kalaydo.de Anzeigen

Minarettverbot Schweiz: Ein Land beschädigt sich

Politik und Wirtschaft fürchten die Folgen: Eine islamfeindliche Volksinitiative erzielt einen klaren Sieg - die Schweizer Regierung schreibt ihre erste Presserklärung auf Arabisch. Von Jan Dirk Herbermann

Mit Kerzen und Bannern protestieren junge Leute vor einem Regierungsgebäude in Bern.
Mit Kerzen und Bannern protestieren junge Leute vor einem Regierungsgebäude in Bern.
Foto: dpa

Genf. Die Schweizer Regierung versuchte sich am Montag in Schadensbegrenzung. Nach dem klaren Sieg der islamfeindlichen Volksinitiative gegen Minarette verbreitete das Kabinett erstmals eine Erklärung auf Arabisch. Und Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf beeilte sich zu versichern: Das Bauverbot für Minarette habe keinen Einfluss auf die 150 bestehenden Moscheen und muslimischen Gebetsstätten. "Muslime können ihren Glauben also auch nach dem Volksentscheid wie bis anhin ausüben", beteuerte die Bundesrätin.

Doch Experten warnen vor den Folgen des Volkswillens; am Sonntag hatten 57,5 Prozent der Schweizer einem Bauverbot für Minarette in der Verfassung zugestimmt. Der Artikel gilt bereits. "Das wird die Schweiz noch teuer zu stehen kommen", unkte der katholische Schweizer Theologe Hans Küng. Experten diskutieren aber auch, ob das Verbot überhaupt umsetzbar ist.

Vor allem die Integration der rund 400000 Muslime in der Schweiz (insgesamt knapp acht Millionen Einwohner) steht auf dem Spiel. Bislang galt das Verhältnis von Menschen mit unterschiedlichem Glauben in dem Land mit der starken reformierten Tradition als ordentlich. Doch als wäre das Minarettverbot nicht schon genug, planen islamkritische Politiker den nächsten Coup: Die Christlichdemokratische Volkspartei, die sozialdemokratischen Frauen und der Verein der Ex-Muslime wollen die Ganzkörperverhüllung verbieten. Nächstes Jahr könne man Unterschriften sammeln, um eine Anti-Burka-Volksabstimmung zu erzwingen.

Die internationale Stellung des neutralen Landes ist schon durch das Minarettverbot beschädigt. Vor allem in vielen Teilen der muslimischen Welt macht sich Enttäuschung breit. Gerade dort hatte die Schweiz durch eine kluge und vermittelnde Diplomatie viele Freunde gefunden. Besonders die unparteiische Politik Berns im Nahostkonflikt schaffte Vertrauen. "Diese Politik wird jetzt liquidiert", sagt der Soziologe Jean Ziegler.

Wie verwundbar die Schweiz ist, zeigt der Konflikt mit Libyen. Diktator Muammar al Gaddafi hält seit fast anderthalb Jahren zwei Schweizer als Geiseln - als Rache für die kurzfristige Inhaftierung seines Sohnes in Genf. Der Baustopp für die Moscheetürme könnte Gaddafis Zorn weiter anfachen.

Bei Helvetiens Nachrichtendienst herrscht schon seit Beginn der Kampagne gegen die Minarette Alarm: Die Agenten suchen im Internet nach Gewaltaufrufen, Kontaktleute observieren die Moscheen. "Die Spezialisten des Bundes können ferner nicht ausschließen, dass es zu Ausschreitungen oder gar Terrorakten kommt", schreibt der seriöse Tages-Anzeiger aus Zürich.

Das Ansehen des kleinen Landes sank ohnehin seit den neunziger Jahren. Zuerst beschädigten die Enthüllungen über die guten Geschäfte der Schweizer mit den Nazis den Ruf. Dann stand das Land am Pranger, weil es Steuersündern als Fluchtburg diente. Unter dem schleichenden Imageverlust litten die Unternehmen. Durch den Minarett-Artikel droht weiteres Ungemach. "Wir rechnen, dass es schwieriger werden dürfte in den wirtschaftlichen Beziehungen zu muslimischen Ländern", sagt Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf.

Der Dachverband Economiesuisse hatte die Schweizer zeitig gewarnt: Eine Zustimmung zu dem Minarettverbot könnte in islamischen Ländern Boykottaufrufe für Schweizer Waren provozieren. Reiche Touristen aus dieser Region würden die Schweiz meiden. Als warnendes Beispiel dient Dänemark. Nach den Mohammed-Karikaturen in einer Zeitung des skandinavischen Landes mieden Muslime dänische Produkte.

Fest steht: Falls in der Schweiz eine muslimische Gemeinde trotz Verbot ein Minarett bauen will, müsste sie vor einem Gericht gegen den Verfassungsartikel klagen.

Hätte ein Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolgs-Chancen? "Das ist schwer abschätzbar", sagt der Staatsrechtler Rainer Schweizer aus St. Gallen. "Man muss sich aber bewusst sein, dass es mindestens fünf bis sieben Jahre dauern wird, bis der Gerichtshof ein Urteil fällt." Immerhin erwägen die Schweizer Grünen einen Gang nach Straßburg.

Autor:  Jan Dirk Herbermann
Datum:  30 | 11 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!