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06. Februar 2014

Missbrauch in der Kirche: „Aufklärung wird behindert“

Im Bild hält der "Super-Papst" einen Koffer mit Werten. Doch wie ernst ist es ihm tatsächlich mit der Aufarbeitung? .  Foto: REUTERS

Als Rektor des Canisius-Kollegs hat Pater Klaus Mertes einst den sexuellen Missbrauch an der Schule enthüllt. Den aktuellen UN-Missbrauchsbericht hält er teilweise für naiv, trotzdem enthalte er berechtigte Kritik an der Kirche.

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Klaus Mertes

Klaus Mertes ist Jesuit und war elf Jahre lang Rektor an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg. Er war maßgeblich für die Enthüllungen über den sexuellen Missbrauch am Kolleg verantwortlich und setzte sich für die Aufklärung ein. Derzeit leitet er das Kolleg St. Blasien.

Pater Mertes, gehen Sie mit der Kritik der UN an der katholischen Kirche konform?

Nicht jede Kritik ist sachlich und sachdienlich. Zum Beispiel kann ich nur den Kopf schütteln, wenn der UN-Bericht immer noch auf einer zwingenden Meldepflicht von Missbrauchsfällen an die staatliche Justiz herumreitet. Darüber sind wir in der Diskussion längst hinweg. Gerade die Opferschutzverbände warnen vor solch einem Automatismus.

Warum?

Man kann nicht an den Opfern und ihren Wünschen vorbei melden. Als die bayerischen Bischöfe vor drei Jahren in Panik die Meldepflicht einführten, beklagten sich Missbrauchsopfer bei mir, dass ihnen damit vertrauliche und vertrauensvolle Gespräche mit Kirchenvertretern fast unmöglich geworden seien. Für einen staatlichen Ermittler steht an erster Stelle die Unschuldsvermutung zugunsten eines mutmaßlichen Täters. Das heißt, er muss die Angaben der Opfer zunächst einmal bezweifeln. Dann kommt die ganze Maschinerie mit Befragungen, Glaubwürdigkeitsgutachten et cetera in Gang. Davor haben viele Opfer Angst. Aber das sieht der UN-Bericht in seiner Naivität nicht.

"Ein naives Verständnis von der Kirche"

Naivität?

Ja, ich entnehme dem Bericht ein naives Verständnis, auch von der Kirche. Es ist doch skurril, dass sich die UN Gedanken darüber machen, wie bestimmte Textstellen im Alten Testament – etwa das Züchtigungsgebot – auszulegen sind. Über ein fundamentalistisch-buchstäbliches Bibelverständnis ist die katholische Kirche längst hinaus. Keiner, der in der Kirche ernst zu nehmen wäre, vertritt heute noch eine wörtliche Auffassung solcher Texte. Also, was soll das? Die Schieflagen des Berichts gehen aber noch weiter.


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Nämlich?

Da ist von einer zentralen Hotline im Vatikan für Missbrauchsopfer aus aller Welt die Rede. Ich weiß nicht, wie die Leute in Genf sich das vorstellen. Als ob das Problem gelöst würde, wenn die Zentrale es an sich zieht. Das hat Papst Johannes Paul II. ja vergeblich versucht. Zentralisierung bringt uns überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil: Zentralisierung ist Teil des Problems. Aber die UN haben da die gleiche zentralistische Wasserkopf-Denke wie der Vatikan selbst. Und wenn dann noch Themen wie Abtreibung oder Homosexualität in den Bericht einfließen, kommt endgültig gerührter Quark heraus.

Warum? Sie haben doch selbst immer moniert, der kirchliche Umgang mit Homosexualität begünstige und fördere strukturell das Vertuschen und Verschweigen von Missbrauch.

Das stimmt. Aber das muss man dann schon differenzierter entwickeln als die UN. Beim Thema Homosexualität geht es zunächst einmal um ein Menschenrechts-Thema und erst in zweiter Linie dann auch um die Frage, wie der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Homosexualität Gewalt in der Kirche begünstigt.

