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18. März 2016

Nachruf: Guido Westerwelle ist tot

 Von 
Westerwelles Blutkrebs-Erkrankung war 2014 festgestellt worden.  Foto: rtr

Kein anderer Politiker seiner Generation hat so polarisiert wie Guido Westerwelle. Die Hoffnung auf ein neues Leben nach der Politik machte eine heimtückische Krankheit zunichte.

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Er war ein Kämpfer. In der Politik. Im Leben. Kein anderer Politiker seiner Generation hat so polarisiert wie Guido Westerwelle. Und so erfolgreich. Doch dem größten Wahlsieg in ihrer Geschichte folgte die größte Niederlage. Er verlor alle Ämter. Seine Partei flog aus dem Bundestag. Die Hoffnung auf ein neues Leben nach der Politik machte eine heimtückische Krankheit zunichte. Mit eisernem Willen hat er sich dagegen gewehrt. Vergeblich. Als eiskalten neoliberalen Ideologen haben seine Gegner ihn verteufelt, als „Spaßpolitiker“ verhöhnt. Gestorben ist Guido Westerwelle als tragische Gestalt.

Der junge Mann war immer als erster da. Sonntagabends, wenn irgendwo eine Wahl stattfand. Mitte der 80er Jahre war das, im Thomas-Dehler-Haus, das damals noch in Bonn stand, zwei Steinwürfe weg vom Rhein. Er mischte sich unter die Korrespondenten, die darauf warteten, dass einer der wichtigeren Herren sich in der FDP-Zentrale einfand. Ihnen galt es, ein Zitat zu entlocken zum Zustand ihrer Partei, der durch das Ergebnis der Landtagswahl wieder einmal nicht besser geworden war.

Guido Westerwelle war zwar nicht so wichtig. Aber frech. So schaffte es der Vorsitzende der Jungen Liberalen immer öfter in die Montagsausgaben der Tageszeitungen. Später rückte er in den Parteivorstand auf und übernahm die Führung des wichtigen FDP-Kreisverbandes Bonn. Und irgendwann hatten sich seine Fähigkeiten nicht nur unter den Journalisten herumgesprochen, sondern auch in seiner Partei, die weiter Wahl um Wahl verlor.

Schließlich machte der angeschlagene Parteichef Klaus Kinkel den aufmüpfigen jungen Mann kurz vor dessen 33. Geburtstag zum Generalsekretär. Sein Nachfolger Wolfgang Gerhardt behielt ihn. Als auch er den Niedergang der FDP nicht stoppen konnte, schlug Westerwelles Stunde. Anfang Mai 2001 wurde er zum Parteivorsitzenden gewählt. Die „Ära Westerwelle“ aber war da längst im Gange.

Denn bereits vier Jahre zuvor hatte er der FDP ein neues Grundsatzprogramm verordnet, das mehr denn je die Interessen der Wirtschaft hervorhob. Und vor allem: Den freien Markt.

Auch den Koalitionsfrieden im 16 Jahre währenden Bündnis mit CDU und CSU hatte er schon als Generalsekretär aufgekündigt. In einem Buch mit dem Titel „Neuland“ rechnete er mit dem „ewigen Kanzler“ Helmut Kohl ab und propagierte den „Einstieg in einen Politikwechsel“. Der kam im Herbst 1998 - aber anders als er gehofft hatte, mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer.

FDP zur oppositionellen Kampfmaschine umgebaut

Die folgenden zehn Jahre in der Opposition gaben Westerwelle die Gelegenheit, die FDP nach seinem Bild zu formen. Ohne den Zwang zum Kompromiss als Juniorpartner in einer Regierungskoalition. Vor seiner Zeit hatte die FDP um Stimmen für sich geworben, damit Kohl Kanzler bleiben könne. Derlei Selbsterniedrigung sollte sich nie mehr wiederholen. Das schwor er sich. Die Partei lag ihm dafür zu Füßen.

