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Mordfall Politkowskaja: "Irgendjemanden hinter Gitter bringen"

Es ist einer der umstrittensten Strafprozesse Russlands: Der Mordfall Politkowskaja wird neu verhandelt. Die Revision ist politisch motiviert, meint der Chefredakteur der Nowaja Gaseta, für die Politkowskaja schrieb. Von Stefan Scholl

Ein Polizist gestikuliert im Treppenhaus des Wohnhauses von Anna Politkowskaja. Hier  wurde die regimekritische Journalistin 2006 ermordet.
Ein Polizist gestikuliert im Treppenhaus des Wohnhauses von Anna Politkowskaja. Hier wurde die regimekritische Journalistin 2006 ermordet.
Foto: dpa

Einer der umstrittensten Strafprozesse Russlands geht in die 2. Runde. Am Mittwoch beginnt in Moskau das Revisionsverfahren im Mordfall der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Ein zwölfköpfiges Geschworenengericht soll erneut über Schuld oder Unschuld der vier Angeklagten befinden, die im Januar von einer anderen Geschworenenjury aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden waren. Das Oberste Gericht Russlands hatte den Freispruch Ende Juni auf Antrag der Staatsanwaltschaft kassiert.

Die Anklage legt den tschetschenischen Brüdern Dschabrail und Ibrahim Machmudow sowie dem ehemaligen russischen Polizeihauptmann Sergej Chadschikurbanow erneut zur Last, Beihilfe bei der Ermordung Anna Politkowskajas im Oktober 2006 geleistet zu haben. Pawel Rjagusow, ein Oberstleutnant des Staatssicherheitsdienstes FSB, muss sich gemeinsam mit Chadschikurbanow in einem angehängten Entführungsfall verantworten.

Die Tat

Am 7. Oktober 2006 gegen 16 Uhr lauert ein unbekannter Mann Anna Politkowskaja im Treppenaufgang ihres Wohnhauses in der Moskauer Lesnaja-Straße auf.

Er tötet die 48-jährige Journalistin mit mehreren Schüssen, unter anderem in Kopf und Brust. Der Täter nutzt eine Pistole mit Schalldämpfer der Marke "Makarow". Eine Stunde später findet eine Nachbarin die Leiche Politkowskajas.

Der Mörder wird von der Überwachungskamera gefilmt wie er wenige Minuten vor der Journalistin das Haus betritt und es kurz nach ihrer Ankunft eilig verlässt.

"Die Staatsanwaltschaft hat keine Beweise, ihre einzige Chance sind Geschworene, die sich beeinflussen lassen", sagt Murad Musajew, der Anwalt der Angeklagten, gegenüber unserer Zeitung. Seine Befürchtung, dass die Geschworenen dementsprechend ausgewählt worden sind, wird auch von anderen geteilt. "Der neue Prozess ist eher politisch als juristisch motiviert", erklärt Sergej Sokolow, der Chefredakteur der Nowaja Gaseta, für die Anna Politkowskaja gearbeitet hatte. "Den Behörden geht es darum, überhaupt irgendjemand hinter Gitter zu bringen."

Nebenfiguren wird der Prozess gemacht

Zwar glaubt Sokolow, die Angeklagten hätten Anna Politkowskaja vor ihrer Ermordung wochenlang beschattet. Aber laut Sokolow passiere es in Russland oft, dass Nebenfiguren der Prozess gemacht werde, um von den Hauptschuldigen abzulenken. Anna Politkowskaja hatte seit Beginn des 2. Tschetschenienkrieges 1999 immer wieder über Brutalitäten und Verbrechen russischer Sicherheitskräfte und ihrer tschetschenischen Verbündeten berichtet, sie beschuldigte auch den amtierenden tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und den FSB grausamer Gewalttaten.

Nach der Version der Staatsanwaltschaft spionierten die beiden jungen Machmudows das Mordopfer aus, dirigierten zur Tatzeit den eigentlichen Killer, ihren älteren Bruder Rustam, in Politkowskajas Treppenhaus. Er soll das Opfer mit einer schallgedämpften Gaspistole erschossen haben. Allerdings erwiesen sich im ersten Prozess die Mobilfunkprotokolle, die das belegen sollten, als getürkt. Und die Körpermaße Rustam Machmudows passten nicht zu denen des von einer Überwachungskamera gefilmten mutmaßlichen Mörders.

Außerdem entdeckten Journalisten der Nowaja Gaseta bei eigenen Recherchen, dass Anna Politkowskaja in den Tagen vor ihrem Tod mit allergrößter Wahrscheinlichkeit von mehreren operativen Gruppen beschattet wurde. "Es gibt Videoaufnahmen, die die Gesichter dieser Leute zeigen", sagt Verteidiger Musajew. "Ob das nun aktive oder ehemalige Geheimdienstler gewesen sind, wozu hätten sie die Dienste von zwei jungen Tschetschenen gebraucht, von denen einer kaum Russisch spricht und Moskau absolut nicht kennt?"

Die Nowaja Gaseta formuliert ähnliche Fragen: "Organisiert der FSB seine Arbeit mit Agenten aus dem kriminellen Milieu so, dass diese vor der Nase ihrer Kuratoren Auftragsmorde erledigen können?" Es ist zu bezweifeln, ob der neue Prozess auf solche Fragen Antwort geben wird.

Autor:  Stefan Scholl
Datum:  4 | 8 | 2009
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