wir hatten das feste Vertrauen, dass in der neuen Armee ein anderer Geist herrschen sollte.“ Bei seiner Offiziersanwärter-Prüfung sei er nach dem Widerstand gegen Hitler gefragt worden und habe aus vollem Herzen seine Bewunderung für die Männer des 20. Juli 1944 bekundet. „Aber ich wusste, dass es eigentlich egal war, was man da sagte, weil sie sich in dem Stadium die Bewerber noch nicht aussuchen konnten.“

Steer erinnert sich lebhaft an Proteste der „Soldaten sind Mörder!“-Kampagne und anderer Pazifisten. Auch an die Geringschätzung, mit der manche alten Komissköppe die „Andernacher“ beäugten. Dass die ersten Wochen in den Baracken in der Öffentlichkeit mit Häme und Herablassung registriert wurden, lag auch an Berichten über angeblich unpassenden Luxus wie am Tisch serviertes Mittagessen und Schaumstoff-Matratzen. Der „Stern“ fotografierte einen Spieß, als der einen jungen Freiwilligen mit Handschlag begrüßt. „So schön zivil wie in der ersten Zeit“, schrieb die Illustrierte ahnungsvoll, „wird es nie wieder sein.“

„Die Behauptung, wir seien Weicheier gewesen, ist natürlich unsinnig“, knurrt der Generalmajor a.D. Andernach, das waren auch erfrorene Finger und Zehen für die ersten „Staatsbürger in Uniform“. „Manches musste uns einfach eingebimst werden. Zum Beispiel dass man beim Sturmlauf in Deckung gehen muss, ohne die Beine hochzuwerfen, obwohl es die natürliche Reaktion wäre.“ Die Weltkriegsveteranen trichterten den Neulingen ein, dass Scharfschützen da mit Vorliebe auf die Fersen zielten.

Später ist er oft beschworen worden, „der Geist von Andernach“. Anton Steer hat mit dem Begriff keine Probleme, Stubenältester Wolfgang Lietz ist da zurückhaltender: „Aber es herrschte schon eine ganz besondere Kameradschaft, und meine Bockbeinigkeit hat mir nicht geschadet.“

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