Sie wurde zur "Märtyrerin des Hedschab" (des islamischen Schleiers), von den ägyptischen Medien zur Heldin erhoben. Seit fast zwei Wochen beherrschen Wut, Verzweiflung und Empörung über den Mord an der schwangeren ägyptischen Mutter Marwa El-Sherbini in Dresden die Gemüter am Nil, die staatlichen und oppositionellen Medien ebenso, wie die Blogszene des Landes.
Die Entschuldigung Angela Merkels für die Tat, die sich am 1. Juli vor dem Dresdner Landgericht ereignete, Beschwichtigungsversuche deutscher Politiker und Diplomaten vermochten bisher nicht den Zorn der Ägypter zu stillen.
Es sind die nackten Fakten, die schockieren, doch mindestens ebenso die als zögerlich und damit als rassistisch empfundenen Reaktionen von Politik und Medien. "Wir sind alle Geschöpfe des selben Gottes. Unser Blut ist nicht weniger wert", lautet eine typische Reaktion vieler. Eine gläubige Muslimin sei innerhalb eines europäischen Gerichtssaals offensichtlich aus keinem anderen Grund getötet worden als dem, dass sie ein islamisches Kopftuch trug - und das von dem selben Mann, den sie vor Gericht wegen rassistischer Beleidigung zur Verantwortung zu ziehen suchte.
Es ist die Tatsache, dass der Mörder 18 Mal zustechen konnte und niemand ihn stoppte, dass anschließend ein Polizist den zu Hilfe eilenden Ehemann des Opfers mit seiner Pistole schwer verletzte, die in den Augen vieler Ägypter die deutsche Öffentlichkeit, ja den Staat, mitverantwortlich macht. Düstere Theorien über Verschwörungen in Deutschland gegen Muslime werden gesponnen. Sie fanden noch mehr Nahrung durch die tagelang ausgebliebenen Reaktionen von deutschen Politikern und Medien.
Die Tragödie von Dresden nährt in Ägypten und in anderen Teilen der islamischen Welt das stetig wachsende Gefühl, Opfer einer fatalen Doppelmoral des Westens zu sein. Ägyptische Medien erinnern an die große Aufregung in Europa über den Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo Van Gogh durch einen muslimischen Extremisten, während die Tat von Dresden tagelang in Deutschland kaum Aufmerksamkeit erregte.
Dabei, so bemerkt man am Nil, hatte Van Gogh immerhin einen anti-islamischen Film gedreht, während Marwa niemanden beleidigt, keinerlei Vergehen begangen hätte. Oder: Wäre das Opfer eine Jüdin gewesen, hätte es einen Aufschrei gegeben, so die Zeitung Al Shorouk. Seit Tagen analysieren die Medien die vermeintliche und bedrohlich wachsende Islamophobie des Westens. Dabei ist nur wenigen bewusst, dass heute allein in Deutschland knapp 3,5 Millionen Muslime leben, ihre Religion frei ausüben dürfen und dass es in größeren Städten Moscheen gibt.
Im ägyptischen Fernsehen stammelte die tief erschütterte Mutter, Marwa habe den Preis dafür gezahlt, dass sie stolze Muslimin sei. Sie, eine gelernte Pharmazeutin, habe Probleme gehabt, eine Arbeit zu finden, weil sie das Kopftuch trug. Marwas Bruder kündigte an, den Mord an seiner Schwester rächen zu wollen.
Mehr und mehr wird der Fall von verschiedenen Gruppierung als politische und religiöse Waffe instrumentalisiert. Dagegen richtete Marwas Vater, Ali El-Sherbini, einen dringlichen Appell an die islamische Welt und den Westen, Bemühungen zum Dialog zu verstärken. Der Tod seiner Tochter "darf nicht vergeblich gewesen sein".
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