Kairo. Mit scharfer Kritik haben führende Geistliche im Nahen und Mittleren Osten auf den Ausgang des Schweizer Referendums gegen den Bau von Minaretten reagiert. In arabischen Internetforen kursieren bereits lange Listen mit Schweizer Firmen, deren Waren boykottiert werden sollen. Eine ähnliche Protestaktion hatte es zuletzt 2006 in zahlreichen muslimischen Staaten gegenüber dänischen Waren gegeben - ausgelöst durch Mohammed-Karikaturen in der Zeitung Jyllands-Posten.
In Ägypten sprach Mufti Ali Gomaa von einer Beleidigung für alle Muslime auf dem Globus, mahnte aber seine Mitgläubigen, sich durch das Votum nicht provozieren zu lassen und besonnen zu reagieren. Gomaa ist der ranghöchste islamische Kleriker in Ägypten und gilt in seinen Ansichten als moderat. "Dieses Referendum ist nicht nur ein Angriff auf die Glaubensfreiheit, sondern auch ein Versuch, die Gefühle der muslimischen Gemeinschaft innerhalb und außerhalb der Schweiz zu verletzen", sagte er der ägyptischen Nachrichtenagentur Mena. Die Muslime in der Schweiz rief er dazu auf, trotzdem den Dialog zu suchen und das Referendum auf dem Rechtswege anzufechten. Der Islam betrachte "die Menschheit als eine einzige Familie".
Ähnlich reagierte auch der führende schiitische Geistliche des Libanon, Mohammed Hussein Fadlallah. Er verurteilte das Referendum als "rassistisch". Das Minarettverbot stehe in einer Linie mit den Versuchen westlicher Medien, Muslime in einem möglichst negativen Licht darzustellen, schrieb er in einer Stellungnahme. Er forderte die Bevölkerung Europas auf, sich um eine bessere Verständigung mit dem Islam zu bemühen. Die Minarett-Entscheidung habe das Ziel, "den Rassismus gegen Muslime in aller Welt anzustacheln", erklärte er und beschwor die Muslime in der Schweiz, nicht mit Gewalt zu reagieren. "Ich appelliere an sie, sich um positive Beziehungen zu allen Schweizer Mitbürgern zu bemühen - selbst zu denen, die für ein Verbot von Minaretten gestimmt haben."
Ekmeleddin Ihsanoglu, Generalsekretär der "Organisation der Islamischen Konferenz", der 57 Mitgliedsstaaten angehören, verurteilte die Schweizer Entscheidung und nannte sie "das jüngste Beispiel einer wachsenden anti-islamischen Aufstachelung in Europa durch extremistische, fremdenfeindliche und rassistische Politiker". Diese setzten sich über jeden Gemeinsinn und über alle universellen Werte hinweg.
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