EU-Energiekommissar Oettinger bittet Vertreter der Atom-Branche nach Brüssel. In einer Krisensitzung soll über Konsequenzen aus dem Atomunfall in Japan beraten werden. Wien fordert sogar einen „Stresstests“ für AKWs.
Energie-Kommissar Oettinger bestellt die Atomlobby nach Brüssel.
Foto: dapd
Energie-Kommissar Oettinger bestellt die Atomlobby nach Brüssel.
Foto: dapd
Europa ist zwar geografisch weit von Japan entfernt; das Thema Atom ist hier jedoch zur Zeit (wieder) so hoffähig, dass Reaktionen auf die Katastrophe im fernen Asien geradezu zwingend sind.
Als einer der ersten meldete sich EU-Energiekommissar Günther Oettinger zu Wort. In den nächsten Tagen wolle er Vertreter der nationalen Atomaufsichtsbehörden sowie von Herstellern und Betreibern von Atomkraftwerken in Brüssel treffen. Die Europäische Kommission, die in Sachen Energie lediglich eine koordinierende Funktion innehat, will bei der Krisensitzung die Folgen aus den Störfällen in Japan erörtern und über „Lehren“ beraten. „Wenn erforderlich, werden Vorsorgemaßnahmen ergriffen, um der Lage in Europa Rechnung zu tragen“, ließ Oettinger mitteilen.
Bereits am Wochenende wurde von Brüssel aus das europäische Frühwarnsystem ECURIE aktiviert; dieses Gremium wird üblicherweise zusammen getrommelt, wenn es in europäischen AKWs zu Störfällen kommt. Man stehe auch in Kontakt zu den japanischen Behörden sowie zur Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA, hieß es in der Kommission.
EU-weit sieht sich die Atomlobby, nicht erst seit der Aufkündigung des deutschen Ausstiegsbeschlusses durch Schwarz-Gelb, auf dem Vormarsch. Frankreich setzt seit Jahrzehnten traditionell vor allem auf die Nuklearenergie, Finnland und Schweden wieder zunehmend, Großbritannien hat kürzlich den Bau mehrerer neuer Meiler beschlossen, Tschechien und die Slowakei haben ebenfalls ambitionierte Pläne.
Menschenkette gegen Atomkraft
Bildergalerie ( 17 Bilder )
Menschenkette gegen Atomkraft
Laut Veranstalter überstieg die Zahl der Teilnehmer alle Erwartungen: 60.000 kamen zur Menschenkette zwischen Stuttgart und Neckarwestheim.
Foto: dpa
Mit dabei: Cem Özdem Özdemir (l) und Claudia Roth (2.v.l) von der Partei Bündnis 90/Die Grünen auf dem Schlossplatz in Stuttgart.
Foto: dpa
Die Grünen setzen sich seit ihren ersten Tagen für den Atomausstieg ein.
Foto: dpa
Seite an Seite demonstrieren hier Winfried Kretschmann, grüner Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, und der Spitzenkandidat der SPD, Nils Schmid.
Foto: dpa
Es folgen weitere Bilder von der Menschenkette zwischen Neckarwestheim und Stuttgart.
Foto: dpa
Zehntausende haben mit einer Menschenkette zwischen Neckarwestheim und Stuttgart für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert.
Foto:
dpa
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager
Bildergalerie ( 20 Bilder )
Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager
Steht am häufigsten still: Brunsbüttel - Das Kraftwerk hat wegen Störfällen die längsten Stillstandzeiten von allen Kraftwerken in Deutschland. 1978 entwich radioaktiver Dampf in die Atmosphäre. 2001 zerstörte eine Knallgas-Explosion ein Rohr in der Nähe des Reaktordruckbehälters. Ein Sicherheitsventil verhindert einen schweren Zwischenfall. Geplant war die Stilllegung für 2012 - nun darf es bis etwa 2020 weiterbetrieben werden. Pro Jahr werden hier 12 Störfälle gemeldet. Die Regierung beschließt im Zuge der Reaktorkatastrophe, dass Brunsbüttel zusammen mit sechs weiteren AKWs vorläufig vom Netz zugenommen werden soll. Dazu gehören die AKWs Neckarwestheim I, Isar I, Philippsburg I, Unterweser, Grafenrheinfeld und Krümmel.
Foto: dpa
Musterschüler: Trotz Massendemonstrationen in den siebziger und achtziger Jahren kann das AKW Brokdorf heute als Vorbild für deutsche Atommeilern gelten. Schwerere Störfälle wurden nicht bekannt. Seit 1986 in Betrieb, durfte der Meiler ursprünglich bis 2019 am Netz bleiben. Nun arbeitet Brokdorf bis 2033 - trotz der fast neun Störfälle pro Jahr.
