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02. Februar 2010

Missbrauch in der katholischen Kirche: Das Schweigen der Hirten

 Von Jörg Schindler

Hehre Leitlinien nach außen, verschwiegene Missbrauchsfälle hinter den Kulissen: Wie die Katholiken ihre Skandale behandeln. Von Jörg Schindler

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Berlin. Im Herbst 2002 mochten auch die deutschen Bischöfe nicht länger wegsehen. Nach einer Serie von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sahen sich die Hirten gezwungen, hierzulande zu reagieren. Gerade erst war im Vatikan, ausgelöst durch beschämende Skandale in den USA, ein Krisengipfel zuende gegangen. Weil auch deutsche Priester immer wieder in die Schlagzeilen geraten waren, beschloss die Bischofskonferenz, zu handeln. Sieben Jahre nach ihren Amtskollegen aus den Niederlanden, sechs Jahre nach Österreichs Bischöfen und eineinhalb Jahre nach ihren südafrikanischen Glaubensbrüdern veröffentlichten sie Leitlinien zum "Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der katholischen Kirche".

Auf den ersten Blick las sich das Regelwerk beeindruckend. "Die Fürsorge der Kirche gilt zuerst dem Opfer", hieß es unmissverständlich in dem etwas anderen Hirtenbrief. In allen Bistümern würden künftig zentrale Anlaufstellen für Missbrauchsopfer geschaffen; diese werde man "im Einzelfall" auch finanziell unterstützen. Die Täter dagegen werde man kirchenintern maßregeln, gegebenenfalls auch die staatlichen Strafverfolgungsbehörden einschalten. Nie mehr würden die gefallenen Priester "in Bereichen eingesetzt, die sie mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung bringen". So weit die Theorie.

Was in der Praxis von den hehren Leitlinien zu halten ist, wurde fünf Jahre später im Herrschaftsgebiet des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller deutlich. Dieser hatte 2004 seinem Pfarrer Peter K. die 800-Seelen-Gemeinde Riekofen bei Regensburg überantwortet. Was er für sich behielt: K. war vier Jahre zuvor wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden. Als die Sache 2007 aufflog, weil K. sich erneut an Minderjährigen vergriffen hatte, rechtfertigte sich Bischof Müller mit einem Gutachten, wonach der Pfarrer als geheilt von seiner pädophilen Neigung galt. Dass Fachleute Pädophilie für unheilbar halten, war ihm wohl entgangen.

Ein Einzelfall? Eher nicht. Im Zuge des Missbrauchs-Skandals am Berliner Canisius-Kolleg wurde in Berlin ein neuer Vertuschungsfall bekannt. Diesmal an der katholischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz in Hohenschönhausen. Deren Gemeinderat erfuhr erst jetzt, dass ihr Priester sich 2001 an einem Kind vergangen haben soll. Berlins Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky war schon im Juli 2009 informiert und suspendierte den Geistlichen - aus "gesundheitlichen Gründen".

Fälle wie diese sind es, die Bernd Hans Göhrig, den Geschäftsführer des ökumenischen Netzwerks "Kirche von unten" grundsätzlich skeptisch stimmen, ob Deutschlands katholische Bischöfe tatsächlich an Aufklärung interessiert sind. Göhrigs Initiative hatte schon 2002 "schwerwiegende Zweifel" an den Leitlinien der Ober-Hirten angemeldet. Diese seien vorwiegend "täterorientiert" und ermöglichten Kirchen sogar die Strafvereitelung. Im Jahr 2007 wiederholte die Initiative ihre Kritik und wies, nach etlichen weiteren Skandalen, nachdrücklich darauf hin, dass sexuelle Gewalt bei den Katholiken "ein strukturelles Problem" sei. Die Einwände wurden gehört - und dann beiseite gewischt.

Dabei liegt das Problem nach Göhrigs Dafürhalten auf der Hand. Anders als oft behauptet sei der Zölibat - also die erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit von Priestern - nicht so sehr Ursache für die stetige Wiederkehr von Missbrauchs-Skandalen. Vielmehr begünstige "das System katholische Kirche" mit seinen festgefahrenen Machtstrukturen die sexuelle Gewaltausübung von geweihten Amtsträgern. Unter Glaubensbrüdern herrsche nach wie vor ein "Korpsgeist", der dazu führe, das einer den anderen decke.

Ähnlich sieht es Sigrid Grabmeier, Sprecherin von "Wir sind Kirche". Sie bezweifelt, dass die Kirche über ausreichende Selbstreinigungskräfte verfügt. Zwar wurden mit den Leitlinien von 2002 in allen Bistümern Anlaufstellen für Missbrauchsopfer geschaffen. Nur säßen dort zumeist selbst Verantwortliche in Priesterrobe, sagte Grabmeier der Frankfurter Rundschau. "Das sind Brüder im Amt - da pinkelt man sich nicht ans Bein." Seit Jahren fordern die kircheninternen Kritiker unabhängige Ombusleute wie Ärzte, Juristen oder Therapeuten. Mit mäßigem Erfolg.

Um die Katholiken zum Umdenken zu zwingen, sammelt der ehemalige Ministrant Norbert Denef seit geraumer Zeit im Internet Unterschriften. Sein Ziel: Er will vor dem Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof eine Aufhebung der im deutschen Zivilrecht gültigen Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch erreichen. Dann hätten Opfer ein Recht auf Entschädigung. Denef war als Kind von Priestern missbraucht worden und stritt mit dem Bistum Magdeburg jahrelang um ein angemessenes Schmerzensgeld. 25000 Euro wollten die Kirchenmänner ihm zunächst zahlen, aber nur, wenn er "alles unterlasse", um das Thema publik zu machen. Das war im November 2003 - ein Jahr, nachdem die Bischöfe ihre Leitlinien vorgestellt hatten.

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