Guido Westerwelle gestorben

Rund um die folgende Bundestagswahl schaffte er es jedoch, seinen Ruf nachhaltig zu beschädigen. Westerwelle ging einen Pakt zwar nicht mit dem Teufel ein, aber mit Jürgen Möllemann. Den Bonner Bürgersohn faszinierte der Elan (aber auch die Skrupellosigkeit) des passionierten Fallschirmspringers, der seinen Vorgängern das Leben zur Hölle gemacht hatte. Der zeitweilige Wirtschafts- und Bildungsminister, ein langjähriger Schützling des liberalen Übervaters Hans-Dietrich Genscher wollte aus der FDP eine Volkspartei neuen Typs formen - nach Vorbildern in den Niederlanden, Österreich und Skandinavien. Allesamt mehr rechts als liberal. Wichtigster Ausweis der Ebenbürtigkeit mit den Großen: Ein eigener Kanzlerkandidat der Partei, die sich bislang stets mit dem Außenministerium als wichtigstem Regierungsamt zufrieden gegeben hatte.

Dass Möllemann diese Position einnahm, konnte der Vorsitzende Westerwelle nicht hinnehmen. Er kämpfte. Aus einer dramatischen Redeschlacht auf einem Parteitag in Düsseldorf ging er als Sieger hervor. Im Wahlkampf 2002 fuhr der Kanzlerkandidat nun  im FDP-gelben „Guidomobil“ durch die Republik und machte bei der RTL-Trash-Show „Big Brother“ Station. Für den ARD-Talk am Sonntagabend ließ er sich sein Wahlziel in eine Schuhsohle ritzen: 18 Prozent. Der „Spaßpolitiker“ war geboren.

Außenminister Guido Westerwelle mit Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2010.  Foto: REUTERS

Im politischen Leben des FDP-Vorsitzenden war diese Phase nicht mehr als ein Intermezzo. Aber der Ruch des Unseriösen sollte an ihm haften bleiben, selbst als er hochseriös das Außenministerium übernommen hatte. Doch bis dahin galt es, nach der rot-grünen Regierung erst noch eine große Koalition durchstehen. Ein Bündnis zweier „sozialdemokratischer Parteien“, wie er polemisierte. Diese Sicht auf CDU, CSU und SPD hat sich in der FDP bis heute gehalten.

Guido Westerwelle baute seine Partei, die so lange wie keine andere in der Bonner Republik mitregiert hatte, zur oppositionellen Kampfmaschine um. Er warf zwar nicht die Freiheit des Individuums, die Bürgerrechte, die Entspannungspolitik aus dem Programm und den Reden der FDP-Politiker. Aber er ließ sie zur Nebensache schrumpfen. In den Mittelpunkt der Selbstdarstellung rückte ein einziges Wort: Steuersenkung. Ein niedrigeres, einfacheres, gerechteres Steuersystem sollte her. Einer ähnlichen Engführung wegen verurteilten die Wähler Angela Merkel 2005 zur großen Koalition.

Guido Westerwelle - Eine Polit-Karriere mit Höhen und Tiefen

Westerwelle sah sich dadurch erst recht bestärkt, das liberale Alleinstellungsmerkmal zu hegen. Seine „Steuersenkungspartei“ weckte sehnsüchtige Blicke aus dem Wirtschaftsflügel der Union. Dem musste die Bundeskanzlerin zu viele Kompromisse mit der SPD machen. Die Identität der CDU als Marktwirtschaftspartei schien in Gefahr. So entstand der Traum von der Neuauflage der bürgerlichen „Wunschkoalition“. Der FDP-Vorsitzende, einst peinlich bedacht auf die Eigenständigkeit seiner Partei, nährte ihn nach Kräften. Am 27.September 2009 ging er in Erfüllung.

Das Maß in seiner Polemik verloren

Mit 14,6 Prozent holte die FDP das beste Ergebnis in ihrer Geschichte. Mehr als die legendären 12,8 Prozent von 1961. Damals war die Partei mit dem Slogan angetreten: „Für die CDU – ohne Adenauer.“ Dass sie dennoch eine Koalition unter der Führung des greisen Kanzlers einging, begründete ihren Jahrzehnte währenden Ruf als „Umfallerpartei“. Doch der Rekordsieger Westerwelle stand nun vor einem ähnlichen Dilemma wie sein Vorgänger Erich Mende: Er hatte die Wahl mit einem Versprechen gewonnen, das er nicht halten konnte. Jedenfalls nicht sofort. Adenauer trat 1963 doch noch zurück. Von Westerwelles neuem Steuersystem blieb am Ende kaum mehr als eine Erleichterung für das Beherbergungsgewerbe. Die „Hotelsteuer“ sollte ihm und der FDP am Hals hängen wie ein Mühlstein.

