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04. Mai 2014

Montagsdemos: Der rechte Weg zum Frieden

 Von 
Montagsdemo, hier in Berlin.  Foto: imago/IPON

Die Ukraine-Krise ist Anlass einer neuen Protestbewegung. Die Versammelten befürchten die Eskalation und sind überzeugt, dass die Nato den Konflikt mit Russland gezielt schürt und die Massenmedien nicht ehrlich informieren.

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Der junge Mann reckt eine Brosche in die Höhe. Diesen Nato-Orden, sagt er, habe er für seine Einsätze in Bosnien und Afghanistan erhalten. Soldat sei er gewesen, und er habe geglaubt, für Frieden und Freiheit zu kämpfen. Irgendwann habe er gemerkt: „Das ist eine verdammte Lüge.“

Die 150 Menschen, die sich an der Frankfurter Hauptwache versammelt haben, jubeln. Ihr Applaus wird stärker, als der junge Mann fortfährt. Krieg wollten nur einige wenige „Globalisten“ auf der Welt, sagt er, „die, die daran verdienen“. Die Ukraine solle davon ablenken, dass das Geldsystem, das nur dieser „bestimmten, kleinen Gruppe“ diene, zusammenbreche. Später wird der Mann zu einem Mitstreiter sagen, die Gruppe sei „okkult, sehr böse“ und ihre Mitglieder kämen aus Kreisen „weit über die Rothschilds hinaus“.

Reden wie diese werden seit einigen Wochen bundesweit geschwungen, auf öffentlichen Plätzen und von Demonstranten, die oft nur mit einem billigen Mikrofon ausgerüstet sind. Seit Mitte März hat sich über die sozialen Medien eine neue Protestbewegung gebildet, die ihre Treffen mal „Mahnwachen für den Frieden“, mal „Montagsdemos“ nennt – bewusst in Tradition der Vorwende-Demos in der DDR.

Erstmals hat die Initiative sich Mitte März in Berlin am Brandenburger Tor getroffen, inzwischen gibt es sie jeden Montag von Frankfurt bis München, von Hamburg bis Neubrandenburg. Es ist eine heterogene Bewegung, die Friedensbewegte und Gewerkschafter ebenso anzieht wie Genfood-Kritiker und Esoteriker.

In aller Diversität eint die Versammelten vor allem ein diffuses Unbehagen: Sie haben Angst, dass die Krise in der Ukraine eskalieren könnte, sie sind überzeugt, dass die Nato den aktuellen Konflikt mit Russland gezielt schürt – und sie glauben, von den Massenmedien nicht ehrlich informiert und von den Parteien nicht vertreten zu werden.

Bei aller spontanen Dynamik kann man durchaus Einzelne ausmachen, die diese „Montagsdemos“ prägen. Da ist etwa Lars Mährholz, Organisator der ersten Kundgebung, der in Berlin jeden Montag als Moderator auftritt. Der 34-Jährige betont, die Versammlungen seien für alle Menschen offen, die für Frieden einträten, die Einteilung in linke und rechte Positionen halte er für überholt. In einem Interview sagte er zum Hauptthema der Bewegung, die Ursache aller Kriege liege letztlich darin, dass die US-Notenbank „seit über 100 Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht“. Kriege würden seitdem von den USA initiiert, „um die Währung zu stabilisieren“.

Auch Neonazis laufen mit

Derartige Aussagen, in weiten Teilen der Bewegung konsensfähig, hört man auch von Ken Jebsen, einem weiteren Gesicht der Montagsdemos. Der Journalist, früher für den Rundfunk Berlin-Brandenburg tätig, schreibt auf seinem Webportal „KenFM“, es sei die Schuld eines „nahezu vollständig gleichgeschalteten Medienapparates“, dass die Eskalation in der Ukraine Russland und nicht der Nato angelastet werde. Solche Medienschelte hört man von Jebsen schon länger: In einem Hörstück mit dem Titel „Zionistischer Rassismus“ behauptete er 2012, die Außenpolitik der USA werde von Menschen gesteuert, „die an den entscheidenden Stellen Meinung manipulieren können“, allen voran „radikale Zionisten mit US-Pass, deren Hobby Israel ist und deren Lieblingssport im Schlachten von Arabern besteht“.

Weil derartigen Parolen kaum widersprochen und Jebsen auf den Mahnwachen bejubelt wird, hat etwa die Frankfurter Stadtverordnete Jutta Ditfurth der Protestbewegung Verschwörungsdenken und Antisemitismus vorgeworfen. Der Journalist Jürgen Elsässer, früher Autor für linke Blätter wie „Konkret“ und mit seinem neuen Magazin „Compact“ schon länger auf rechtspopulistischem Kurs, nannte Ditfurth auf der Berliner Mahnwache am Ostermontag unter Beifall „Jutta von Münchhausen“. Das Hauptproblem heute, so Elsässer, sei „die internationale Finanzoligarchie“, zu der „die Herren Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski“ gehörten. „Und warum soll es Antisemitismus sein, wenn man darüber spricht, wie diese winzig kleine Schicht von Geldaristokraten die Federal Reserve benutzt, um die ganze Welt ins Chaos zu stürzen?“

Es gibt auf den „Montagsdemo“ auch vorsichtigere Töne zu hören. Noch ist offen, in welche Richtung die Bewegung sich entwickelt. Dass es allerdings ein Problem mit der Abgrenzung zur extremen Rechten gibt, lässt sich daran ablesen, dass auch Neonazis wie der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke an den Kundgebungen teilgenommen haben.

In Frankfurt tauchte am vergangenen Montag Sigrid Schüßler bei der Mahnwache auf, Ex-Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ in der NPD. Nachdem Fotos von ihrer Anwesenheit die Runde machten, fand die Rechtsradikale auf der Facebook-Seite der Kundgebung Zuspruch: „Wer übergeordnet für den Frieden ist, ist willkommen“, schrieb ein Aktivist, ein anderer ergänzte, „dieses Rechts-Links-Denken“ werde genutzt, um die Bürger zu spalten, Friede schaffen könne man „nur zusammen“.

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Bei der Online-Debatte zeigte sich auch, dass es mit der Friedfertigkeit der Bewegung – die bei den Kundgebungen mit vielen Seifenblasen zelebriert wird – nicht immer weit her ist: Ein Aktivist polterte, man solle sich mit dieser „Scheiße“ gar nicht befassen. Die Fotos von Schüßler kämen schließlich von einer „Journalistenkackbratze“.

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