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Politik
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12. Oktober 2008

Nach dem Tod von Jörg Haider: "Du warst unsere Lady Diana"

 Von NORBERT MAPPES-NIEDIEK
Der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider ist tot. Der Ministerpräsident von Kärnten kam mit seinem Dienstwagen von der Straße und starb noch am Unfallort. Foto: ap

Schon am Vormittag steht eine lange Schlange vor dem Landhaus zu Klagenfurt, um zu kondolieren - viele junge Leute darunter, manche in Schwarz. Haiders Tod erschüttert Kärnten. Von Norbert Mappes-Niediek

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Jörg Haider

Geboren wird Haider als Sohn eines Schuhmachers und einer Lehrerin in Oberösterreich. Nach dem Abitur studiert er in Wien Jura.

Als Politiker startet er 1977 durch: Als FPÖ-Landesparteisekretär macht Haider die Politik zu seinem Beruf und beginnt eine steile Karriere. Lange Jahre ist der Rhetorik- und Medienprofi der "starke Mann" der Partei und zimmert im Hintergrund unter anderem an der umstrittenen Regierungskoalition im Jahr 2000 mit der konservativen ÖVP unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

Eigene Partei: Nach Konflikten mit seiner Heimatpartei macht sich Haider 2005 mit dem Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) selbstständig.

Es ist ein Moment der Wahrheit. "Die Sonne ist vom Himmel gefallen", stammelt Gerhard Dörfler, sein Stellvertreter, fassungslos, als er vom Tode seines großen Chefs erfährt. Er übernimmt jetzt die Geschäfte als Landeshauptmann. Nicht nur für ihn war Jörg Haider die Sonne, von deren Abglanz die eigene Ausstrahlung abhing. Stefan Petzner, Haiders 27-jähriger Vize als Parteichef und sein persönlicher Freund, schluchzt in die Kamera: "Er war mein Lebensmensch."

Der Vorstand von Haiders Partei BZÖ kam am Samstag zu einer Sondersitzung zusammen, beriet aber nicht über die Nachfolge. Stellvertreter Haiders sind Petzner und der frühere Verteidigungsminister Herbert Scheibner.

Schon am Samstagvormittag steht eine lange Schlange vor dem Landhaus zu Klagenfurt, um zu kondolieren - viele junge Leute darunter, manche in Schwarz. Blumen werden niedergelegt, Briefe. Die Familie Mike hat geschrieben: "Du warst unsere Lady Diana. Du warst ein Mann der Herzen."

Hunderte pilgern nach Lambichl, ein Straßendorf im Süden der Landeshauptstadt Klagenfurt. Dort steht das völlig zerstörte Unfallauto. Tränen auch hier, echte. Haider hatte ungezählte "Freunde" - Menschen, von denen er den Namen wusste oder denen er vermitteln konnte, er erkenne sie.

Haider war wohl erschöpft, als er in der Nacht zum Samstag in Velden am Wörthersee in seinen Dienstwagen stieg, um die 50 Kilometer nach Hause ins Bärental zu fahren. Der 10. Oktober ist in Kärnten Tag der "Abstimmungsfeiern": Nationale "Deutschkärntner", Haiders Kernwähler, feiern ihren Sieg über die Slowenen in einer Volksabstimmung 1920, der sicher stellte, dass ihr Land an Österreich und nicht an Jugoslawien kam.

Feier reiht sich an Feier. Gegen ein Uhr begleitet sein Freund Stefan den Landeshauptmann zum Auto. Anderntags will Haider zu Hause den 90. Geburtstag seiner Mutter feiern, die aus seinem Heimatort Bad Goisern angereist ist. Der notorische Schnellfahrer will auf die Autobahn, nimmt 20 Kilometer Umweg in Kauf.

Um 1.18 Uhr geht ein Notruf ein: Eine Autofahrerin hat beobachtet, wie ein Volkswagen Phaeton auf der leicht nebligen Loibl-Passstraße in Lambichl nach dem Überholen auf den Randstreifen geriet und sich mehrmals überschlug. Nach acht Minuten ist die Notärztin zur Stelle, stabilisiert den Verunglückten so weit, dass er transportfähig ist.

Noch im Wagen stirbt Jörg Haider, 58 Jahre alt. Er hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Töchter. Die Obduktion ergibt, dass jede der vielen Verletzungen tödlich gewesen wäre. Der VW Phaeton, 240 PS, ein sicheres Auto, ist Schrott. Haider war mit 142 Kilometer pro Stunde unterwegs, erlaubt waren 70. Schon munkeln Verschwörungstheoretiker, jemand müsse am Wagen "manipuliert" haben, vielleicht ein Slowene - das passe zum Todesdatum.

Die technische Untersuchung des Wracks ergibt aber, dass der Wagen völlig in Ordnung war. Manche mutmaßen, Haider sei nicht nüchtern gewesen. Bald werden die Chatrooms der Zeitungen und des ORF geschlossen. Es seien zu viele "pietätlose Postings" eingegangen, lautet die Begründung.

Politiker-Kollegen melden sich zu Wort - die meisten mit knappen Statements, die nicht alle Feindschaft überdecken. Ein "Politiker mit großen Begabungen" sei er gewesen, sagt Bundespräsident Heinz Fischer. Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) nennt den Rechtspopulisten einen "engagierten Sozialpolitiker".

SPÖ-Chef Werner Faymann sagt, der "Ausnahmepolitiker" Haider habe das Land "geprägt". Der mutmaßliche nächste Kanzler ist gegen eine Koalition mit den Rechten, was in seiner Partei umstritten ist. Salzburgs SPÖ-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, lange als kommende Kanzlerin gehandelt, preist den Verstorbenen als "kommunikativ" und "engagiert". Sie habe einen "Kollegen verloren, der vor allem die Fähigkeit hatte, nach vorne zu schauen".

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