Die Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule (OSO) ist noch höher als bisher bekannt. Inzwischen haben sich 132 Betroffene gemeldet oder sind von Zeugen glaubhaft benannt worden. Davon waren 115 männlich und 17 weiblich. Dies geht aus dem Abschlussbericht zur sexuellen Ausbeutung an dem Internat hervor, der am Freitag an der OSO vorgestellt wurde. Als Täter werden sechs Lehrer, ein Referendar und ein weiterer Schulmitarbeiter sowie auch vier ältere Schüler genannt. Das Internat sei in den 70er und 80er Jahren quasi „ein Nest von Pädophilen“ gewesen, sagt die Wiesbadener Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller, Mitautorin der Untersuchung.
Abschlussbericht vorgelegt
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Die Studie war von der OSO in Auftrag gegeben worden; Mitautorin ist die Ex-Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte Tilmann. Die Juristinnen werteten die Mitteilungen von Ex-Schülern und -Schülerinnen aus, die sich nach der Aufdeckung des Skandals durch die FR in den vergangenen acht Monaten unter anderem die bei der Schule und der Kanzlei Burgsmüller eingegangen waren. Berücksichtigt wurden dabei allerdings neben den direkten Fällen sexueller Übergriffe wie Vergewaltigungen und erzwungenem Geschlechts- und Oralververkehr auch Ex-Schüler, die Zeuge der Übergriffe waren und „das Leid mitangesehen“ (Tilmann) haben. Sie seien ebenfalls „Betroffene“.
Bei der 100-Jahr-Feier des Internats im Juli hatten die Juristinnen bereits einen Zwischenbericht vorgelegt; darin war von 50 missbrauchten Schülern die Rede gewesen. Die Zahl stieg sukzessive aufgrund der Meldungen. Allerdings muss, so Burgsmüller, auch jetzt noch mit neuen Fällen gerechnet werden. Die Opfer seien zum Teil psychisch „schwerst geschädigt“ und trauten sich zum Teil auch nach mehreren Jahrzehnten noch nicht, über die sexuellen Übergriffe zu reden.
Es sei zumindest in einem Fall nicht auszuschließen, dass auch der Freitod eines Ex-OSO-Schülers vor dem Hintergrund der sexuellen Übergriffe geschah. Die Untersuchung zeigt auf, wie eine Aufklärung der Übergriffe systematisch von mehreren Schulleitern unterdrückt wurde – nicht nur vom Haupttäter Gerold Becker, der in diesem Juli gestorben ist. Becker alleine habe 86 Jugendliche, zumeist im Alter von zwölf bis 16, missbraucht. Es sei ein sexueller Missbrauch mit System gewesen, sagte Burgsmüller. Eltern, die die Schulleitung auf Übergriffe hinwiesen, seien immer wieder „Opfer von Vernebelungsstrategien“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt gegen rund ein Dutzend Lehrer ermittelt, die Verfahren wurden jedoch wegen Verjährung eingestellt. Tilmann und Burgsmüller forderten als eine Konsequenz, die Verjährungsfristen bei sexuellen Missbrauch komplett aufzuheben.
Der Konflikt um die Entschädigungszahlungen an die Opfer ist derweil nicht beigelegt. Zwar gab es eine Annäherung zwischen der Schule und dem Verein „Glasbrechen“, in dem sich betroffene Altschüler organisiert haben. Der OSO-Trägerverein wurde inzwischen „institutionelles Fördermitglied“ in dem Verein. Der Trägerverein und die Altschülervereinigung des Internats wollen Glasbrechen im Februar mit einem „ersten“ Geldbeitrag unterstützen. Glasbrechen stehe der „Aufarbeitungspolitik“ der OSO aber weiterhin sehr kritisch gegenüber, wie der Vereinsvorsitzende, Adrian Koerfer, der FR sagte.
Geld für Therapien fehlt
Koerfer zufolge hat die Schule für Februar 10.000 Euro in Aussicht gestellt. Weitere Zahlungen stünden in den Sternen. Damit könnten die Aufgaben, die Glasbrechen sich stelle, nicht finanziert werden – zum Beispiel Therapien für die Opfer. Hierfür sei eine sechsstellige Summe notwendig, wie der Ende November im Streit um die Entschädigungen zurückgetretene Vorsitzende des OSO-Vorstandes, Michael Frenzel, sie befürwortet hatte. „Wir haben mit 100000 Euro als erste Zahlung gerechnet“, sagte Koerfer. Eine neue OSO-Stiftung soll Geld sammeln, zum Teil soll es laut Schulleiterin Kaufmann auch aus „freien Rücklagen“ der OSO kommen. Eine genaue Höhe nannte sie nicht.
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