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Politik
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28. Februar 2011

Nach dem Rücktritt: Guttenberg und die Bild-Zeitung

 Von Ulrike Simon
Im Bunde: Karl-Theodor und Stephanie zu Guttenberg mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.  Foto: dpa

Während der Plagiatsaffäre stand die Bild-Zeitung Karl-Theodor zu Guttenberg treu zur Seite. Nicht jeder in der Redaktion ist glücklich darüber - doch am Ende entscheidet der Chef: Kai Diekmann.

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Doch, doch, Karl-Theodor zu Guttenberg war in der Bild-Zeitung auch schon „Verlierer des Tages“. Zweimal sogar. Es ist allerdings mehr als zwei Jahre her. Einmal war Guttenberg damit gescheitert, die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier als CSU-Spitzenkandidatin für die Europawahl durchzusetzen. Wenige Tage später musste er Peter Ramsauer den Vortritt als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl lassen. Der damals neue CSU-Generalsekretär zu Guttenberg habe „offenbar keinen guten Lauf“, so die Bild.

Heute ist es undenkbar, dass Bild den Verteidigungsminister in die Verlierer-Ecke stellt. Sie könnte ihn einen Lügen-Baron schimpfen, eine lange Nase ins Gesicht montieren oder wie Münchhausen auf einer Kanonenkugel reiten lassen – all das ließen sich Bild-Redakteure in vergleichbaren Situationen einfallen. Sie könnten sich als Anwalt des kleinen Mannes darüber empören, dass mit zweierlei Maß gemessen werde, und Menschen als Beispiele anführen, die wegen sehr viel geringeren Verstöße ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Stattdessen steht Bild treu an der Seite des Ministers. Sie glaubt ein Volk hinter sich, das einem schneidigen Adels-Nachfahren, der sich in die Niederungen der Politik begibt, womöglich mehr durchgehen lässt als anderen.

In alten Bild-Ausgaben kommt Guttenberg nur als einer der jüngsten oder modischsten Abgeordneten vor. Später finden sich Zitate, in denen Guttenberg ganz auf Bild-Linie liegt: „Unfassbar“, empörte er sich 2006 über Susanne Osthoff, die nach der Freilassung aus Geiselhaft erneut in den Irak einreisen wollte, was Bild verurteilte. „Schändlich“, schimpfte Guttenberg 2007 Äußerungen des vom Bild-Kolumnisten zum Feind mutierten Oscar Lafontaine.

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Die Guttenberg-Jubelarie in Bild aber begann erst, als der damals 37-Jährige Wirtschaftsminister war und als Senkrechtstarter im ZDF-Politbarometer „auf Anhieb auf Platz 3 der wichtigsten Politiker des Landes“ landete. Wer so beliebt ist, mit dem kann man Auflage – der muss ein Freund der Bild sein. „Bild meint: GUTtenberg!“, endete die Rubrik „Gewinner des Tages“. Guttenberg, der Top-Neueinsteiger in die Polit-Charts, von null auf drei vorgeprescht. Ein Star war geboren, der Pop war in die Politik eingezogen.

Viele Medien stürzten sich auf den schillernden Guttenberg, der sich abhebt im Bildmaterial graugesichtiger, ungelenker Männer, das Politik- und Wirtschaftsressorts täglich nach Attraktivem durchforsten. Aber kein Medium trieb es so weit wie Bild. Nach einer ersten vorsichtigen Frage „Ist Guttenberg ein „Mogel-Minister?“ positionierte sich Bild als Anwalt des Ministers, lenkt seither von jedem Makel ab, propagiert Stärken und Leistungen – und wimmelt Kritiker als Nörgler und Neider ab. Dass eine Online-Umfrage, die sich zu Guttenbergs Ungunsten entwickelte, überhaupt auf Bild.de stand, wird von Teilen der Redaktion als „suboptimal“ abgebucht, ebenso, dass sich Guttenberg nicht gleich nach den ersten Plagiatsvorwürfe zum Bild-Interview bereit erklärte.

Der Spiegel holt in seiner aktuellen Titelgeschichte zum Rundumschlag gegen Bild aus und prangert auf zwölf Seiten die Arbeitsmethoden des Blattes an. Wegen seiner politischen Stimmungsmache bescheinigt Spiegel der Bild, für die CDU „die Funktion eines rechtspopulistischen Flügels“ übernommen zu haben.


