Die SPD hat die Linke vor sich hergetrieben, jetzt ruft Gabriel die Basis der Linken zur Palastrevolution auf. Dann könnte es womöglich schon 2013 etwas mit einer rot-grün-roten Koalition auf Bundesebene werden. Von Damir Fras und Jörg Schindler
Nach der Wahl des Bundespräsidenten plant die Opposition den Palastaufstand.
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Nach der Wahl des Bundespräsidenten plant die Opposition den Palastaufstand.
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Berlin. Am Tag danach gibt sich SPD-Chef Sigmar Gabriel immer noch empört. Die Linkspartei sei es gewesen, die Christian Wulff (CDU) zum Staatsoberhaupt gemacht habe. Die Linke könne sich in Wahrheit nicht von ihrer DDR-Vergangenheit lösen und habe deswegen Joachim Gauck nicht gewählt. "In der Bundesversammlung hat ausgerechnet unter der Führung von Oskar Lafontaine noch einmal die alte SED-Nachfolgepartei entschieden", sagt Gabriel der FR.
Das liege daran, dass Lafontaine immer einen äußeren Feind brauche, weil sonst die inneren Konflikte in seiner Partei aufbrächen. Gestern sei der Feind Joachim Gauck gewesen, heute und morgen werde es wieder die SPD sein: "So aber wird die Partei "Die Linke" nie vollends in der parlamentarischen Demokratie und schon gar nicht in einer Bundesregierung ankommen."
Die Stimmung ist bestens.
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Gabriels Poltern kann aber die Freude nicht überdecken, die die SPD-Spitze wegen des Stimmverhaltens der Linkspartei empfindet. Die Linke ist in die Falle getappt, die ihnen die SPD gestellt hat. Zum ersten Mal lassen sich die Linken von den Sozialdemokraten treiben. Zum ersten Mal kann Gabriel hoffen, dass seine Aufrufe zur Revolution gehört werden: "Die Reformer der Partei Die Linke müssen jetzt endlich den Kampf aufnehmen. Sie dürfen nicht länger zulassen, dass Lafontaine und Wagenknecht mit ihrer Mischung aus Machiavellismus und Beton-Kommunismus das Zepter schwingen." Das Kalkül: Übernehmen in der Linkspartei die Realos die Macht, könnte es womöglich auch schon 2013 etwas werden mit einer rot-rot-grünen Koalition auf Bundesebene.
So sind am Tag nach der Wahl auch die Äußerungen der Grünen zu verstehen. Zwar empört sich Parteichefin Claudia Roth und sagt: "Mit einer Linkspartei, die in dieser Weise agiert, ist verantwortliche Politikgestaltung nicht möglich." Doch Roth will ein rot-rot-grünes Projekt nicht ausschließen - eine Kurskorrektur der Linken vorausgesetzt.
Promis - auch sie wählten den Bundespräsidenten
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Promis - auch sie wählten den Bundespräsidenten
Auch der Olympiasieger Georg Hettich wird in der Bundesversammlung sitzen.
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Neben den 622 Mitgliedern des Bundestages gehört auf Wunsch von CDU/CSU/FDP auch die Verlegerin Friede Springer - obwohl ihre Zeitungen Sympathie für den Kandidaten der anderen Seite, Gauck, bekundet haben. Generell hat die Koalition weniger Prominente als in anderen Jahren bestimmt - um kein Risiko einzugehen.
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Wie alle Wahlmänner im Reichstag ist auch Sänger Konstantin Wecker frei, zu wählen wen er möchte - es wird mit verdeckten Stimmzetteln abgestimmt.
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Anders als andere Bundesbürger darf auch Sänger Sebastian Krumbiegel von der Gruppe Die Prinzen den Bundespräsidenten mitbestimmen.
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Paralympics-Reiterin Hannelore Brenner ist von der SPD in die Bundesversammlung entsendet.
