Kopenhagen. "Völlig irrsinnig", "zutiefst peinlich", ein "Ausverkauf der Meinungsfreiheit" und ein "Kniefall" vor dem Islam: Nachdem die dänische Zeitung Politiken am Freitag für die "Kränkung" um Entschuldigung gebeten hat, die sie mit dem Nachdruck der berühmt-berüchtigten Mohammed-Karikatur den "Muslimen in Dänemark und anderen Teilen der Welt" zugefügt hat, hagelt beißende Kritik auf die linksliberale Zeitung und Chefredakteur Tøger Seidenfaden nieder.
Wer den Text des "Vergleichs" zwischen Politiken und einem saudi-arabischen Anwalt allerdings studiert, findet deutliche Parallelen zu den beschwichtigenden Worten, wie sie auf dem Höhepunkt der Karikaturenkrise selbst Hardliner wie der damalige Premier Anders Fogh Rasmussen und die Zeitung Jyllands-Posten fanden. Beide bedauerten damals in entsprechenden Erklärungen, dass sich Muslime durch die Karikaturen gekränkt fühlten. Jyllands-Posten hatte im Herbst 2005 durch den Abdruck von zwölf Mohammed-Zeichnungen den Konflikt ausgelöst.
Politiken zählte schon damals zu den schärfsten Kritikern der "Provokation". Besonders umstritten war die Karikatur des Zeichners Kurt Westergaard, der Mohammed mit einer Bombe im Turban abbildete. Als die Polizei vor zwei Jahren ein Mordkomplott gegen Westergaard aufdeckte, druckten elf dänische Zeitungen, unter ihnen Politiken, seine Zeichnung erneut. Politiken hält daran fest, dass dies nur dazu diente, den Bericht über die Attentatspläne zu veranschaulichen, erkennt aber an, dass sich Muslime dadurch gekränkt fühlten. Dies beklage man und bitte dafür um Entschuldigung, heißt es in der am Freitag veröffentlichten Erklärung.
Der saud-iarabische Anwalt Faisal Yamani hatte die Entschuldigung im Namen von acht Organisationen gefordert, die angeben, "94 923 Nachkommen des Propheten Mohammed" zu vertreten. Andernfalls drohte er den elf Zeitungen Prozesse an. Politiken bedauert nicht den Abdruck der Karikatur selbst, sondern nur die dadurch ausgelöste Kränkung und verzichtet nicht auf das Recht, die Zeichnung bei Bedarf wieder zu bringen - das hatte Yamani ursprünglich gefordert. Seidenfaden sagt, der Vergleich könne zur Entspannung zwischen Dänemark und der islamischen Welt beitragen.
Zeichner ist enttäuscht
Seine Kollegen sehen das ganz anders. Politiken gehe "viel weiter als wir träumen könnten", meint Jyllands-Postens Chefredakteur Jørn Mikkelsen. "Politiken entschuldigt sich vor Moslems aus aller Welt für eine Zeichnung, die man zu drucken berechtigt war", sagt Lisbeth Knudsen, Chefin von Berlingske Tidende. Zeichner Westergaard wirft Politiken vor, die Meinungsfreiheit aufzugeben.
Noch viel härter ist die Tonlage der Politiker aus allen Lagern. Die sozialdemokratische Parteichefin Helle Thorning-Schmidt nennt die Entschuldigung "wahnsinnig". "Über Meinungsfreiheit kann man nicht verhandeln", ergänzt der Sozialist Willy Søvndal. Die Chefin der islamfeindlichen Dänischen Volkspartei sagt, ihr fehlten die Worte. "Tief, tief peinlich" sei diese Unterwerfung. Sie fordert daher die übrigen Zeitungen auf, die Karikaturen demonstrativ erneut abzudrucken - wozu allerdings keiner Lust hat.
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