Grünen-Chefin Claudia Roth hatte den Termin in Stuttgart schon im Kalender gebucht, als keiner die Katastrophe in Japan auch nur erahnen konnte. Jetzt erzählt sie, wie an diesem Samstagmorgen Bilder vor ihrem geistigen Auge auftauchten: Tschernobyl, Brokdorf, Wackersdorf, Harrisburg. Äußerungen wie die von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), die deutschen Atomkraftwerke seien sicher, hält Roth für „nicht nachvollziehbar, ja fast zynisch“. Das Thema würde auf keinen Fall für die derzeitigen Wahlkämpfe ausgeschlachtet. Aber die Debatte darüber, was Fortschritt, was Grenzsetzungen seien, müsse endlich stattfinden. Seit 30 Jahren würden die Grünen der Panikmache bezichtigt. Roth fragt: „Was muss noch passieren?“
Sie spricht für viele. Etwa 60 000 Menschen, erheblich mehr als von den Organisatoren Bund, Greenpeace, Robin Wood oder Campac erwartet, bildeten in Baden-Württemberg eine Menschenkette gegen Atomkraft. Um 13.30 Uhr stand das 45 Kilometer lange Band, an manchen Orten dreireihig, von Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) bis zum Regierungssitz in Stuttgart. Auf dem Schlossplatz hakten sich auch jene unter, die am 27. März 2011, dem Tag der Landtagswahl in Baden-Württemberg, die Macht überrnehmen wollen: Winfried Kretschmann von den Grünen und Nils Schmid von der SPD, auch die Grünen-Parteichefs Cem Özdemir und Claudia Roth.
Mit hunderten Bussen und Sonderzügen sind Tausende Menschen nach Stuttgart gekommen, die gelb-roten Flaggen der Anti-Atom-Bewegung schwenkend. „Ned bloß schwätza – abschalta!“ plakatiert die Initiative „ausgestrahlt“. An deren Stand werden die Cappuccino-Schablonen mit der lachenden Sonne knapp.
Dass sich die drohende Kernschmelze eines japanischen Atommeilers auf den Wahlkampf im Südwesten auswirkt, glauben und hoffen viele. Offiziell sagt es kaum einer. Nur der frühere grüne Wirtschaftsstaatssekretär Rezzo Schlauch meint: „Das haut Mappus in die Knochen.“
Die fröhliche Anti-Atom-Party, die es ja auch hätte werden können, fiel nach den Ereignissen in Japan aus. Bei der Anti-Atom-Kundgebung wurde es politischer. DGB-Bezirkschef Nikolaus Landgraf rief „wütend auf die Verharmloser und Profiteure der Atomwirtschaft“ dazu auf, „Abschalten anzukreuzen“. Der Publizist Franz Alt ist überzeugt, die Energiepolitik werde „die Landtagswahl entscheiden“. Nach dem Atomausstiegsgesetz wäre das EnBW-Atomkraftwerk Neckarwestheim I längst vom Netz. Dessen „Abschalten“ versprechen Rot und Grün bei einem Wahlsieg.
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