Bei der Abtreibung hingegen steht das Tötungsverbot zur Debatte. Statt solcher Unterscheidungen mixt der UN-Bericht alles zusammen, was an Vorbehalten gegenüber der katholischen Kirche herumwabert. Dabei sind die UN selbst weder interesselos noch ideologiefrei. Die Phrasen bestimmter Gender-Theoretiker bei den UN und Aussagen katholischer Betonköpfe stehen einander in puncto Extremismus in nichts nach.

Also reagiert der Vatikan mit Recht verschnupft?

Ich warne davor, auf beleidigte Leberwurst oder verfolgte Unschuld zu machen. Schließlich enthält der Bericht immer noch genügend berechtigte Kritik.  Das Grundproblem ist und bleibt die Aufklärung – nicht nur der Einzelfälle, sondern auch der Strukturbedingungen, die Missbrauch ermöglichen und  fördern.

"Der Vatikan muss sich externen Prüfern stellen"

Aufklärung funktioniert nicht, wenn sie nach oben verlagert wird, sagen Sie. Aber der Vatikan ist ja „oben“.

Stimmt. Aufklärung funktioniert nur, wenn sie nach außen verlagert wird. Das gilt auch für den Vatikan: Er muss sich in den fraglichen Fällen einer externen Prüfung stellen, also unabhängigen Ermittlern und Gutachtern. Genauso wichtig ist es, dass die Aufklärung selbst transparent ist. Das ist vor allem für die Opfer wichtig, um die es der Kirche vorrangig gehen muss. Die Opfer dürfen nicht das Gefühl haben, sie müssten dauernd um Aufklärung kämpfen. Sie müssen das Gefühl haben: Unsere Geschichte wird von der Institution gesehen, unser Leid wird anerkannt. Und es muss endlich disziplinarische Konsequenzen für Kirchenmänner geben, die vertuscht haben.

Pater Klaus Mertes.
Pater Klaus Mertes.
 Foto: imago stock&people

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und vernebelt hat, mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein?

Steht Müller nur für sich – oder vertritt er die herrschende Meinung im Vatikan?

Ich fürchte, dass es in Rom immer noch an der Bereitschaft fehlt, sich dem Problem in seiner ganzen Tiefe zu stellen. Dafür ist Müllers Haltung durchaus typisch.

Auch für den Papst?

Ich kenne die gesellschaftspolitische Diskussion in Lateinamerika zu wenig, um zu beurteilen, von welchen Denkschemata Franziskus geprägt ist, etwa bei seiner Haltung zur Homosexualität. Aber es gibt einen Punkt in seiner Erfahrungswelt, der mich hoffen lässt: Der Papst weiß, was das Leben in einem System bedeutet, das Macht missbraucht und den Missbrauch zugleich vertuscht. Er hat erlebt, wie so etwas das Leben bis in die intimsten Beziehungen hinein vergiftet. Das ist die Brücke, über die er gehen und sich dem Thema der sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche noch einmal neu stellen kann.

Wo sehen Sie den Vatikan auf einer Wir-haben-verstanden-Skala von eins bis zehn?

Den Vatikan als Institution? Nicht sehr weit oben, bei zwei bis drei vielleicht. Sicher, Papst Benedikt XVI. hat schon mehr verstanden als sein Vorgänger. Und eine der besten Veranstaltungen fand 2011 im Vatikan statt, als Bischöfe sich hinsetzen, die Geschichten von Opfern anhören mussten und nicht vor ihnen davonlaufen konnten. So etwas sollte regelmäßig alle paar Monate passieren. Denn die Teilnehmer haben anschließend gesagt: „Wir dachten immer, das sei alles antikirchliche Propaganda. Jetzt merken wir, das sind ja wahre Geschichten!“ So eine Erfahrung verändert Menschen mehr als ein Haufen Papier mit vielen Spiegelstrichen. 

"Es gibt immer noch Bischöfe, die Aufklärung behindern"

Mit Blick auf die katholische Kirche in Deutschland: Wie beurteilen Sie hier die Aufarbeitung des Missbrauchs-Skandals?