Foto: dpa
Diskussion über Leukämieerkrankungen: Das AKW Krümmel, fünfzig Kilometer von Hamburg entfernt, hat eine lange Historie schwerer Störungen. 1987 werden nach Knallgasexplosionen Beschädigungen an wichtigen Sicherheitsventilen festgestellt. 1989 beginnt die Diskussion um Häufung von Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Kraftwerks. 1993 wird Krümmel für mehr als ein Jahr abgeschaltet, nachdem Risse in sicherheitsrelevanten Anlageteilen entdeckt wurden. 2007 brennt eine Trafostation. Die Laufzeit sollte ursprünglich 2019 enden - nun bleibt es bis 2033 am Netz. Pro Jahr werden mehr als elf Störfälle gemeldet.
Foto: dpa
Kandidat für die Stilllegung: Das niedersächsische Atomkraftwerk Unterweser, Baujahr 1978, sollte 2012 vom Netz gehen. Nun bleibt es bis 2020 aktiv. Ein schwerer Störfall ereignete sich 1998, als der Reaktor nach einer Reparatur mit gesperrten Sicherheitsventilen an einer Hauptdampfleitung in Betrieb ging. Pro Jahr werden 10,5 Störfälle gemeldet.
Foto: dpa
1988 erbaut, sollte das AKW Emsland noch bis 2020 laufen. Nun soll es bis 2034 Strom liefern. Bislang sind keine ernsthaften Störfälle bekannt geworden.
Foto: dpa
AKW Grohnde - Nur ein Jahr nach seiner Inbetriebnahme stellte sich 1985 bei einer Revision heraus, dass das Notkühlsystem des AKWs Grohnde nicht einsatzfähig war, weil eine der vier Pumpen Gas statt Wasser enthielt. Trotzdem sollte es bis 2018 laufen - nun sogar bis 2032.
Foto: dpa
Streitfall Biblis A: Der hessische Meiler, der seit 1974 in Betrieb ist, sollte 2010 stillgelegt werden. Doch Schwarz-Gelb verlängerte die Laufzeit bis etwa 2018. Das Problem hier: Einen Schutz vor Kleinflugzeug-Abstürzen gibt es nicht.
Foto: Foto: dpa
Laufzeit bis 2013: Biblis B - Auch der zweite hessische Meiler, seit 1976 in Betrieb, sollte 2010 vom Netz gehen. Doch auch hier wurde die Laufzeit bis 2018 verlängert. Die Reststromübertragung macht eine Laufzeit bis 2013 wahrscheinlich. 1995 trat radioaktiver Wasserdampf durch einen Riss aus; 1997 fielen zwei der vier Nebenkühlwasserpumpen aus.
Foto: ddp
Eines von fünf bayrischen Atomkraftwerken: Grafenrheinfeld ist bislang störungsfrei geblieben. Die rechnerische Laufzeit endet im Jahr 2014. Nun allerdings bleibt es bis etwa 2028 am Netz - trotz des Verdachts auf einen Riss nahe des Reaktorkerns.
Foto: ddp
Das AKW Philippsburg sollte bis 2012 (Philippsburg I) bzw. 2014 (Philippsburg II) Strom liefern. Nun wurde die Laufzeit bis 2020 (I) und 2032 (II) verlängert. Seit 1979/1981 sind die Reaktoren I und II in Betrieb. 1981 kam es in Philippsburg I zu einem mehr als einjährigen Stillstand wegen des Austauschs mangelhafter Rohrleitungen. 2002 und 2004 wurde radioaktiv verseuchtes Wasser freigesetzt. Als Konsequenz aus der Reaktorkatastrophe in Japan wurde das AKW Philippsburg I am 17.3.2011vorläufig abgeschaltet.
Foto: ddp
Auslaufmodell Neckarwestheim I? Rechnerisch sollte der Meiler 2009 vom Netz gehen. Mit dem Mittel der Reststromübertragung konnte Neckarwestheim I noch bis zum Herbst 2010 weiterbetrieben werden. Dann sollte das AKW bis 2018 weiter laufen - trotz Erdbebengefahr und mehr als elf Störfällen pro Jahr. Jetzt hat das Moratorium den Spuk beendet. Das AKW wurde ebenfalls vorläufig vom Netz genommen.
Foto: ddp
Stuttgarter Stromlieferant: Im Jahr 1988 erbaut, sollte Neckarwestheim II bis 2021 Strom produzieren - nun wird es erst 2036 vom Netz gehen. 2004 kam es zu einem Störfall, als eine geringe Menge Radioaktivität in den Neckar gelangte. Heilbronn liegt zehn, Stuttgart 25 Kilometer vom AKW entfernt.