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Schriftsteller Navid Kermani wird von den Grünen in den Reichstag geschickt. In den ersten beiden Wahlgängen muss ein Kandidat eine absolute Mehrheit erreichen, um gewählt zu sein. Diese liegt bei 623 Stimmen.
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Politisch brisant ist die Nominierung der früheren FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher durch die Grünen. Wird in den ersten Wahlgängen kein Bundespräsident gewählt, reicht im dritten Wahlgang eine einfache Mehrheit.
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Die FDP schickt unter anderm den früheren DIHK-Präsidenten Ludwig Georg Braun ins Rennen.
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Wenn die Schauspielerin Nina Hoss über den Bundespräsidenten mit abstimmt werden 646 Wahlleute von der Koalition bestimmt sein. Für einen Sieg im ersten Durchgang sind 623 Stimmen nötig.
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Die Grünen haben auch Filmregisseur Sönke Wortmann für die Bundesversammlung nominiert.
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Die fünffache Goldmedaillen-Gewinnerin der Paralympics in Vancouver, Verena Bentele, wird ebenfalls in der Bundesversammlung sitzen - für die SPD. Dort wird es vier Vorschläge geben: Union und FDP schicken den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, SPD und Grüne den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck, die Linkspartei die TV-Journalistin Lukrezia Jochimsen und die rechtsextreme NPD den Liedermacher Frank Rennicke ins Rennen.
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Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, wird auf Wunsch der FDP in der Bundesversammlung sein.
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Normalerweise tritt die Bundesversammlung alle fünf Jahre zur Wahl des Bundespräsidenten zusammen. Horst Köhlers Abschied hat das beschleunigt. Unter den Delegierten wird auch Schauspielerin Martina Gedeck sein - auf dem Ticket der Grünen.
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Christian Wulff: Der zehnte Bundespräsident
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Christian Wulff: Der zehnte Bundespräsident
Christian Wulff im Jahr 1981. 1975 trat Wulff in die CDU ein und wurde 1979 in den Bundesvorstand der Jungen Union gewählt, wo er bis 1983 blieb.
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1994 wurde er Spitzenkandidat für die niedersächsische Landtagswahl - und scheiterte. Vier Jahre später startete Wulff (r.) unter Applaus vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl den zweiten Versuch.
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Doch wieder klappte es nicht. Wulff blieb Fraktionsvorsitzender seiner Partei - die Regierungserklärung hielt sein langjähriger Rivale: Gerhard Schröder.
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Christian Wulff (r.) startete einen dritten Anlauf zur Regierungsübernahme in Niedersachen im Jahr 2003 - und diesmal klappte es. Auch die Koalitionsverhandlungen mit der FDP endeten erfolgreich.
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Nach neun Jahren Wartezeit hatte er es geschafft: Wulff wurde Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und verdrängte damit Sigmar Gabriel (r.) aus der Staatskanzlei.
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Christian Wullf bei seiner ersten Regierungserklärung als Ministerpräsident im Jahr 2003.
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Lange Zeit wurde Christian Wulff (r.) als einer der Kronprinzen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte) gehandelt - und als ihr möglicher Nachfolger. In einem Interview gab Wulff allerdings bekannt, dass er dieses Amt nicht anstrebe. Er sei kein "Alphatier".
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Seit seinem Sieg bei des Landtagswahl 2003 lief es für Wulff. 2008 konnten er mit Hilfe seines Wahlkampfteams die Regierungsmehrheit - trotz Stimmenverlusten - verteidigen.
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In der Öffentlichkeit zeigt sich Christian Wulff häufig mit seiner Familie - wie hier beim "Tag der Niedersachsen". Seit 2008 ist er mit Bettina Wulff (l.) verheiratet.
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Wulff lebt heute in einer klassischen Patchwork-Familie: Er und seine heutige Frau Bettina brachten jeweils ein Kind aus ihren vorigen Beziehungen mit in die Ehe. 2008 wurde ihr gemeinsames Kind geboren.