Bei der Prävention und zum Teil auch bei der Aufklärung leistet die katholische Kirche in Deutschland unterdessen Hervorragendes. Was auf der mittleren Ebene – bei den Präventionsbeauftragten, Schulleitern, Kindergärtnerinnen,  in Jugendverbänden – geschieht, ist erste Sahne. Da hat die Kirche in der Praxis die Nase so weit vorn, dass staatliche Stellen sie inzwischen um Beratung bitten, wie sie es mit der Prävention halten sollen. Das Problem ist nur, dass die Glaubwürdigkeit dieses Bemühens ständig von oben erschüttert wird.

Was meinen Sie damit?

Konkret gibt es immer noch Bischöfe, die Aufklärung behindern und ihre eigenen Missbrauchsbeauftragten vor die Wand laufen lassen. Auch im Umgang mit den Tätern gibt es viele ungelöste Probleme. Von Opfern höre ich immer wieder, dass ihnen in ihren Gemeinden die Täter von einst bis heute vor der Nase herumtanzen. Das Kernproblem aber ist und bleibt die Unabhängigkeit der Aufklärung und der Aufklärer.

Wegen der öffentlichen Akzeptanz?

Viel wichtiger noch, wegen der Akzeptanz durch die Opfer. An der Unabhängigkeit der Aufklärung entscheidet sich, ob die Opfer das Ergebnis  akzeptieren können. Und das steht für mich an erster Stelle – noch weit vor der Wirkung auf die Öffentlichkeit oder die Medien. Ohne Unabhängigkeit sind alle Anstrengungen letztlich ins Belieben des einzelnen Bischofs gestellt. Auf diesen Punkt beziehen sich die meisten Beschwerden auch von Missbrauchsbeauftragten, die ich mitbekomme. Nicht zuletzt der Ärger um die Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer hat gezeigt, dass der Aufklärungseifer in den Bistümern sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. 

Nun hatten die Bischöfe Pfeiffer ja gerade als Unabhängigen mit hoher Reputation geholt. Der Schuss ist schwer nach hinten losgegangen.

Ich habe Zweifel, dass Herr Pfeiffer der richtige Mann war. Aber der Impuls bleibt richtig. Und die komplizierten rechtlichen Fragen der Aufklärungsarbeit – Umgang mit Akten, Wahrung von Persönlichkeitsrechten und vieles mehr – müssen eben im Vorfeld sauber beantwortet sein.

"Den Opfern erstmal Vertrauen"

Sehen Sie noch weitere offene Flanken?

Bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs muss man sich davon befreien, alles durch die juristische Brille zu sehen. Die Grundentscheidung heißt: Glauben wir den Opfern, oder glauben wir ihnen nicht? Wenn die Opfergeschichten als erstes den Härtetest der Unschuldsvermutung zugunsten der mutmaßlichen Täter durchlaufen müssen, dann kann man die Aufklärung gleich den Gerichten überlassen.

Wollen Sie die Unschuldsvermutung etwa außer Kraft setzen?

Das ist mir oft vorgeworfen worden, weil ich den Opfern erst einmal geglaubt habe. „Sie müssen doch auch die andere Seite hören!“, heißt es dann. Stimmt.  Aber eine Haltung des Vertrauens in die Geschichten der Opfer ist die erste Voraussetzung dafür, dass sie sich öffnen. Der Raum des Vertrauens liegt sozusagen vor dem Gerichtssaal. Demgegenüber gibt es bei vielen Bischöfen, aber auch in der Gesellschaft immer noch die Tendenz, den Opfern nur Glauben zu schenken, wenn ihre Aussagen juristischen Kriterien standhalten und gerichtsfest sind.

Aber wo bleibt dann die Unschuldsvermutung?

Sie setzt dort an,  wo es an die Veröffentlichung von Fallberichten oder Aufklärungsergebnissen geht. Da sind Klarheit im Denken und Handeln dann extrem wichtig – und dazu gehört auch die Unschuldsvermutung. Aber man darf den Opfern nicht schon mit dieser Schere im Kopf zuhören.

Das Gespräch führte Joachim Frank

 

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