Foto: ddp
Erhöhtes Krebsrisiko: Die Atomkraftwerke Gundremmingen B und C aus den Jahren 1984/85sollten 2016 bzw. 2017 vom Netz genommen werden. Nun bleiben sie bis 2030 am Netz. Ernsthafte Störfälle sind bislang nicht bekannt geworden. In einem Umkreis von 15 Kilometern um das Kraftwerk lässt sich allerdings ein erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen bei Kindern feststellen.
Foto: dpa
Die Stilllegung von Isar I war für 2011, nun für 2019 geplant: Zehn Kilometer von Landshut und siebzig von München entfernt liegt das Kraftwerk Isar I und II. Während Isar II störungsfrei blieb, ist Isar I ein Sorgenkind: 1981 wurde der Meiler ein Jahr wegen Austauschs mangelhafter Rohrleitungen stillgelegt; 1988 beschädigten Knallgasexplosionen wichtige Ventile; 1991 erfolgt die Schnellabschaltung nach dem Ausfall von vier Umwälzpumpen. Isar 2 sollte 2020 stillgelegt werden - nun läuft es weiter bis 2034.
Foto: ddp
Endlagerfrage: Wohin mit dem ganzen Atommüll? - Wenn sich die Bundesregierung auf ein oder mehrere Atom-Endlager einigen kann, besteht immer noch das Transportproblem für den strahlenden Müll. Anders als derzeit üblich per Castortransport ist diese logistische Leistung wohl nicht denkbar.
Foto: dpa
Endlager von 2014 an: Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2014 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.
Foto: dpa
Stillgelegt: Morsleben, in Sachsen-Anhalt liegend, war von 1981 bis 1998 als "Endlager" für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Im Zuge der derzeitigen Stilllegung werden rund vier Millionen Kubikmeter Salzbeton über Rohrleitungen in das Lager gepumpt.
Foto: ddp
Wird als Endlager geprüft: Gorleben - Der niedersächsische Salzstock wird derzeit für den Zweck der Endlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen, also abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken und Rückständen aus der Wiederaufarbeitung, untersucht. Frühestens 2035 soll der Betrieb aufgenommen werden.
Foto: dpa
Wie Endlagerung scheitern kann: Asse II - Die Schachtanlage bei Wolfenbüttel ist als Atommüll-Endlager völlig ungeeignet: Grundwasser läuft ein, radioaktive Behälter schlagen leck, eine Evakuierung ist erforderlich. Die Behörden versuchen derzeit, eine Kontamination des Lebensraumes um Asse II zu verhindern.
Atomkraft trägt rund ein Viertel zum Energiebedarf in Deutschland bei. Doch der radioaktive Abfall muss irgendwo untergebracht werden. FR-online zeigt die Meiler und Endlager in Deutschland, welche Störfälle es gab und wo endgelagert werden soll. Hier ein Castorbehälter, mit einer Wärmekamera fotografiert.
Foto:
dpa
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Aus Frankreich kamen unterschiedliche Signale. Die Bürger könnten sicher sein, „dass wir in der Lage sind, das französische Territorium zu überwachen“, verkündete die Chefin der Strahlenschutzbehörde IRSN, Agnès Buzyn. Sämtliche Daten würden sofort online gestellt; „wir handeln in voller Transparenz.“
Industrieminister Eric Besson erklärte am Sonntag morgen, nach seinen Erkenntnissen hätten die japanischen Behörden das Risiko einer nuklearen Katastrophe „zur Zeit“ im Griff. Er wolle „nichts verharmlosen“, versicherte der konservative Politiker, „wenn die Lage sehr beunruhigend wäre, würde ich dies ebenso klar aussprechen.“
Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN erklärte vorsorglich, der Unfall in Japan sei mit dem Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 nicht vergleichbar. Die Explosion in Fukushima 1 sei wahrscheinlich „chemischen Ursprungs“ und hänge mit dem Vorhandensein von Wasserstoff zusammen, sagte ASN-Generaldirektor Olivier Gupta der Nachrichtenagentur AFP.
Österreich produziert zwar selber keine Kernkraft; die Alpenrepublik importiert jedoch Atomstrom und hat ständigen Ärger mit den pannenanfälligen Meilern in seinen Nachbarländern Tschechien und Slowakei. Umweltminister Niki Berlakovich (ÖVP) verlangte denn auch am Sonntag prompt die Einführung von „Stresstests“ für europäische AKWs. Darauf werde er beim heutigen EU-Umweltministertreffen in Brüssel „mit Vehemenz drängen“, sagte der konservative Politiker im ORF. In Anlehnung an die Banken-Stresstests während der Finanzkrise solle die Sicherheit europäischer Kernkraftwerke, auch in Bezug auf mögliche Erdbeben, überprüft werden, regte Berlakovich an.