Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert eine umfassende Aufklärung aller Vorwürfe zu sexuellem Missbrauch in Schulen und kirchlichen Einrichtungen. Hierbei handele es sich um ein "verabscheuungswürdiges Verbrechen", sagte Merkel im Bundestag. Deshalb müsse für "Wahrheit und Klarheit" gesorgt werden.
Merkel begrüßt es, dass sich das Justizministerium mit dem Familien- und dem Bildungsministerium nun auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt habe. Sie sei "froh", dass die drei Ministerinnen ein Gesprächsforum mit den Betroffenen bilden wollten. Dabei solle "sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft" geblickt werden.
Die Kanzlerin mahnt: "Aber lassen Sie uns die Sache nicht zu einfach machen. Man muss über Verjährung sprechen, man kann über Entschädigung sprechen." Aber insgesamt komme es darauf an, "dass Menschen, die so etwas erfahren haben, sich in dieser Gesellschaft wieder anerkannt und aufgehoben fühlen und wenigstens das Stück Wiedergutmachung bekommen, was man im Nachhinein noch schaffen kann".
Merkel betont, dies sei "eine Bewährungsprobe für unsere ganze Gesellschaft". Die Debatte dürfe sich nicht auf sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche beschränken. Dies habe "keinen Sinn". Schließlich ereigneten sich solche Fälle in vielen Bereichen der Gesellschaft.
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte, die Bundesregierung habe zu spät auf die Missbrauchsfälle reagiert. Außerdem habe es Merkel zugelassen, dass sich die drei zuständigen Bundesministerinnen über Runde Tische zu dem Thema gestritten hätten.
Papst will Brief zum Missbrauchsskandal unterzeichnen
Künast fügte mit Blick auf die Missbrauchsopfer hinzu: "Das ist der Verletztheit dieser Menschen nicht angemessen." Die Grünen-Fraktionschefin forderte Klarheit darüber, wer in der Bundesregierung nun für die rückhaltlose Aufklärung der Fälle zuständig sei. Merkel habe zwar Anfang der Woche das Vorgehen des Papstes verteidigt. Es seien aber "die Kinder, die den besonderen Schutz der Gesellschaft brauchen - und nicht der Papst".
Papst Benedikt XVI. will am Freitag den angekündigten Brief an die irischen Bischöfe zum Missbrauchsskandal unterzeichnen. Ob das Schreiben auch ausdrücklich auf die Fälle im Heimatland des deutschen Papstes eingehen wird, ist unklar.
Bei der Generalaudienz in Rom sagte Benedikt, nach der schweren Krise der katholischen Kirche in Irland habe er als Zeichen seiner "tiefen Sorge einen Hirtenbrief zu dieser schmerzvollen Situation verfasst". In Irland erschüttern bereits seit Jahren tausende Missbrauchsfälle die Kirche. Vatikankreisen zufolge wurde das Erscheinen des Briefes durch den Skandal in Deutschland verzögert.
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