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Und die einer „Leibgarde von Karl-Theodor zu Guttenberg“. Zum Beweis listet der Spiegel all die Schlagzeilen auf: Von „Die finden wir GUTT!“ über den Aufruf zum „Guttenberg-Entscheid“ bis „Ja, wir stehen zu Guttenberg!“ Am Wochenende kam Bild am Sonntag (BamS) auf die Mitleidstour: „So leidet Guttenberg“ , dazu der Minister mit Dackelblick.

Bild funktioniert nach Flaschenhals-Prinzip

Welche besondere Beziehung besteht zwischen Guttenberg und der Springer-Presse? Welche Bedeutung hat es, dass die von Bild zur „heimlichen First Lady“ stilisierte Stephanie zu Guttenberg Botschafterin der Bild-Aktion „Ein Herz für Kinder“ ist? Dass Joachim Peter, Guttenbergs Berater im Umgang mit der Öffentlichkeit, bei der Welt Parlamentskorrespondent war, einem Springer-Blatt wie die Bild? Dass Guttenberg bei der Welt ein Praktikum absolvierte? Dass einer seiner Verwandten, Karl Ludwig von Guttenberg, stellvertretender Chef vom Dienst der Bild-Bundesausgabe ist? Dass seine Biografin Anna von Bayern, eine Freundin des Ehepaars Guttenberg, BamS-Redakteurin ist? Dass Guttenberg am Freitag das neue Buch des Bild-Parlamentsbürochefs Nikolaus Blome vorstellt?

Aber womöglich ist die Wahrheit simpler. Anders als andere Zeitungen, in denen Chefredakteure ihren Redakteuren und Ressortleitern Freiheiten lassen, funktioniert Bild nach dem Flaschenhals-Prinzip: Alles muss durch das Büro des Chefredakteurs, Bild ist das Produkt von Kai Diekmann. Bild ist Diekmann.

Auch in der Bild-Redaktion wird diskutiert. Nicht jeder ist glücklich über den täglichen Guttenberg-Jubel. Aber am Ende entscheidet die Chefredaktion, wie eine Geschichte gedreht, welches Foto gedruckt wird, wer kommentiert, wie die Schlagzeile lautet. Umso mehr in diesen Tagen: Einige Bild-Redakteure haben den Eindruck, dass Diekmann, der sich sonst beim Blattmachen mit seinen Stellvertretern abwechselt, die Führung über die tägliche Produktion noch enger als sonst an sich gezogen hat.

Merkel gilt bei Bild als unberechenbar

Diekmann findet Guttenberg wirklich gut, die beiden sind dicke miteinander, sagen Redakteure aus dem inneren Zirkel des Blattes. „KD“ und „KT“ ähneln einander schon optisch frappierend. Es darf unterstellt werden, dass sie ein unkompliziertes Verhältnis pflegen, unkomplizierter jedenfalls als jenes mit der Kanzlerin. Angela Merkel gilt bei der Bild als unberechenbar, als für testosterongesteuertes Buddy-Getue ungeeignet. Lange trug man ihr bei Springer nach, den Mindestlohn für Briefträger nicht verhindert zu haben – was zur Insolvenz von Springers 500-Millionen-Euro-Investment Pin AG führte.

Nun also Guttenberg. Der Mann, der das Zeug zum Kanzler habe, wie Bild immer wieder behauptet. Ein Politiker, der noch mehr als Altkanzler Schröder Bild und BamS als Instrument zum Regieren betrachtet. Mit einer millionenschweren Anzeigenkampagne in der nicht überdurchschnittlich von jungen Lesern genutzten Bild will das Verteidigungsministerium um Freiwillige für die Bundeswehr werben.

Der angeschlagene Guttenberg – der nächste Kanzler? Jetzt erst recht, schreibt Bild: „Ein Spitzenpolitiker muss Schrammen haben, muss durch Stahlgewitter gegangen sein. Das erdet ihn, das macht ihn menschlicher. Erst dann trauen ihm die Leute das für eine Kanzlerschaft absolut nötige Durchhaltevermögen zu.“ Weit gefehlt. Dazu wird es nun wohl nicht mehr kommen.

Guttenbergs Rücktrittserklärung (01.03.2011)

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