Doch so maßvoll er mit der Erfüllung seiner Wahlversprechen verfuhr, so sehr verlor er das Maß in seiner Polemik. Westerwelle war stets ein Mann des scharfen Wortes. Aber in der Debatte um die Reform des Sozialleistungssystems, die der sozialdemokratische Kanzler Gerhard Schröder mit seiner „Hartz“-Reform begonnen hatte, sagte der FDP-Chef einen verhängnisvollen Satz: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“ Damit mutierte der größte liberale Wahlsieger zum unbeliebtesten Politiker der Republik. Aus der Traumkoalition war ein Albtraum geworden.

Der damalige Außenminister Guido Westerwelle wartet 2012 auf die Ankunft seines spanischen Amtskollegen.  Foto: dpa

Und dann ging alles sehr schnell. Eine Gruppe jüngerer FDP-Politiker um Gesundheitsminister Philipp Rösler (auch der heutige Vorsitzende Christian Lindner gehörte dazu) nötigte den einstigen liberalen Superstar zum Rückzug von der Parteispitze. Nur Außenminister durfte er bleiben. Der Rest ist Geschichte. Sein Nachfolger konnte die versprochenen Erfolge nicht liefern. Zu Westerwelles Hybris gesellte sich handwerkliches Unvermögen. Und die Partei wachte in der rauen Wirklichkeit der außerparlamentarischen Opposition auf.

Guido Westerwelle aber sollte keine Zeit bleiben, diese politische Berg- und Talfahrt zu verarbeiten oder seine Leidenschaft für zeitgenössische Kunst zu frönen. Nicht einmal ein Jahr nach der verheerenden Bundestagswahl machte er wieder Schlagzeilen, aber diesmal von einer Art, wie er sie sich wohl am wenigsten hätte vorstellen können. Eine Routineuntersuchung seinem Blutes nach einem Sportunfall zeitigte ein verheerendes Ergebnis: Leukämie. Sein letzter Kampf hatte begonnen. 

Lindner zeigt sich tief betroffen von Westerwelles Tod

Er führte ihn wieder mit einem Mann zusammen, der schon einmal eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hatte. Der Journalist Dominik Wichmann hatte ein Interview mit Fotos illustrieren lassen, die Westerwelle im weißen Anzug mit rosa Hemd in einer venezianischen Gondel zeigten. Eine Referenz an Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ und das erste öffentliche, wenn auch noch unausgesprochene Bekenntnis zu seiner Homosexualität. 

Der Politiker hatte sich jahrzehntelang nicht geoutet, auch noch als seine sexuelle Orientierung in der politisch-journalistischen Welt längst ein offenes Geheimnis war. Manche sahen in seinem nahezu obsessiven Drang nach Anerkennung, seiner verbissenen Art der politischen Auseinandersetzung auch ein Produkt dieser Camouflage. Öffentlich bekannte er sich erst zu seiner Homosexualität, als er in Gestalt des Sportveranstalters Michael Mronz einen festen Lebenspartner gefunden hatte. Schnell heiratete das Paar.

Nun fragte der so lebensbedrohlich erkrankte Westerwelle den Journalisten, auf den er sich schon einmal hatte verlassen können: Ob er wohl bereit wäre, ihm bei einem Buch zu helfen? Dass „Zwischen Zwei Leben“ sein letztes werden sollte, konnte er da allenfalls ahnen. Doch noch vom Krankenbett wollte er etwas bewirken. Wenn er schon nicht das Land verändern konnte oder wenigstens sein Steuersystem, wollte er nun Menschen helfen, die es besonders nötig hatten. Er wollte ihnen ein Beispiel geben, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben, sondern zu kämpfen.

Sein eigenes Schicksal sollte zeigen, wie wichtig, eben lebensrettend eine Organspende sein kann. Nach einer Knochenmark-Transplantation ging es ihm besser, so schien es. Wie einst in seine Wahlkämpfe stürzte er sich in die Kampagne zur Verbreitung des Buches, dessen Offenheit und emotionale Intensität auch seine einstigen Gegner beeindruckte. Doch schon kurz nach den ersten Talkshows musste er ins Kölner Universitätsklinikum zurückkehren. Dort hat Guido Westerwelle am Freitag seinen letzten Kampf verloren.

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