Der Vorgesetzte im Rathaus eines Taunusstädtchens* pflegt eine eigene Art von Herrenhumor. "Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?", begrüßte er die Vertreter des Personalrates, wenn sie zur Sitzung zusammenkamen. Gewöhnlich erntete er auf seine Frage schamhaftes, bisweilen angeekeltes Schweigen. Dann legte der Beamte auf Lebenszeit nach: "Sie sehen aus, als hätten Sie die ganze Nacht gevögelt." So beschreibt eine Ex-Mitarbeiterin den Büroalltag mit dem Herrn, den seine Untergebenen einen kleinen Tyrannen heißen.
Der für seinen willkürlichen Führungsstil bekannte Magistratsdirektor wirft einen langen Schatten über den Park des beschaulichen Ortes. Nicht nur, weil dem Mann unflätiges Verhalten nachgesagt wird. Kolleginnen beschweren sich über sexuelle Belästigung, verbal wie handgreiflich. Das bestätigen Magistrat und Personalvertretung hinter vorgehaltener Hand. Bis hin zu "erzwungenen Küsschen" reichten die Vorwürfe. Meist soll es junge Sekretärinnen aus dem direkten Büroumfeld, nicht selten Auszubildende getroffen haben. Der Beschuldigte selbst nimmt auf Anfrage der FR dazu keine Stellung.
*Die FR hat sich aus presserechtlichen Gründen entschlossen, die betroffenen Vorgesetzten, gegen die - soweit bekannt - aktuell keine Anzeigen wegen sexueller Belästigung anhängig sind, zu anonymisieren. Die Redaktion verzichtet daher auf die Nennung der Namen der beschuldigten Vorgesetzten, der zuständigen Bürgermeister und Frauenbeauftragten und der konkreten Ortsbezeichnungen, die ihr sämtlich bekannt sind. Die FR schildert die Fälle, obwohl kein Strafverfahren ansteht. Denn es ist absolut typisch, dass sexuelle Belästigung strafrechtlich nicht verfolgt wird, weil sich die mutmaßlichen Opfer aus Scham und Angst, ihre Situation noch zu verschlechtern, bedeckt halten.
Beschwerden zwecklos
Die Opfer sollten nicht umsonst unter ihm leiden, berichtet die Ex-Bedienstete. Der Mann habe seine Vorzimmerdamen stets mit neuster Bürotechnik ausgestattet und spontan mit Kompetenzen versehen. So sei eine Bürokraft von einem Tag auf den anderen zur Pressesprecherin erkoren worden. Unbedarft hätten sich die jungen Frauen in Abhängigkeit begeben, so der Eindruck der Ex-Bediensteten: "Bewogen hat sie der Glaube, in einem von Willkür geprägten Arbeitsumfeld beschützt zu sein."
Schon bald indes sei das Protegieren in Schikanieren umgeschlagen. Immer dann, wenn sich die jungen Verwaltungsangestellten gewehrt hätten, habe der Vorgesetzte das Versetzungskarussell in Gang gesetzt. Missliebige Mitarbeiter hätten schon mal ausgeschnittene Stellenanzeigen in ihrem Rathaus-Postfach gefunden. Wer es nicht mehr ausgehalten habe, sei gegangen. Vor einigen Jahren schon habe eine scheidende Sekretärin "unter Tränen" dem Bürgermeister ihr Leid geklagt, sagt die Ex-Bedienstete. Das System des Vorgesetzten funktionierte weiter: "Er hat einfach nie Paroli bekommen." Dem hohen Beamten sei es egal gewesen, wer "unter ihm" Bürgermeister war.
Bis zu dem Tag, als ihm der Bürgermeister "aus zwingenden dienstlichen Gründen" verbot, seine Geschäfte weiterzuführen. Über die Gründe schweigt der Rathauschef öffentlich "aus Fürsorgepflicht". Die Staatsanwaltschaft ließ das Dienstzimmer des Beurlaubten untersuchen - Verdacht auf Vorteilsannahme.
Während die Ermittler nach Beweisen für Bestechlichkeit forschen, fragen sich viele im Rathaus skeptisch, ob der Mann sich jemals wegen der Hinweise auf sexuelle Belästigung verantworten muss. Keines der Opfer hat ihn bislang angezeigt. Sie haben offenbar wenig Zutrauen, dass etwas dabei herauskommt. Immerhin ist der kleine Tyrann erstmal weg. Der Bürgermeister will bald wiedergewählt werden, außerdem sucht seine Partei, die CDU, einen Landratskandidaten.
Für Beate Weißmann von der Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Frauenbüros sind Umstände wie in dem Taunusstädtchen so schockierend wie wenig überraschend. "Die Angst der betroffenen Frauen, sich zu wehren, ist sehr nachvollziehbar. Besonders in kleineren Verwaltungen, wo jeder jeden kennt", weiß sie aus Erfahrung. Häufig seien Schuld- und Schamgefühle noch stärker als Leidensdruck. Typischerweise scheuten die Opfer davor zurück, Strafanzeige zu stellen.
Oftmals seien sie nach ihren leidvollen Erlebnissen psychisch nicht in der Lage, den Kraft zehrenden Rechtsweg zu gehen. Und sie hätten wenig Vertrauen, dass die Betriebskultur sich zum Guten wendet. Nicht ganz unbegründet, wie Weißmann meint: "Die komplizierteste Konstellation ist, wenn die diskriminierenden Männer in Machtpositionen stehen."
Noch verzwickter stellt sich die Lage dar, wenn sie Posten innehaben, von denen Politiker abhängig sind. Bürgermeister sind nur für einige Jahre vom Volk gewählt, während Beamte auf Lebenszeit nicht mehr um Einfluss und Status kämpfen müssen. Der Gewählte wird sich den Verwaltungsmächtigen nicht zum Feind machen. Probleme werden da schon mal eher verdrängt als angegangen. Das bestätigt auch die Erfahrung der Frauenbüros.
Vorwürfe ignoriert
Im Taunus findet sich für dieses Muster noch ein Beispiel. Aus einem weiteren Rathaus dringt Unmut. Wieder betrifft es einen Vorgesetzten mit Personalverantwortung. Er belästige Erzieherinnen, heißt es in einem anonymen Brief an Gemeindevorstand und Frankfurter Rundschau (FR). Auch dieser Beschuldigte will sich auf FR-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.
Der zuständige Bürgermeister steht nach langjähriger Tätigkeit kurz vor dem Ruhestand und bleibt reserviert: "Dazu sage ich nichts." Anonyme Briefe gehören nach seiner Auffassung "ignoriert". So auch der sieben Jahre alte Vermerk aus einer Personalakte, den der unbekannte Briefschreiber in Kopie verschickt hat. Demnach soll der verdächtigte Vorgesetzte schon bei seiner vorigen Dienststelle in einem nahe gelegenen Ort vier Frauen sexuell belästigt haben. Das Papier protokolliert die Korrespondenz zwischen den für die Bediensteten zuständigen Frauenbeauftragten beider Kommunen.
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