Kabul. Afghanistan, über Jahrhunderte der "Friedhof der Eroberer", wird sich zum "Saudi-Arabien des Lithiums" wandeln. Das sagen Geologen des US-Verteidigungsministeriums, die mit einem umgebauten alten britischen Bomber jahrelang die kargen Berge am Hindukusch abflogen und nun ihre Ergebnisse veröffentlichen.
"Das gibt atemberaubende Möglichkeiten", schwärmte der Kommandeur des US-Central Command, General David H. Petraeus. "Es gibt zwar noch eine Menge an Wenn und Aber, doch ich denke, dass die Funde sehr bedeutend sind." Ein Sprecher von Präsident Hamid Karsai erklärte am Montag: "Das ist eine der besten Nachrichten, die wir in den vergangenen Jahren bekommen haben." Er ergänzte: "Wir hoffen, dass die Einnahmen aus den Vorkommen Afghanistan autark machen kann."
Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas. Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan
Bedeutend sind die Funde erst einmal für die Regierungen des Westens, die angesichts steigender Verluste unter den 130.000 in Afghanistan stationierten Soldaten und nur wenigen vorzeigbaren Erfolgen unter wachsendem Rechtfertigungsdruck stehen. Das Argument vom "Krieg gegen den Terror", von der Sicherheit des Westens, die am Hindukusch verteidigt werde, überzeugt kaum noch. Während von Washington bis Berlin Abzugsszenarien entworfen werden, unterstützen die Rohstofffunde jene Geo-Strategen, die eine permanente westliche Militärpräsenz in Afghanistan propagieren.
Der Stoff für Batterien
Lithium ist der Stoff, aus dem etwa die kleinen Batterien für Mobiltelefone hergestellt werden. Bislang ist Bolivien Weltmarktführer. Doch just unter der menschenfeindlichen Wüstenlandschaft der afghanischen Provinz Ghazni soll sich unter einigen Salzseen ein Schatz verstecken, der bis zu einer Billion US-Dollar wert ist.
Auch Gold gibt es den Pentagon-Geologen zufolge in bislang unbekanntem Ausmaß. Außerdem Niobium, eine weiches, für Supraleiter benötigtes Metall. Der Wert der Vorkommen, so sie denn einmal ausgebeutet werden, könnte Afghanistans Nettoinlandsprodukt von gegenwärtig rund zwölf Milliarden US-Dollar weit übertreffen - und den blühenden Opiumexport zur Randerscheinung degradieren.
Bislang kennt Afghanistan Bergbau nur in Kleinbetrieben. Im Panjsheer-Tal etwa wurde jahrelang Lapislazuli mit Sprengstoff aus alten Bomben aus einem Berg gesprengt. Kohle wird in Handarbeit gefördert.
Geldsegen für Privatkonto des Bergbauministers
Vor zwei Jahren sicherte sich ein chinesisches Konsortium die Abbaurechte für ein riesiges Kupfervorkommen in der Logar-Provinz. Die Firma, behaupten die USA, zahlte dem damals zuständigen Bergbauminister 30 Millionen US-Dollar auf sein Privatkonto in Dubai.
Rahman Ashraf, ein Berater von Präsident Hamid Karsai, setzt große Hoffnungen auf das vier Milliarden US-Dollar teure Projekt, das auch den Bau einer Eisenbahnlinie von Lugar bis nach China vorsieht: Es "schafft Arbeitsplätze in einer Gegend, in der es bislang nur Landwirtschaft gibt". Aber es schafft auch Krieg: Viele der Vorkommen liegen in besonders umkämpften Gebieten entlang der Grenze zu Pakistan und im Süden Afghanistans.
"Das Endspiel hat begonnen"
Die Veröffentlichung der Rohstofffunde fällt in eine brisante Zeit: "In Afghanistan hat das Endspiel begonnen", sagt ein ausländischer Beobachter. Er meint, angesichts des absehbaren Abzugs der Nato versuchten Regionalmächte und Staaten mit strategischen Interessen, sich am Hindukusch neu zu positionieren.
Die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien wird ebenso hungrig auf die Bodenschätze schauen wie China. Auch Pakistan, das von einer Wirtschaftskrise zur nächsten dümpelt, dürfte Interesse zeigen - wie der Nachbar Iran, der misstrauisch die wachsende Zahl von US-Militärstützpunkten und Soldaten vor seiner Haustür beobachtet und wie Islamabad zunehmend am Hindukusch mitmischt.
Neun Jahre, nachdem der Westen in Afghanistan antrat, um die islamistische Terrorbedrohung in aller Welt zu bekämpfen, ändert sich plötzlich der Charakter des Konflikts. Afghanen wie der Provinzpolitiker Mohamed Ehsan in der Stadt Kandahar fühlen sich bestätigt: "Es ist gut, dass die USA die Taliban und El Kaida bekämpfen, aber ich war immer überzeugt, dass nicht Hilfe für Afghanistan, sondern das Eigeninteresse im Vordergrund des westlichen Engagements gestanden haben."
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