Am 17. April 2010 feiert die Odenwaldschule ihr 100-jähriges Bestehen. Im Kurfürstensaal des Kurmainzer Amtshofs zu Heppenheim wird eine Ausstellung über das Vorzeigeprojekt der Unesco eröffnet. Später dann, im Juli, beginnt die eigentliche Festwoche, die Kammerphilharmonie Bremen spielt auf, viele prominente Altschüler geben sich im Südhessischen die Ehre, darunter die Moderatorin Amelie Fried. Es könnte eine rauschende Party werden. Aber es wird wohl nicht so kommen. Denn in diesen Tagen ist die Odenwaldschule (OSO) endgültig von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt worden.
Anfang dieser Woche erreichte sämtliche Eltern von OSO-Schülern ein alarmierender Brief von Schulleiterin Margarita Kaufmann. Es sei gut möglich, warnt Kaufmann, dass die OSO in Kürze deutschlandweit im Rampenlicht stehen werde - womöglich werde es ihr dabei ähnlich ergehen wie zuletzt dem Berliner Canisius-Kolleg.
Am 14. April 1910 wurde die Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO), einem heutigen Ortsteil von Heppenheim in Südhessen, gegründet. Ausgehend von den Gedanken der Jugendbewegung setzten die Gründer Paul und Edith Geheeb auf eine ganzheitliche Erziehung "vom Kinde aus". Das heißt, anstelle von Zucht und Drill sollten Lehrer auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer Schutzbefohlenen eingehen und die freie Entfaltung fördern.
Zum Leitspruch wurde Geheebs Gedanke "Werde, der du bist". Prinzipien der antiautoritären Erziehung wurden hier im Grunde schon lange vor der eigentlichen Erfindung des Begriffs praktiziert.
1963 wurde die OSO zur Unesco-Projektschule. Sie gilt heute als Vorzeige-Institution der Reformpädagogik. Die zurzeit 225 Schüler - davon 200 Internatsschüler und 25 Externe - leben in sogenannten Familien in naturnaher Umgebung. Die Klassenstärke liegt bei 16 Mädchen und Jungen. Der Klassenlehrer fungiert offiziell als "Familienoberhaupt" und lebt Tür an Tür mit seinen Schülern. Ein Internatsplatz kostet zurzeit 2220 Euro im Monat.
Prominente Ex-Schüler sind der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und die Journalistin und Moderatorin Amelie Fried. Auch der Schriftsteller Klaus Mann (1906-1949), der Ex-DDR-Kulturminister Klaus Gysi (1912-1999) und die Unternehmerin Beate Uhse (1919-2001) besuchten die Odenwaldschule.
Gegen Gerold Becker, den ehemaligen Leiter der OSO, ermittelte die Staatsanwaltschaft Darmstadt 1999 wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. Das Verfahren wurde wegen Verjährung eingestellt.
Mit einem Internet-Blog wollen die von Gerold Becker und weiteren ehemaligen Lehrern missbrauchen Schüler mit weiteren Betroffenen ins Gespräch kommen. (ind )
In einer beigefügten Stellungnahme der Schulleitung wurde Kaufmann noch deutlicher: In den 70er und 80er Jahren seien etliche Minderjährige "Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter der Odenwaldschule geworden". Das "Ausmaß der Verbrechen", so die Rektorin, habe ihre Schule "massiv erschüttert und irritiert".
Kaufmann hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche mit Altschülern geführt, deren Aussagen sie für "absolut glaubwürdig" hält und in denen ihr nach eigenen Worten "schwindelig wurde". Die ehemaligen Schüler, fast alles Männer, berichteten davon, wie sie als 13-, 14-Jährige von ihren Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt, wie sie als "sexuelle Dienstleister" für ganze Wochenenden eingeteilt, wie sie zu Oralverkehr gezwungen wurden. Einzelne Pädagogen hätten gar ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen.
Mindestens vier ehemalige OSO-Lehrer sind bislang von Altschülern namentlich belastet worden, mindestens 50 Schüler sollen von ihnen missbraucht worden sein. Von bis zu 100 Missbrauchsopfern an der Odenwaldschule gehen die Altschüler insgesamt aus.
Kaufmann, die die Vorgänge zwischen 1970 und 1985 für "eine Tatsache" hält, reicht das nicht: Sie hat einen Brief an alle Altschüler verfasst, die mit ihren Erinnerungen zur Aufklärung beitragen sollen. "Die Schule will das jetzt wissen", sagt sie. Man könnte fragen: Wieso erst jetzt?
Dass die OSO ihren Schülern jahrelang nicht nur "ein zweites Zuhause" bot, wie sie selbst wirbt, ist seit zehn Jahren für jeden, der es wissen wollte, offenkundig. Am 17. November 1999 berichtete die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift "Der Lack ist ab" über den bis heute hoch angesehenen Pädagogen, Theologen und ehemaligen OSO-Leiter Gerold Becker. Weil sie es nicht länger ertragen konnten, dass Becker weiterhin als gefragter Handlungsreisender von Podium zu Podium eilt, wandten sich seinerzeit insgesamt fünf Altschüler an die Öffentlichkeit und berichteten über ihre Erfahrungen mit dem pädophilen Pädagogen.
Rund 400 Mal, schilderte etwa der heute 40-jährige Jürgen Dehmers (Name geändert), sei er von Becker sexuell missbraucht worden. Damit von Dehmers schon 1997 schriftlich konfrontiert, antwortete Becker ausweichend, es gebe einiges, "für das ich mich schäme oder schuldig fühle". Die konkreten Vorwürfe ließ er unkommentiert, dafür sei er zu "müde und unkonzentriert". Dehmers wandte sich daraufhin hilfesuchend an die Schule. Deren Trägerverein bat Becker zum Gespräch, in dem dieser den Vorwürfen nicht widersprach und sämtliche Funktionen niederlegte, die er in der OSO noch hatte. Auch den Vorsitz in der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime gab er ab.
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