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Als erste Frau mit Migrationshintergrund ernennt Wulff 2010 Aygül Özkan (l.) zur Landesministerin. Seitdem ist sie Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration.
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Christian Wulff empfängt am 30.5. die Gewinnerin des Eurovision Song Contest in Oslo, Lena Mayer-Landrut (Mitte), und TV-Moderator Stefan Raab (l) auf dem Flughafen in Hannover.
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Doch ein Alphatier? Nach dem Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsident wird überraschend Christian Wullff (2.v.r.) als Kandidat von Union und FDP für die Bundespräsidentenwahl nominiert. CSU-Chef Horst Seehofer (l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel (2. v.l.) und Außenminister Guido-Westerwelle (r.) bei der Vorstellung ihres Kandidaten.
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Mit der Wahl zum Bundespräsidenten ist seine Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen vorbei. Seine Nachfolge tritt David McAllister (r.) an.
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Christian Wulff ist der zehnte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. In der längsten Bundesversammlung der Geschichte wurde er erst im dritten Wahlgang gewählt - geduldig sein ist der gebürtige Osnabrücker aus seiner bisherigen politischen Laufbahn längst gewöhnt.
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Gysi sieht positive Signale
Die Linke macht derzeit aber keine Anstalten, den Forderungen nachzukommen. Sie sieht zwar die Chancen für rot-rot-grüne Kooperationen gestiegen. Die Tatsache, dass es vor dem dritten Wahlgang zu einem Gespräch zwischen rot-rot-grünem Spitzenpersonal gekommen sei, lasse hoffen, sagt Linksfraktionschef Gregor Gysi der FR. "Immerhin: Sie haben ja mit uns geredet. Es war halt nur zu spät. Aber vielleicht beginnt jetzt mal eine Normalisierung unseres Verhältnisses." Er sei sicher: "Wenn Christian Wulff in einem Jahr zurückträte, würden SPD und Grüne wohl gleich mit uns reden." Und Linkenchef Klaus Ernst versichert, er stünde für ein "Bündnis der sozialen Gerechtigkeit" bereit. Ein konzertiertes Vorgehen etwa gegen das Sparpaket werde nicht an der Linken scheitern.
Doch am Donnerstag überwiegt der scharfe Ton. Da keilt die Linkspartei munter zurück. "Herr Gabriel entwickelt sich zum Problembär der Oppositionsparteien", sagt Ernst. Gabriel habe den Kandidaten Gauck kalt lächelnd für eine Machtdemonstration benutzt. "Herr Gabriel wusste, dass er unsere Stimmen bei diesem Vorgehen, bei diesem Kandidaten nicht bekommen kann." Um eines zweifelhaften Erfolges willen, habe er das jedoch in Kauf genommen. SPD und Grünen sei es nie darum gegangen, mit den Linken gemeinsame Sache zu machen, sagt Gysi: "Die wollten keinen gemeinsamen Oppositionskandidaten, die wollten uns vorführen." Er müsse einräumen, dass das gelungen sei. Sollten SPD und Grünen aber glauben, sie hätten das Feld als Sieger verlassen, "dann irren sie sich. Sie sind auch beschädigt, weil sie dem spielerischen Vorführelement mehr Bedeutung beigemessen haben als der Verständigung" auf einen rot-rot-grünen Kandidaten.
Linkenvize Halina Wawzyniak äußert angesichts der Beschimpfungen Zweifel, ob das aktuelle Spitzenpersonal der drei Parteien zueinander finden könne. "Die Generation Ü50 kriegt es einfach nicht hin, die sind zu sehr ineinander verkeilt." Es sei notwendig, "dass die zweite und dritte Reihe miteinander ins Gespräch kommen." Wawzyniak verweist auf ein Thesenpapier, dass 25 Nachwuchspolitiker von SPD, Grünen und Linken am Mittwoch verabschiedet haben. Das Motto des Papiers: "Andere Mehrheiten sind möglich."